Buchtipp

«Die Scham muss die Seite wechseln»: Ein Buch, das Verantwortung einfordert

Mit «Die Scham muss die Seite wechseln» von Gisèle Pelicot liegt ein Buch vor, das nicht nur ein sensibles Thema behandelt, sondern an einen moralischen Grundnerv unserer Gesellschaft rührt.

Schon der Titel formuliert keine vorsichtige These, sondern eine klare ethische Forderung. Scham, so die zentrale These des Buches, gehört nicht den Verletzten, den Gedemütigten, den zum Schweigen Gebrachten, sondern jenen, die Gewalt ausüben, vertuschen, relativieren oder sich in Systemen von Macht und Wegsehen absichern.

Das Buch kreist um eine Erfahrung, die zutiefst persönlich und strukturell gesellschaftlich ist. Scham erscheint hier nicht als blosses Gefühl unter vielen, sondern als innere Folge von Gewalt, Missbrauch und Demütigung. Mit grossem Mut hat sich die Autorin dem tiefsten Abgrund gestellt.

Besonders eindringlich wird gezeigt, dass Scham nicht nur aus dem Erlebten selbst entsteht, sondern auch aus dem Umfeld danach: aus Zweifeln, aus Schweigen und der Weigerung von Institutionen und Gemeinschaften, den Betroffenen Glauben zu schenken. Das Buch erzählt nicht nur von Verletzung, sondern auch von den gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen diese Verletzung weiterwirkt.

Seine grösste Stärke liegt in der Verbindung von Klarheit und Empathie. Der Text nähert sich mit grosser Sensibilität, ohne dabei auszuweichen. Er weiss um die Zerbrechlichkeit derer, die Scham tragen mussten, und spricht dennoch mit bemerkenswerter Entschiedenheit über Verantwortung. Gerade diese Doppelbewegung – behutsam gegenüber den Betroffenen und unerbittlich gegenüber den Tätern und ihren Schutzräumen – verleiht dem Buch seine besondere Autorität.

Beeindruckend ist auch, wie konsequent das Buch mit einer langen Logik bricht: jener Logik, nach der die Opfer sozial markiert bleiben, während die Schuldigen auf Diskretion, institutionelle Deckung oder gesellschaftliche Milde hoffen dürfen. «Die Scham muss die Seite wechseln» arbeitet gegen diese Verkehrung an. Dies wurde klar, als Gisèle Pelicot sich dazu entschied, den Prozess öffentlich zu machen. Es ist somit nicht nur ein Buch über individuelles Leid, sondern auch über Macht: Wer entscheidet, wer darüber sprechen darf? Wem wird geglaubt? Wie stabilisiert sich Unrecht über Generationen oder in Institutionen? Gerade diese Dimension macht die Lektüre streckenweise unbequem, aber auch notwendig.

Das Buch setzt auf Eindringlichkeit statt Schonung und sucht die präzise Benennung. Das ist eine Stärke, auch wenn manche Passagen gerade wegen ihrer seelischen und moralischen Dichte schwer zu ertragen sind. Ich musste das Buch ab und zu zur Seite legen, gerade auch deshalb, weil es jegliches Beschönigen weglässt, und das zu Recht!

Ein Thema wie dieses lässt sich nicht in glatten Formeln schönreden, denn wo Scham ein Leben deformiert hat, wäre eine sanftere Sprache eine Form der Verharmlosung.

Dieses Buch leistet Aufklärung und es entfaltet Anklage ohne den Menschen aufzugeben. Seine eigentliche Leistung besteht darin, Scham nicht als privates Problem Einzelner zu behandeln, sondern als Ausdruck eines sozialen Kräfteverhältnisses. Dadurch verändert sich auch die Perspektive auf Gerechtigkeit. Nicht die Betroffenen müssen sich erklären oder rehabilitieren, sondern die Gesellschaft und ihre Institutionen müssen sich fragen lassen, warum sie Täter so oft schützen und Opfer so oft allein lassen.

Am Ende ist «Die Scham muss die Seite wechseln» ein mutiges, verstörendes und doch wichtiges Buch. Es ist keine bequeme Lektüre, aber eine notwendige. Wer es liest, begegnet nicht nur den Abgründen persönlicher Verletzungen, sondern auch dem kollektiven Wegsehen. Gerade darin liegt seine Kraft. Das Buch verlangt, dass Verantwortung dort sichtbar wird, wo sie hingehört, und dass Würde denen zurückgegeben wird, denen sie genommen wurde.

Ein eindringliches, gesellschaftlich hochrelevantes Buch.

Bibliografie
Gisèle Pelicot: «Die Scham muss die Seite wechseln: Eine Hymne an das Leben», Piper Verlag,
ISBN: 978-3-492-07435-3.

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