
Der Himmel über Luzern trägt an diesem Freitagabend Festgewand. Kunststück: Auf dem Europaplatz spricht mit Elisabeth Baume-Schneider jene Bundesrätin, deren Departement auch für MeteoSchweiz zuständig ist. Andrea Gmür-Schönenberger weist genüsslich darauf hin. Der Platz ist voll, See und Berge stehen Modell, das KKL glänzt, Luzern hat seine Postkarte frisch gebügelt.
Nachahmer der roten Kappen bis ins Weisse Haus
Vor vollen Rängen geben die Gäste aus Menznau den Ton an. In roten Kappen. Ein Trend, der via Bundesrat bis ins Weisse Haus Nachahmer findet. Zu dessen Hausherr später mehr. Die Musikgesellschaft Geiss, die Feldmusik Menznau und die Musikgesellschaft Menzberg bilden eine Bläserformation. Dazu kommen die Gupf-Örgeler.
Dass Luzern regelmässig Mitglieder des Bundesrates an seine Feier locken kann, ist Tradition. Wenige Politikerinnen sind in Bern so gut vernetzt wie Ständerätin Andrea Gmür-Schönenberger, Präsidentin des Vereins 31/07 Bundesfeier. Vermutlich darf sie dann anrufen, wenn in einer Bundesratsküche grad das Risotto zieht. Gemeinsam mit OK-Präsidentin Bettina Rizzi, von Gmür als «unsichtbare Heldin» gewürdigt, hält sie den Top-besetzten Anlass zusammen.
Einheit in der Verschiedenheit: die DNA der Schweiz
Gmür eröffnet pointiert. Die Schweiz sei sicher, frei und neutral. Und bleibe es «auch ohne Neutralitätsinitiative». Neutralität bedeute nicht Vogel-Strauss-Politik, sondern für Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechte einzustehen. Feiern ja, Selbstbeweihräucherung nein.
Das sieht Baume-Schneider ebenso. Im direkten Gespräch mit dieser Zeitung sagt sie, die 1.-August-Rede habe ihren Sinn nicht verloren: «Es lohnt sich, darüber zu sprechen, und es lohnt sich, den Menschen zuzuhören.» Links und rechts, Stadt und Land, Jung und Alt: Diese Einheit in der Verschiedenheit sei «die DNA unseres Landes». Die Welt habe sich verändert; jenseits des Atlantiks werde weniger verhandelt als Geschäfte gemacht. Der Schweiz gehe es gut, «aber sie darf nicht einschlafen». Am Nationalfeiertag solle sie nicht so tun, als sei sie «Königin der Welt», sondern Kritik und Bedürfnisse anhören.

Realität in den USA, Fasnachtsnummer in Luzern
In Luzern findet sie das Bild des Abends: Sie wünsche sich «eine Gesellschaft wie das KKL – mit einer Akustik, in der man jeden Unterschied und jede Minderheit hört».
Stadtpräsident Beat Züsli liefert die sportpolitische Fussnote. Beim FCL werde sich die Politik bei gelben oder roten Karten nicht einmischen, «auch nicht im Nachhinein, auch wenn es mich manchmal reizen würde». Züsli nennt den schon erwähnten Hausherr nicht. Der US-Präsident intervenierte an der WM bei Fifa-Chef Gianni Infantino wegen der roten Karte gegen US-Stürmer Folarin Balogun. In Luzern wäre so etwas eine Fasnachtsnummer.
Die 1. August-Feier ist nicht so alt
Menznaus Gemeindepräsident Martin Schwegler hält sich an die Regel, «lieber eine kurze Rede zu halten und dafür lange Würste servieren.» Dann gräbt er in der Gründungsgeschichte. Die Bundesfeier ist jünger, als ihr Pathos vermuten lässt: 1891 verband Bern sein 700-Jahr-Jubiläum mit 600 Jahren Eidgenossenschaft; der Bundesbrief von 1291 wurde zum identitätsstiftenden Dokument. Die Erzählung wirke integrativ. Seit 1899 wird jährlich gefeiert, arbeitsfrei ist der 1. August seit 1994.
Baume-Schneider führt in ihrer Festrede den Gedanken weiter. Zwischen dem Pharmakonzern MSD und der benachbarten Caritas-Zentrale, zwischen Spitzenforschung und Armutsbekämpfung erkennt sie Luzerns Fähigkeit zum sozialen Ausgleich. Zusammenhalt sei ein Wort, das man am 1. August oft höre, «etwas weniger häufig im restlichen Jahr».
Starke Frauen auf dem Luzerner Stadtplan
Dann nimmt sie das Publikum mit zu vier Frauen: zur Ärztin Anna Neumann, zur Schriftstellerin Cécile Lauber, zur Sozialpionierin Johanna Hodel und zur Politikerin Judith Stamm. Drei Strassen in der Tribschenstadt und der Judith-Stamm-Platz erinnern an Persönlichkeiten, die soziale Gerechtigkeit, Umweltbewusstsein und Gleichstellung vorantrieben. Starke Frauen erscheinen nicht als Festtagsformel, sondern auf dem Stadtplan.
Von dort spannt Baume-Schneider den Bogen zur AHV, die Schritt um Schritt gesichert werde. «Stabilität entsteht nicht dadurch, dass man auf die perfekte Lösung wartet.» Auch die Beziehungen zur EU seien kein Selbstzweck, sondern eine Investition in Sicherheit und Wohlstand.
Klare Meinung zum Frühfranzösisch
Deutlich wird sie bei der Mehrsprachigkeit. Sie mache die Schweiz zur kulturellen Übersetzerin Europas. Wenn im Kanton Luzern das Frühfranzösisch verschoben werde, sei das für den Zusammenhalt nicht förderlich, «es schwächt ihn – das ist die falsche Richtung für unser Land».
Am Ende erhebt sich der Europaplatz zur Nationalhymne. Nicht jede Stimme trifft jeden Ton. Das passt. Die Rednerinnen und Redner sprechen unterschiedlich und landen beim selben Gedanken: Die Schweiz hält nicht zusammen, weil alle dasselbe sagen. Sie hält zusammen, wenn Unterschiede hörbar bleiben. Und trotzdem ein gemeinsames Lied entsteht.



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