«Whatever». Was auch immer. So lautete die Antwort von Jude Bellingham auf die Kritik von Thomas Tuchel. Letzterer, seit Januar 2025 Trainer Englands, erklärte nach dem 2:1-Sieg seiner Mannschaft gegen Norwegen im Viertelfinal der Weltmeisterschaft, dass er die Leistung nicht gut fand. Fussballerisch, wohlgemerkt. Punkto Mentalität lobte er seine Spieler in höchsten Tönen – «man hätte sie in Flaschen abfüllen können».
Nur: Dieser Teil wurde Bellingham, neben Captain Harry Kane die grosse Figur der «Three Lions», nicht zugetragen. Dass Tuchel von einem «schlampigen» Auftritt sprach, hingegen schon. Bellingham liess dies nicht auf sich sitzen.
Tuchel wisse halt nicht, wie es sei, bei den Bedingungen in Miami – schwülheiss, hohe Luftfeuchtigkeit, tiefer Platz – gegen die Erling Haalands oder Martin Ödegaards dieser Welt anzutreten. Was Bellingham nicht sagte, jedoch implizierte: Sein Trainer hat keine Karriere auf Weltniveau gemacht. Einsätze für die Stuttgarter Kickers in der 2. Bundesliga sind nicht das Äquivalent zu Bellinghams Gala-Auftritten in seinem ersten Jahr im Bernabéu.
Dass unterschwellig bei diesem Disput mitschwingt, dass Tuchel gar damit kokettiert hatte, Bellingham nach dessen schwieriger Saison bei Real Madrid gar nicht erst mit an die WM zu nehmen – es liegt auf der Hand. Im Nachhinein hat dies den 23-Jährigen wohl jedoch eher zu jenen persönlichen Höchstleistungen angetrieben, die er gegen Norwegen und zuvor gegen Mexiko mit jeweils einem Doppelpack krönte.
Die Eskalation? Sie ist dennoch perfekt. Dabei geht es bei den Three Lions doch gerade jetzt um viel grössere Fragen. Die Engländer stehen im Halbfinal einer WM. Sie sehnen sich danach, «Football is coming home» nicht nur zu singen, sondern endlich, endlich auch sagen zu können.
Sechzig Jahre schon dauert der Schmerz im Mutterland des Fussballs an. Doppelt so lange, wie David Baddiel, Frank Sinner and The Lightning Seeds 1996 in ihrem Hit im Hinblick auf die EM im eigenen Land sangen.
Skepsis und Kriegsanalogien bei den englischen Fans
Doch ein Titel im laufenden Turnier würde bedeuten, dass die Engländer sich ausgerechnet von einem Deutschen zurück an die Weltspitze führen liessen. Ein Deutscher! Das geht doch eigentlich nicht!
Entsprechend vehement waren Kritik und Skepsis bei Tuchels Ernennung. Die Engländer und die Deutschen sind sich nicht nur auf dem Fussballplatz alles andere als grün. Die Vergangenheit zweier Weltkriege macht Deutschland zu mehr als einem Fussballgegner. Teile der Anhänger der «Three Lions» scheuen sich denn auch nicht, vor Duellen von deutschen Bombern zu singen, die von der Royal Air Force vom Himmel geholt wurden.
Kriegsanalogien sind, so verpönt sie normalerweise sind, im Kontext des englischen Fussballs immer wieder präsent. Auch oder gerade vor dem nächsten Spiel an dieser WM: Gegen Argentinien duelliert sich England um den Einzug in den Final. Mit diesem Land, um welches sich die Engländer 1982 in einem wahnwitzigen Krieg um die kleinen Falklandinseln bekämpften.
Während die argentinische Militärjunta ihren Anspruch auf das britische Überseegebiet geltend machte, schickte die in England herrschende eiserne Lady, Margaret Thatcher, Dutzende Kriegsschiffe zur Verteidigung los. Das bessere Ende hatte England, die Inseln sind noch immer offiziell britisch, auch wenn die Menschen in Argentinien das anders sehen. Der Streit schwelt bis heute. Fast 1000 Leute verloren ihr Leben in diesen 74 Tagen des Krieges, ein Grossteil davon aus Argentinien.
Wie aufgeladen diese Thematik auch im Fussball ist, zeigte das Duell zwischen England und Argentinien an der WM 1986. Diego Armando Maradona düpierte die Engländer damals nicht nur mit dem Solo, welches als Tor des Jahrhunderts gilt, sondern insbesondere mit jenem Treffer, den er regelwidrig erzielte, im Nachgang jedoch lapidar als Eingriff der «Hand Gottes» rechtfertigte. Später schrieb er in seiner Autobiographie davon, dass dies die «Vergeltung» für die Toten der «Malvinas», der Falklandinseln, sei.
Falklandinseln, Fauxpas Beckhams und eine spezielle Premiere
Jetzt sind die Bilder alle wieder da. Auch jene vom Duell 1966, als der kürzlich verstorbene Captain Antonio Rattín eine England-Fahne zerknüllte – der englische Trainer Alf Ramsey bezeichnete die Argentinier in der Folge als Tiere. Oder jene Bilder von 1998, als David Beckham mit Rot vom Platz flog, England ausschied und der heutige Sir einen Shitstorm überstehen musste. Und noch heute singt die «Hincha de la Selección» nach jedem Spiel, auch nach dem Sieg gegen die Schweiz: «El que no salta, es un inglés!» – wer nicht aufsteht, ist Engländer.
Es wird ein emotional überfrachtetes Duell am Mittwochabend. Das erste Aufeinandertreffen der beiden Länder seit einem Freundschaftsspiel 2005. Ein Match, bei dem fast vergessen geht, dass es die Premiere Englands gegen Lionel Messi ist. Und dass ein Aus Englands wohl das Ende von Tuchel als Coach der «Three Lions» bedeuten würde. Schliesslich hiess es vor dem Turnier sinngemäss: «Title or door»- also entweder gewinnt Tuchel den Titel, oder ihm wird die Türe gewiesen.
Ziehen die Engländer jedoch erstmals seit 1966 in ein Endspiel an einer WM ein, wäre es wohl eine kleine Versöhnung mit der Vergangenheit. Mit einem deutschen Trainer. Gegen den ewigen Rivalen und den Maradona-Erben Messi. Es wäre die Erlösung von zwei Traumata.






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