Fussball-WM

Bellingham lässt England vom WM-Titel träumen – doch Trainer Tuchel hebt den Mahnfinger

Mit zwei Toren zum 2:1 gegen Norwegen ist Jude Bellingham die grosse Figur in Englands Team. Dennoch übt Trainer Thomas Tuchel vor dem Halbfinal gegen Argentinien gnadenlose Kritik.
Englands Trainer Thomas Tuchel gibt Jude Bellingham Anweisungen.
Bild: AP / Ricardo Mazalan

Perfektionist Thomas Tuchel machte noch seinem Ärger Luft, da feierten sogar schon die Beatles den Matchwinner. «Hey Jude», schrieb die legendäre englische Band bei Instagram und postete ein Bild von Jude Bellingham, der an diesem so schwierigen und kräftezehrenden Abend in Miami England in denWM-Halbfinal geschossen hatte.

Für Bellingham fand Tuchel nach dem 2:1 nach Verlängerung gegen kampfstarke Norweger nur das Wort «Weltklasse». Doch mit der Mannschaftsleistung war der Deutsche überhaupt nicht zufrieden – und mit Blick auf den Halbfinal in Atlanta am Mittwoch (21.00 Uhr MESZ) gegen Weltmeister Argentinien mit Lionel Messi sogar besorgt.

Jude Bellingham ist gegen Norwegen mit zwei Toren der Mann des Spiels.
Bild: Bil: AP / Julio Cortez

Bellingham ob Kritik irritiert

«Schlampig» und «nicht schnell genug» hätten die Engländer gespielt. Das Ergebnis, ja, das sei «fantastisch», aber «ich bin nicht zufrieden mit der Leistung», sagte der 52-Jährige. Der Sieg sei «pure Mentalität» gewesen. Die extremen Bedingungen mit hohen Temperaturen und noch höherer Luftfeuchtigkeit liess Tuchel nicht als Ausrede gelten.

Die Kommentare irritierten Matchwinner Bellingham sichtbar. «Vielleicht weiss er nicht, wie es ist, in diesen Bedingungen gegen Erling Haaland, Martin Ödegaard, Antonio Nusa oder Alexander Sörloth zu spielen», sagte der Mittelfeldspieler von Real Madrid, der nach seinem Doppelpack gegen Norwegen (45.+2, 93.) bereits bei sechs Turniertoren steht.

Voll in seinem Element: Thomas Tuchel.
Bild: EPA / Ronald Wittek

Zuspruch für Kritik am Team

Gegen die Skandinavier zu bestehen, sei «nicht leicht», daher könne er «nur in den höchsten Tönen» von seinen Mitspielern sprechen. Und überhaupt: «Man kann nicht jedes Spiel gewinnen, indem man den Ball laufen lässt und 1000 Pässe spielt. Manchmal muss man auch dreckig gewinnen - und genau das haben wir getan.»

Tuchel beschwichtigte wenig später. «Von ganzem Herzen liebe ich meine Spieler und mein Team, aber wir können besser spielen. Es gibt viele Dinge, die wir besser machen können», sagte der Deutsche – und erhielt für seine kritische Haltung viel Zuspruch aus der Heimat.

Ex-Stürmer Wayne Rooney betonte in seiner Analyse, Tuchel habe «in puncto Mentalität genau richtig gelegen», und Alan Shearer bewunderte den Mut des Deutschen, trotz des Sieges deutliche Worte zu finden.

Patzer von Norwegen-Goalie Nyland

Der Auftritt in Miami war nicht glanzvoll, und der Ausgleich nach dem 0:1 durch Andreas Schjelderup (36.) hätte eigentlich nicht zählen dürfen. Bevor Bellingham traf, hatte der Ball nach einem Abschlag von Norwegens Torhüter Örjan Nyland augenscheinlich das Kabel der Skycam getroffen. Dies dementierte die Fifa zwar, doch der Ball veränderte seine Flugkurve plötzlich und fiel abrupt zu Boden und einem Engländer in die Füsse. Gegen die nun unsortierte Abwehr nutzte England die unverhoffte Chance.

Beim Siegtreffer half der im Turnier sonst so starke Nyland mit. Bellingham staubte ab. «Wir mussten alles geben und unseren Weg finden, vor allem in der zweiten Halbzeit und in der Verlängerung. Es waren das Herzblut und der Wille der Jungs, die uns über die Ziellinie gebracht haben», sagte Kapitän Harry Kane: «Wenn man jemanden wie Jude hat, der das Spiel für uns entscheiden kann, ist das natürlich ein grosser Faktor.»

Bellingham und Harry Kane zeichen für 12 der 13 WM-Tore Englands verantwortlich.
Bild: AP / Julio Cortez

Traumduo Bellingham  und Kane

Kane, der gemeinsam mit Bellingham 12 der 13 Tore der Engländer bei dieser WM erzielt hat, stimmte indirekt Tuchels Kritik zu, wählte aber positivere Worte. «Ich habe uns beim Training beobachtet und das Potenzial gesehen, vor allem im letzten Drittel. Wir haben das alles noch nicht ganz zusammengebracht», sagte er: «Aber wir stehen im Halbfinal einer Weltmeisterschaft, ohne unseren besten Fussball gespielt zu haben. Wenn wir diese Form am Mittwoch finden, könnte das den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage in diesem Turnier ausmachen.»

Gegner dann ist Weltmeister Argentinien um Lionel Messi, der sich wie im Sechzehntelfinal gegen die Kap Verden (3:2 nach Verlängerung) und im Achtelfinal gegen Ägypten (3:2 nach 0:2-Rückstand) auch im Viertelfinal gegen die Schweiz schwer tat und erst mit 3:1 nach Verlängerung gewann.

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