
Wenn man nicht leiden musste, zählt es nicht. So lässt sich sinngemäss ein argentinisches Sprichwort übersetzen.
Leiden. Es gibt wenige Dinge, die typischer für Argentinien sind. Mate vielleicht. Tango. Asado. Rotwein. Oder Lionel Messi und Diego Armando Maradona. Aber das Leiden ist eine jedem Argentinier und jeder Argentinierin typische Charaktereigenschaft. Sei es im Fussball, oder im Leben. ¡Si no se sufre, no sirve!
Das wunderschöne Land in Südamerika, das sich von der Mitte des Kontinents bis ans «Ende der Welt» nach Ushuaia erstreckt, musste in seiner Geschichte vieles wegstecken. Die Narben der jüngeren Vergangenheit sind auch heute noch zu spüren. Die noch immer herrschende Inflation, die konstante, wirtschaftliche Krise, die schlechten Arbeitsbedingungen unter Javier Milei. Schwarzarbeit, Durchschnittslöhne von umgerechnet zirka 700 Franken im Monat und zweifelhafter Kündigungsschutz – der Alltag in Argentinien ist leidvoll. Proteste gehören zum öffentlichen Leben von Buenos Aires.
Schätzungsweise 28 bis 35 Prozent der Bevölkerung leben unter der offiziellen Armutsgrenze, zwischen 7 und 8 Prozent der Menschen in Argentinien sind aktuell arbeitslos.
Die Trauer dauert auch 43 Jahre später noch an
Hinzu kommen die strapazierten Seelen, die noch immer die Folgen der Militärjunta und der «Operación Condor» spüren. Viele Familien tragen bis heute persönliche Erinnerungen an diese dunklen Zeiten in den 70er- und 80er Jahren, als links-politische und oppositionelle Kräfte systematisch verschwanden, gefoltert oder lebend aus Flugzeugen geworfen wurden. Diese Grausamkeit prägt bis heute die Identifikation ganzer Generationen. Wer mit den Einheimischen spricht, kommt nicht um diese Thematik herum. Jeden Donnerstag noch pilgern die Madres de Plaza de Mayo, die Mütter der Verschwundenen, vor das Regierungsgebäude. Auch 43 Jahre nach dem Ende der Diktatur trauern sie noch um ihre verlorenen Liebsten und stehen symbolisch für das kollektive Gedächtnis.

Halt gibt dem Land vor allem der Fussball. Die Überfigur Messi, die Hoffnungen und Träume. Die Leidenschaft für «La Selección» eint ein Land, das sonst gespalten und gezeichnet ist. Es lässt die Bewohner kurz vergessen, dass sie nicht wissen, wie sie Essen und Miete bezahlen sollen. Und auch wenn die Nahrung knapp wird: Die Mitgliedschaft beim Fussballklub wird jährlich erneuert. Denn, «socio» – also Member – zu sein, ist wichtiger als alles andere. Es ist Teil der Identität. Genauso wie die Verbundenheit zur Nationalmannschaft. Ob «Bostero» oder «Millonario» - ob Fan von Boca Juniors oder River Plate - die «Selección» eint sie alle.
Doch in der aktuellen Verfassung lässt auch sie leiden. Ein 3:2 im Sechzehntelfinal gegen Kap Verde, das die Nerven stärker beansprucht habe, als der Final 2022 gegen Frankreich, wie Fans in den sozialen Medien schreiben. Dann ein erneutes 3:2 nach 0:2-Rückstand bis in die 79. Minute, dieses Mal im Achtelfinal gegen Ägypten. Die Tränen Messis.
«Ich glaube, das Spiel gegen Kap Verde hat das Ansehen der Mannschaft in der Öffentlichkeit geschmälert. Und gegen Ägypten waren wir alle sehr enttäuscht vom Ergebnis – bis dann eben das passierte, was passiert ist», erzählt Agustín «Chan» Ronconi. Er ist nicht nur «Hincha de la Selección», Fan der Nationalmannschaft, sondern arbeitet in Buenos Aires als Guide für Touristen, die Fussballspiele der zahlreichen Klubs in der argentinischen Hauptstadt besuchen wollen.
Nach der Gruppenphase, durch welche die Argentinier dank eines überragenden Messi fast geflogen sind, ist die Stimmung nun eine andere. Zwar ist es «ein Merkmal unserer Gesellschaft, dass wir immer daran glauben, es schaffen zu können», wie Ronconi sagt. Aber: «Wir wissen auch, dass wir nicht gerade mit einer Fülle fussballerischer Argumente aufwarten können.»
Ehre, Rache und die Narben vom Falklandkrieg
Nichtsdestotrotz spüren die Anhänger auch, dass kein Gegner erpicht darauf ist, gegen Argentinien zu spielen. Umgekehrt wurde in Argentinien dafür eher freudig zur Kenntnis genommen, dass der nächste Gegner die Schweiz ist und nicht Kolumbien. Ronconi: «Nicht, dass wir die Schweiz nicht respektieren, aber Spiele zwischen südamerikanischen Mannschaften sind meist sehr körperbetont, und bei einer Partie gegen Kolumbien stünde mehr auf dem Spiel als nur der Fussball.»
Ehre. Der Status als Nummer 1 Südamerikas – gerade jetzt, wo Brasilien bereits ausgeschieden ist. Und das Wohl eines ganzen Landes. In Argentinien stilisieren sie dieses Turnier hoch. Vor 32 Jahren bei der letzten WM in den USA habe man Gott – sprich Maradona, natürlich – um den Titel gebracht. Maradona wurde positiv auf Ephedrin getestet, von der Fifa gesperrt und ohne ihn scheiterte das Team im Achtelfinal. Für diesen «gestohlenen» Titel, so ein offizieller Fansong, wollen sie sich nun rächen.

Doch ein Weiterkommen gegen die Schweiz würde nicht nur Ekstase bedeuten, sondern weitere Wunden aufreissen in Argentinien. Gewinnt England, warten sie als Gegner im Halbfinal. Noch immer schwelt der auf dem 1982 ausgetragenen Falklandkrieg basierende Konflikt zwischen den beiden Ländern. Nicht offiziell politisch, viel mehr seelisch. «Las Malvinas son Argentinas» steht denn auch auf gefühlt jeder zweiten Hauswand, an Grenzübergängen, Häfen, ja gar auf Souvenirs. Die Falklandinseln sind argentinisch.
Kommt es zu diesem Duell, werden sie sich suhlen in den Emotionen. Zwischen Leiden und Leidenschaft. «Por Malvina, por el Diego, por la última de Leo», singen sie weiter. Weil der Fussball das Einzige ist, was dieses gebeutelte Land träumen lässt.

Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.