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Ski alpin

Ein «kleines Lächeln» für die Heimat: Camille Rast und ein Wochenende zwischen Trauer und Triumph

Wenige Tage nach der Brandkatastrophe in ihrer Heimat fährt Camille Rast die besten Rennen ihrer Karriere und rast in Kranjska Gora zum Double: Triumph in Riesenslalom und Slalom. Wie sie damit emotional umgeht und was diese Triumphe skihistorisch bedeuten.

Es sind spezielle Tage für Camille Rast. In ihrer Heimat, dem Unterwallis, trauern die Menschen um die vielen Toten und Schwerverletzten der Silvester-Katastrophe von Crans-Montana. Doch für Rast musste der Alltag weitergehen. In Kranjska Gora standen ein Riesenslalom und ein Slalom auf dem Programm. Die Gedanken waren trotzdem auch im Wallis. «Ich denke an all die betroffenen Familien. Wir sind dieses Wochenende für sie Ski gefahren.»

Camille Rast gewann nach dem Riesenslalom vom Samstag in Kranjska Gora auch den Slalom vom Sonntag.
Bild: Marco Trovati/AP

Als Rast diese Worte sprach, hatte sie eben den Riesenslalom gewonnen. Nach der Zieldurchfahrt klopfte sie sich mit der Hand auf den schwarzen Trauerflor am linken Oberarm. Eine berührende Geste. «Ich hoffe, ich konnte ein kleines Lächeln auf die Gesichter der betroffenen Familien zaubern», sagte die 26-Jährige aus Vétroz, einem kleinen Dorf im Rhonetal in der Nähe von Sitten, keine 30 Minuten entfernt vom Unglücksort Crans-Montana.

24 Stunden nach dem Triumph vom Samstag gab Rast erneut ein Interview als Siegerin. Sie hatte nach dem Riesenslalom auch den Slalom gewonnen. Fragen zur Tragödie wurden jetzt keine mehr gestellt. Und doch schaffte es Rast auch dieses Mal, in der Stunde des Erfolgs die Prioritäten richtig zu setzen. Als sie nach den Zielen für den Rest der Saison gefragt wurde, sagte sie: «Ich möchte gesund bleiben, das ist das Allerwichtigste.» So, wie sie derzeit fährt, möchte man fast sagen: Bleibt sie gesund, kommen weitere Erfolge von alleine. Olympia, Weltcup-Rennen, Weltcup-Rankings...

Rast besiegt die Dominatorinnen des Winters

Rast hat an diesem Wochenende in Kranjska Gora nicht nur ihre Weltcup-Siege drei und vier realisiert. Sie hat wahrhaftig Meilensteine gesetzt. Da ist der Sieg im Riesenslalom, ihr erster in dieser Disziplin. Den Grundstein legte sie mit Bestzeit bereits im ersten Durchgang. Im zweiten Lauf wählte sie im Mittelteil eine direkte Linie, blieb auch im Zielhang stabil und brachte den knappen Vorsprung ins Ziel. Um 20 Hundertstel distanzierte sie die Österreicherin Julia Scheib, die zuvor drei von fünf Riesenslaloms dieses Winters gewonnen hatte.

Scheib im Riesenslalom zu schlagen, war schon grossartig. Doch mit dem Erfolg vor Mikaela Shiffrin im Slalom lieferte Rast am Sonntag ihr Meisterstück ab. Shiffrin hatte nämlich die letzten sechs Rennen in dieser Disziplin gewonnen, meist mit einem Vorsprung, der im Wettbewerb der Hundertstel-Entscheidungen einer Weltreise glich. Doch in Kranjska Gora fuhr Rast in beiden Slalom-Läufen Bestzeit und lag am Ende 14 Hundertstel vor Shiffrin.

Mit den Siegen rückte Rast auch im Gesamtweltcup weiter nach vorn – und an Shiffrin heran. Sie liegt nun auf Platz 2 und nur noch 120 Punkte hinter der Amerikanerin. Das Duo hat einen grossen Vorsprung auf die drittplatzierte Neuseeländerin Alice Robinson. Das Bild ist zwar verzerrt, weil die Technikerinnen mehr als doppelt so viele Rennen absolvierten als die Speed-Fahrerinnen. Aber: Rast vs. Shiffrin könnte nun zum grossen Duell der Gigantinnen im weiteren Saisonverlauf  werden.

Erstes Double in Kranjska Gora seit 38 Jahren: Camille Rast gewinnt Riesenslalsom und Slalom.
Bild: EPA

Auch aus einem anderen Grund darf man nach diesem Wochenende getrost den grossen skihistorischen Bogen schlagen. Denn als Weltcup-Siegfahrerin in beiden technischen Diszplinen verschaffte sich Rast Zutritt zu einem ganz exklusiven Klub. Das beweisen allein schon die dazugehörenden Schweizer Namen: Vreni Schneider, Erika Hess, Sonja Nef, Lise-Marie Morerod und Fernande Bochatay. Nur sechs Schweizerinnen feierten Weltcupsiege im Riesenslalom und Slalom. In den letzten 22 Jahren gelang dies keiner Swiss-Ski-Athletin mehr.

Holdeners erster Podestplatz seit einem Jahr

Rast war also der Star des Weekends. Doch es gab aus Schweizer Sicht auch eine zweite Athletin, die sich als Gewinnerin fühlte. Wendy Holdener fuhr im Slalom erstmals in diesem Winter aufs Podest. Nach soliden fünf Top-8-Klassierungen in den bisherigen fünf Slaloms, ist dieses Resultat auch mit Blick auf die Olympischen Spiele, die in genau einem Monat beginnen, ein wichtiger Schritt. Letztmals auf einem Weltcup-Podest hatte Holdener im Januar 2025 in Flachau gestanden. Dorthin kehren die Technikerinnen am 13. Januar für einen Slalom zurück.

Auch Wendy Holdener (rechts) schaffte es aufs Podest - erstmals im Weltcup seit fast einem Jahr.
Bild: Matic Klansek

Vorerst aber gibt es nach aufwühlenden Tagen ein paar ruhige Momente im Kreise der Familie. Holdener hatte ihre Liebsten in Kranjska Gora dabei und freute sich auf «ein feines, italienisches Mittagessen mit ihnen auf der Heimfahrt», wie sie gegenüber SRF sagte. Und Rast geht nun für ein paar Stunden zurück in die Heimat. «Ich brauchte in den letzten Tagen viel Energie. Jetzt freue ich mich auf meine Familie.»

Kranjska Gora. Weltcup Frauen. Riesenslalom: 1. Camille Rast (SUI) 2:00,09. 2. Julia Scheib (AUT) 0,20 zurück. 3. Paula Moltzan (USA) 0,47. 4. Sara Hector (SWE) 0,50. 5. Mikaela Shiffrin (USA) 1,05. - Ferner: 20. Sue Piller (SUI) 3,47. 23. Wendy Holdener (SUI) 3,67. 26. Simone Wild (SUI) 4,07. 27. Dania Allenbach (SUI) 4,08.
Slalom: 1. Rast 1:40,20. 2. Shiffrin 0,14. 3. Holdener 1,83. 4. Moltzan 1,97. 5. Katharina Truppe (AUT) 2,20. – Ferner: 12. Mélanie Meillard (SUI) 3,48. 23. Eliane Christen (SUI) 5,02.
Gesamtweltcup: 1. Shiffrin 823. 2. Rast 703. 3. Alice Robinson (NZL) 484. - Ferner: 12. Wendy Holdener (SUI) 327.

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