
Freud und Leid liegen selten so nahe beieinander wie im Sport. Das zeigt der Olympia-Slalom mal wieder in besonderer Deutlichkeit. Im Ziel jubelt Loïc Meillard. Nachdem er vor einem Jahr schon Weltmeister wurde, darf er sich nun auch Olympiasieger nennen. Sein Freudenschrei ist bis hinauf auf den letzten Platz der Tribüne zu hören. Und wohl auch oben am Berg.
Dort – mitten in der Slalompiste – leidet Atle Lie McGrath. Der Norweger, dessen Grossvater während der Eröffnungsfeier dieser Spiele verstorben ist, hatte nach dem ersten Lauf des Slaloms geführt. Dann fädelte er ein. «Ich vermisse meinen Opa so sehr», schrieb er zuvor auf Instagram. «Er hat mich hierhergebracht und er ist auch der Grund, warum ich fahre.»
Es sind brutale Momente. Seine Stöcke wirft McGrath weg. Dann stapft er von der Piste in Richtung Wald, legt sich in den Schnee und bleibt liegen. Die Kamera fängt all dies ein. Als Zuschauer leidet man mit, erlebt selbst ein Wechselbad der Gefühle. Sport kann so grausam sein – und so schön.
Eigentlich sprach wenig für Loïc Meillard
Für Meillard waren es wunderbar erfolgreiche Tage in Italien. Drei Rennen hat er in Bormio bestritten, dreimal stand er danach auf dem Podest. Zuerst in der Team-Kombination, als er mit Marco Odermatt Silber gewann. Dann folgte Bronze im Riesenslalom. Und nun Gold im Slalom.

Dabei hatte insbesondere sein Auftritt in der Team-Kombination nicht wirklich Mut gemacht. Nur die 15.-schnellste Zeit war er gefahren. Meillard tat sich schwer mit dem sehr flachen Gelände der Piste Stelvio. Wie so oft an Grossanlässen fanden auch in Bormio die technischen Disziplinen auf der Abfahrtspiste statt. Die Techniker sind nur ein olympisches Anhängsel.
Für einen Edeltechniker, wie Loïc Meillard einer ist, bietet das Terrain eigentlich zu wenige Schwierigkeiten, um den Unterschied zu machen. Doch der 29-Jährige widersetzte sich den Gegebenheiten. Schon im Riesenslalom mit Bronze. Aber vor allem im Slalom. Im ersten und bei Schneefall durchgeführten Lauf hielt er als einziger einigermassen mit McGrath mit. Im zweiten Lauf profitierte er von dessen Missgeschick.
Wobei nicht einmal sicher ist, ob McGraths Vorsprung von 59 Hundertstel gereicht hätte. Meillard fuhr im zweiten Durchgang zeitgleich mit Fabio Gstrein Laufbestzeit. Der Österreicher gewann Silber. Damit gab es doch noch eine Einzelmedaille für unser Nachbarland zu feiern. Zuvor stand einzig Team-Silber von Vincent Kriechmayr und Manuel Feller zu Buche.
Auf der Piste brillant, daneben eher nüchtern
Slalom-Bronze gewann der Norweger Henrik Kristoffersen. Bereits vor zwölf Jahren wurde er Dritter in einem olympischen Slalom. Für den 31-Jährigen schliesst sich ein Kreis. «Meine Gratulation geht aber an Loïc. Er ist Weltmeister und nun auch Olympiasieger. Das ist unglaublich», sagte er.

In der Tat ist es schwer zu beschreiben, was Loïc Meillard – besonders an Grossanlässen – jeweils leistet. Zu seinen drei Olympiamedaillen von Bormio kommen sechs Podestplätze an Weltmeisterschaften dazu. Damit gehört er zu den erfolgreichsten Schweizer Medaillensammlern überhaupt.
So brillant Meillard aber auch fährt, in den Interviews bleibt er stets auf dem Boden. «Schwierig zu sagen, ob das jetzt der schönste Moment meiner Karriere ist», sagte er nach dem Olympiasieg. «Aber gemeinsam mit dem Weltmeistertitel ist es sicher etwas, das mir in Erinnerung bleibt.»
Im kommenden Sommer wird Meillard erstmals Vater. Seine Partnerin Zoé Chastan ist als Teambetreuerin des Schweizer Männerteams ebenfalls in Bormio. Die schönsten Momente im Leben finden abseits der Piste statt.
Tanguy Nef beendete den Olympia-Slalom auf Rang sechs und zeigte sich enttäuscht. Nach Gold in der Team-Kombination, in der er im Slalom die Laufbestzeit aufgestellt und damit den Erfolg mit Franjo von Allmen überhaupt möglich gemacht hatte, waren seine Erwartungen hoch. Doch nach einem schwachen ersten Lauf, in dem Nef nur den elften Rang belegte, war für ihn der Sprung aufs Podest im Finale nicht mehr möglich.

Im ersten Durchgang hatten sich zahlreiche Athleten schwergetan. Die Ausfallquote war hoch – unter anderem schied mit Lucas Pinheiro Braathen der Olympiasieger im Riesenslalom aus. Die vielen Ausfälle führten dazu, dass sich auch einige Ski-Exoten in den Top 30 klassierten. Unter ihnen der Haitianer Richardson Viano, der am Ende Platz 29 belegte.
Die weiteren Schweizer klassierten sich auf den Rängen 11 (Matthias Iten) und 15 (Daniel Yule). Für Iten war es eine gelungene Olympia-Premiere. Dank Rang elf sammelte der Zuger wichtige Punkte für die Weltcup-Startliste. Im nächsten Slalom in Kranjska Gora wird er in den Top 30 starten. «Das war für mich ein sehr gelungener Auftritt», bilanzierte er.
Slalom der Männer: 1. Meillard (SUI) 1:53,61. 2. Gstrein (AUT) 0,35 zurück. 3. Kristoffersen (NOR) 1,13. 4. Haugan (NOR) 1,42. 5. Marchant (BEL) 2,00. 6. Nef (SUI) 2,02. 7. Solberg (NOR) 2,13. 8. Matt (AUT) 2,14. 9. Strasser (GER) 2,17. 10. Schwarz (AUT) 2,18. 11. Iten (SUI) 2,62. - Ferner: 15. Yule (SUI) 3,29.



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