Marco Odermatt zog und zog. Doch was er auch versuchte, der Korken wollte einfach nicht aus der Champagnerflasche. Erst ein kräftiger Schlag mit dem Flaschenboden auf das Podest führte schliesslich zum Erfolg.
Das hatte schon fast symbolischen Charakter. Nicht etwa die schwierigen Bedingungen mit Schneefall und schlechter Sicht stellten Odermatt in Adelboden vor Probleme. Es war das Öffnen des Champagners, das sich als seine grösste Herausforderung entpuppte. Und das am Tag seines fünften Riesenslalomsieges am Chuenisbärgli in Serie. Das sagt eigentlich alles.

Der Fairness halber sei gesagt: Die Champagnerflaschen erwiesen sich am Samstag aber auch als hartnäckige Gegner. Lucas Pinheiro Braathen bekundete ebenfalls grosse Mühe, bis die prickelnde Flüssigkeit endlich aus der Flasche spritzte. Zuvor auf der Piste war er Odermatt noch am nächsten gekommen. 48 Hundertstelsekunden war der für Brasilien startende Norweger in der Endabrechnung langsamer als der Schweizer.
Anguenot tat einem schon fast leid
Für Braathen war es der 20. Weltcup-Podestplatz seiner Karriere. Für Odermatt sogar schon der 97. – und sein 51. Sieg. Die beiden brachten als regelmässige Teilnehmer von Siegerehrungen also immerhin Erfahrung im Umgang mit Champagnerflaschen mit. Ganz anders Léo Anguenot, der am Samstag erst zum zweiten Mal in seiner Karriere das Podest erreichte. Der Franzose tat einem schon fast leid, bis er die Flasche endlich offen hatte. Rang drei beim Klassiker liess das aber schnell zur Nebensache werden.
Wenig später sass Odermatt dann alleine auf dem Podest und blickte ins Publikum. «Ich hoffe», sagte er später ins Mikrofon, «ihr jubelt auch noch so, wenn ich irgendwann nicht mehr so fahre.» Aber eigentlich kann man sich gar nicht vorstellen, dass Odermatts Dominanz am Chuenisbärgli überhaupt irgendwann endet. Mit seinem fünften Sieg in Adelboden zog er mit Ingemar Stenmark gleich. Es ist eine nächste Rekordmarke, die fällt.

Odermatt fuhr einmal mehr brillant. Schon nach dem ersten Lauf hatte er geführt. Danach sagte er: «Ich habe es gern, wenn es schwierig ist, wenn man mal spontan reagieren und mit Instinkt fahren muss. Bei diesen Verhältnissen kommen meine Qualitäten noch mehr zum Vorschein.»
Eine Stimmung wie nirgendwo sonst
Insgesamt 300 Helfer hatten in drei Schichten die ganze Nacht auf der Piste gearbeitet, um den Neuschnee aus der Rennlinie zu entfernen. Dass das Rennen stattfinden konnte, bedurfte einer Parforceleistung aller Beteiligten. Nur in Wengen und Kitzbühel könnte eine Pistencrew wohl Ähnliches leisten. Entsprechend war auch Odermatt voll des Lobes: «Es war die beste Piste in dieser Saison. Und das trotz dieser Bedingungen.»
Pistenchef Toni Hari sagte danach in seiner oberländischen Gelassenheit: «So schlimm war es gar nicht, man musste einfach kämpfen, genau wie Odermatt auf der Piste.» Selbst Odermatt konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Überhaupt genoss der 28-Jährige den Tag ganz offensichtlich. Immer wieder winkte und lächelte er ins Publikum, verneigte sich einmal sogar. «Eine solche Stimmung und solche Emotionen gibt es nirgendwo sonst. Da kommt keine WM, kein Olympia und kein Wengen ran», sagt er. «Hier als Letzter ins Ziel zu kommen und zu gewinnen, ist das Grösste.»
Mit seinem Sieg übernahm Odermatt auch wieder die Führung in der Weltcupwertung des Riesenslaloms. Der zuvor führende Österreicher Stefan Brennsteiner schied aus. Ganz nebenbei ist die Schweiz nun auch wieder die Skination Nummer eins. In der Nationenwertung überholte Swiss-Ski am Samstag zum ersten Mal in dieser Saison Österreich.
Loïc Meillard als Sechster, Luac Aerni als Zehnter und Thomas Tumler als Zwölfter steuerten ebenfalls Punkte dazu bei. Ihre Auftritte gingen angesichts der grossen Odermatt-Party allerdings im Lärm unter. Immer wieder hallten Odi-Rufe durch die Arena. «Es war brutal laut», sagte Braathen. «Und zuvor auf der Piste war es brutal schwer.» Nur nicht für Odermatt.
Die Erwartungen bremsen Hächler
Weiterhin nicht auf Touren kommt Lenz Hächler. Als 31. verpasst er den zweiten Lauf zwar nur knapp. Doch gemessen an den Vorschusslorbeeren, die der 22-jährige Zuger erhält, war sein Auftritt trotzdem enttäuschend. Glaubt man nämlich den zahlreichen Stimmen, die seine Fähigkeiten herausheben, soll Hächler nichts weniger als der nächste Odermatt sein.
Und es bleibt nicht nur bei leeren Worten. Vor dieser Saison buhlten gleich mehrere Skimarken um Hächler und auch Red Bull hat ihn bereits unter Vertrag genommen. Das Interesse des österreichischen Getränkegiganten ist im Skisport ein Ritterschlag. Fast alle Grössen des Weltcups – darunter Odermatt, Vonn oder Pinheiro Braathen – werben für den Energydrink.
Noch hält die Realität aber den hohen Erwartungen nicht stand. In zwölf Einsätzen im Weltcup gewann Hächler erst einmal Punkte. Als 19. im Riesenslalom von Beaver Creek Anfang Dezember. Am Samstag stand die Türe zum Vorstoss in den zweiten Lauf offen. Gleich mehrere Fahrer aus Hächlers Starnummernbereich (er trug die 40) qualifizierten sich. Die turmhohen Erwartungen kleben an Hächler derzeit wie ein Bremsklotz.

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