Fussball-Deutschland liegt am Boden. Wieder einmal. Gross waren die Träume. Die Penalty-Niederlage im WM-Sechzehntelfinal gegen Paraguay gleicht dem Erwachen aus einem Fiebertraum.
Zum dritten Mal in Serie ist die WM-Enttäuschung maximal. 2018 und 2022 bleibt Deutschland gar in der Vorrunde hängen. Und doch ist das Ausscheiden gegen Paraguay vergleichbar mit der Höchststrafe.

Logisch, dass sogleich alles in Frage gestellt wird. Zunächst die Position des Nationaltrainers. Julian Nagelsmann ist seit September 2023 Bundestrainer. Nach der bitteren Viertelfinal-Niederlage gegen Spanien an der Heim-EM 2024 sagte er: «Nun wollen wir eben Weltmeister werden.» Jetzt scheint auch er gescheitert.
Nagelsmann sitzt nach der schmählichen Niederlage gedankenverloren auf der Trainerbank. Was geht ihm durch den Kopf? Macht er sich Gedanken über einen Rücktritt? «Eigentlich nix», sagt er wenige Minuten später in den TV-Interviews, «wenn du aus einem Turnier ausscheidest, sind das immer einschneidende Erlebnisse.» Aber: «Ich bin keiner, der wegläuft. Ich möchte weitermachen. Aber im Fussball hat man es nicht immer in der Hand. Wenn man das will, bereite ich die Europameisterschaft vor. Und wenn man das nicht will, muss man es mir sagen.»

Das sagt Jürgen Klopp zum Scheitern Deutschlands
In den Momenten nach dem Scheitern kommen einem unweigerlich wieder die Worte von Jürgen Klopp in den Sinn. Der Ex-Liverpool-Trainer ist an dieser WM als Experte für «Magenta TV» tätig. Noch vor dem ersten Auftritt Deutschlands manövrierte sich Klopp mit einer Aussage über Nagelsmann direkt ins Rampenlicht. «Noch macht er ja die Aufstellung», sagte er zu seinem Experten-Kollegen Thomas Müller. Klopps «noch» wurde zum meistdiskutierten Wort in Deutschland. Später entschuldigte er sich bei Nagelsmann dafür.
Doch das Thema war damit gesetzt. Und wird nun umso dringender. Logisch, wird Klopp nach Deutschlands Scheitern auf den Posten als Bundestrainer angesprochen. Klopp versucht abzuwiegeln, so gut es geht: «Ich verstehe, dass mein Name genannt wird, aber das ist nicht der Moment, darüber zu sprechen - und vor allem nicht mit mir.»
Zur Niederlage selbst sagt Klopp. «Es gibt 500.000 Wege, ein Fussballspiel zu gewinnen. Du musst nur einen finden. Es gab nur ein Ziel, einen Traum, der ist geplatzt. Es war dramatisch. Wir haben nicht funktioniert.»

Rudi Völler, Teamchef der Deutschen und erster Vorgesetzter von Nagelsmann, sagt nach dem Aus. «Es fällt mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Das ist schwer zu ertragen für so ein Fussball-Land wie Deutschland.» Angesprochen auf Julian Nagelsmann sagt er: «Es ist immer leicht, sich in Erfolgsmomenten hinter den Trainer zu stellen. Ich sage auch jetzt, dass er ein Top-Trainer ist. Ich will ihn jetzt auch gar nicht einfach in Schutz nehmen – Julian braucht keinen Bodyguard.»
In der Schlüssfrage - weiter mit Nagelsmann oder nicht? - gibt sich Völler einigermassen klar. «Ich bin noch immer davon überzeugt, dass er wahrscheinlich der richtige ist, um weiterzumachen. Ich bin aber auch nicht der DFB alleine, ich habe das nicht alleine zu entscheiden. Aber ich weiss, dass er ein Kämpfer ist, dass er sich schnell sammelt und schnell wieder angreifen will.» Wenn es nach Völler geht, soll Nagelsmann nochmals eine Chance erhalten.
Doch so einfach ist das nicht. Schliesslich irritierte Nagelsmann mit seiner Art immer wieder. Seine eigene Zukunft wird Fussball-Deutschland noch eine Weile beschäftigen. Wobei der Boulevard bereits eine Antwort gefunden hat: «Nagelsmann am Ende - jetzt muss Klopp kommen», titelt die «Bild» am Morgen nach der jüngsten WM-Enttäuschung. Die Prognose ist nicht sonderlich gewagt: Es würde überraschen, wenn Nagelsmann an der EM 2028 noch Deutschland-Trainer ist.
Die Enttäuschung der Spieler
Derweil die Trainer-Diskussion bereits volle Fahrt aufgenommen hat, ist das Aus auch für die Spieler kaum zu fassen. Captain Joshua Kimmich sagt: «Es ist schwierig, zum Ausdruck zu bringen, was gerade in mir vorgeht. Klar ist, dass wir wieder früh ausgeschieden sind. Weil wir einen schwachen Gegner nicht schlagen konnten.»

Zur Wahrheit gehört auch, dass Deutschland in der Verlängerung den vermeintlichen Siegestreffer erzielte. Aber Jonathan Tahs Kopfballtreffer wurde vom VAR zurückgenommen - weil Paraguays Torhüter Orlando Gill leicht behindert wurde. Es war zumindest eine fragwürdige Enttscheidung. Eine echte Schiedsrichter-Diskussion wollten aber weder Kimmich noch andere Protagonisten anzetteln, «die Schuldigen sind wir - und niemand sonst.»
Und dann setzte Captain Kimmich zu einer kleinen Trauerrede an. «Ich kenne Deutschland als Kind vom Fernsehen. Da war immer Halbfinale, Finale. Natürlich will man das auch den Kindern und Menschen der jetzigen Generation geben. Fakt ist, dass wir das all den Menschen nicht geben konnten. Und das ist sehr, sehr schade. Gerade in einer Zeit, in der es uns gut tun würde in Deutschland, wenn wir was haben, wo wir stolz sein könnten. Die Nationalmannschaft ist es leider nicht. Und dafür tragen wir alle Verantwortung.»
Kai Havertz, der den ersten deutschen Penalty verschoss, bringt die Gefühlslage der Deutschen derweil so auf den Punkt: «Die traurige Realität ist, dass wir nur zweitklassig sind.»



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