Impf-Bschiss

Das sind die Unterschiede zwischen den Fällen Xhaka und Fischer – in sechs Punkten

Zwei gefälschte Impf-Zertifikate, zwei verschiedene Wahrnehmungen? Eine Betrachtung der Fälle von Fussball-Nati-Captain Granit Xhaka und des ehemaligen Eishockey-Nati-Trainers Patrick Fischer.

Patrick Fischer und Granit Xhaka. Beide erwarben ein gefälschtes Covid-Zertifikat. Beide sagten öffentlich: «Ich bin geimpft.» Beide wurden der Lüge überführt. Wie lassen sich die Fälle des Ex-Eishockey-Nati-Trainers und des Fussball-Nati-Captains vergleichen? Und wo gibt es Unterschiede?

So beschaffen sie sich das gefälschte Zertifikat

Granit Xhaka: Er ist bereits zweimal an Corona erkrankt. Im September 2021, worauf er die WM-Quali-Spiele verpasst (die ersten Nati-Spiele der Ära Murat Yakin). Und anfangs Januar 2022. Ende Januar beschafft sich Xhaka über eine Luzerner Ärztin eine erste gefälschte Impfbescheinigung. Datiert auf den 25. Januar. Eine weitere folgt im November.

Patrick Fischer: Er bestellt die gefälschte Impfbescheinigung via Messengerdienst «Telegram». Und erhält diese am 22. November 2021. Dafür bezahlt er 400 Franken in Bitcoin.

So machen sie von ihrem Zertifikat Gebrauch

Granit Xhaka: Er spielt in der Saison 2021/22 bei Arsenal London. In der Premier League braucht es zwischen Januar und März 2022 kein Impfzertifikat, um zu spielen. Die Akteure müssen sich vor den Partien jeweils testen lassen. Auch für alle Länderspiele des Jahres 2022, inklusive WM in Katar, sind keine Zertifikate nötig. Sowohl der Bundesrat, wie auch Uefa und Fifa heben die Pflicht vorher auf. Bedeutet: Xhaka besitzt die gefälschte Impfbescheinigung als Absicherung. Als Nationalspieler benutzt er sie nie.

Patrick Fischer: Ende Dezember 2021 bis Anfang Januar 2022 findet die U20-WM in Edmonton statt. Ab 4. Februar 2022 die Olympischen Winterspiele in Peking. Beides sind Fixtermine für den Eishockey-Nationaltrainer. Um nach Kanada und nach China einreisen zu können, braucht Fischer die gefälschte Impfbescheinigung. Er nutzt diese auch. Damit nimmt er das Risiko in Kauf, die Olympia-Mission des ganzen Teams zu gefährden.

So fliegen sie auf

Granit Xhaka: Eine Krankenkasse erstattet Anzeige gegen eine Luzerner Ärztin, weil diese haufenweise Medikamente an Patienten verkaufte. Die Staatsanwaltschaft Luzern eröffnet ein Verfahren. Bei der Durchsuchung der Büroräumlichkeiten finden Ermittler Covid-Dossiers, der Name Granit Xhaka taucht auf. Daraufhin wird auch gegen den Nati-Captain ein Verfahren eröffnet. Xhaka muss wegen Verdachts auf ein gefälschtes Covid-Zertifikat aussagen. Das Verfahren läuft noch. Xhakas Schuldbekenntnis ist noch nicht rechtskräftig. Das wahrscheinlichste Szenario: Auch Xhaka kriegt einen Strafbefehl – allerdings mit einer bedingten Geldstrafe, weil er nicht vorbestraft ist. Weil Xhaka den Schweizerischen Fussballverband schon vorab informiert, dass gegen ihn ermittelt wird, dringt die Information irgendwann nach aussen.

Patrick Fischer: Die Polizei kommt Fischer bei einer Razzia in Graubünden anfangs 2023 auf die Schliche. Er kassiert im Juli 2023 einen Strafbefehl wegen Urkundenfälschung. Und muss eine unbedingte Geldstrafe von 80 Tagessätzen à 480 Franken bezahlen. Dies, weil Fischer vorbestraft ist wegen einer Geschwindigkeitsübertretung (164 km/h statt 120 km/h). Sein Vergehen wird vorerst nicht öffentlich. Erst als Fischer selbst im März 2026 einem SRF-Journalisten davon erzählt, kommt der Fall ins Rollen.

Die verschiedenen Rollen als Trainer und Spieler

Granit Xhaka: Ein Fussballspieler ist primär Angestellter seines Vereins – im Fall von Xhaka damals Arsenal und heute Sunderland. Länderspiele absolvieren die Spieler auf Einladung. Dafür erhalten sie eine im Vergleich zum Klublohn sehr geringe Prämie. Trotzdem ist die Repräsentationspflicht gegenüber dem Land als Captain besonders. Aber nicht auf derselben Stufe anzusiedeln wie jene des Nationaltrainers.

Patrick Fischer: Der Nationaltrainer ist ein Angestellter des Verbands. Sein Handeln steht immer im direkten Zusammenhang mit seinem Arbeitgeber. Er ist das Aushängeschild des Schweizer Eishockeys. Der Trainer ist der Kopf des Nationalteams, gibt Linien vor und stellt Regeln für die Gemeinschaft auf. Fischer setzt auf die totale Identifikation fürs Land. Wer sich, wie beispielsweise Lian Bichsel nicht daranhält, wird ausgeschlossen.

Das ist die Rolle des Verbands

Granit Xhaka: Nach Bekanntwerden der Ermittlungen gegen den Nati-Captain suchen die Verbandsbosse das Gespräch mit Xhaka. Als Xhaka ein Geständnis in Aussicht stellt (und für Montag plant), wirkt der Verband in Absprache mit dem Spieler auf eine Sofortmassnahme hin: Xhaka wird weder am Trainingslager noch an den vier Länderspielen in den nächsten zwei Wochen teilnehmen. Ziel: den Druck rausnehmen. Und Zeit gewinnen für eine Neubeurteilung der Lage mit offenem Ausgang. Das ist klug, weil so Xhakas Impf-Bschiss weder bagatellisiert noch dramatisiert wird. Xhakas Nicht-Teilnahme ist jedoch nicht als Suspendierung zu werten.

Patrick Fischer: Als er seinen Impf-Bschiss zugibt, stellt sich der Verband zunächst hinter Fischer. Urs Kessler, damals Präsident, lässt verlauten: Die Angelegenheit ist abgeschlossen, Fischer beglich die Strafe. Deshalb stehe der Verband hinter ihm. Zwei Tage später die Rolle rückwärts. Nach dem immensen öffentlichen Druck knickt der Verband sofort ein und entlässt Fischer, knapp einen Monat vor der Heim-WM. Es folgt eine wochenlange Diskussion über die Rolle von SRF (wurde das «Off-the-record-Gespräch» mit Fischer zu Unrecht veröffentlicht?), einige Spieler wünschen sich Fischer zurück. Der Verband sieht nicht gut aus. Er wirkt chaotisch, planlos und so, als wirkten verschiedene Kräfte gegeneinander.

Das sind die Konsequenzen

Granit Xhaka: Der Nati-Captain dürfte für die Urkundenfälschung einen Strafbefehl kassieren, konkret: Eine bedingte Geldstrafe in Kombination mit einer Busse. Im Gegensatz zu Fischer ist Xhaka nicht vorbestraft. Der Eintrag im persönlichen Strafregister bleibt aber bestehen, auch falls Xhaka die zweijährige Probezeit besteht. Welche Auswirkungen sein Verhalten auf seine Nati-Karriere hat, ist offen. Entscheidend ist die Beurteilung der Nati-Bosse, des Nationaltrainers Murat Yakin und Xhakas Teamkollegen. Da mit Breel Embolo bereits ein wegen schwerer Drohung verurteilter Spieler weiterhin Teil der Nati ist, darf Xhaka mit Milde rechnen. Zudem hat er mit seinem Handeln die Interessen der Nationalmannschaft selbst nicht gefährdet.

Patrick Fischer: Der Nationaltrainer verliert genau einen Monat vor der Heim-WM seinen Job. Sein Abschiedsturnier bleibt ihm damit verwehrt. Am 10. September wird er vom internationalen Eishockeyverband für vier Jahre für WM- und Olympia-Turniere gesperrt – Fischer legt dagegen beim höchsten Sportgericht Rekurs ein. Ein Verfahren von Swiss Sport Integrity ist hängig. Trotzdem: Ein neuer Job als Vereinstrainer ist jederzeit möglich. Falls Fischer will. Auf seine Reputation im Eishockey-Business hat der Fall nur geringste Auswirkungen. Strafrechtlich ist der Fall abgeschlossen.

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