Gut vier Monate sind seit der Entlassung von Patrick Fischer als Eishockey-Nationaltrainer vergangen. Lange hat er geschwiegen. Nun ist Fischer bereit für sein erstes grosses Interview. Gut gelaunt empfängt er «Schweiz heute» bei sich zu Hause. «Gefühlt seit 1988 habe ich mich zu dieser Zeit des Jahres stets auf die neue Saison vorbereitet, entweder als Spieler oder als Trainer», sagt er. Nun ist das anders.
Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?
Patrick Fischer: Wir lancieren dieser Tage ein Projekt, das seit Jahren in mir reift – zusammen mit Weggefährten aus der Coaching-Zeit mit der Nationalmannschaft und weiteren Partnern und Begleitern: Team Fischer. Lange Zeit habe ich Mannschaften und Spieler begleitet und ihnen geholfen, ihr Potenzial auszuschöpfen. Diese Erfahrungen gebe ich nun weiter.
Das heisst, Sie werden Privat-Coach?
Genau. Zusammen mit einem Powerteam begleite ich Menschen auf ihrem persönlichen Weg. Im Zentrum stehen Körper und Mentalität: Wie lösen wir versteckte Blockaden, die uns immer wieder bremsen? Wie gehen wir mit Überforderung und Druck um? Und wie schaffen wir es, auch dann präsent und in unserer Ruhe zu bleiben, wenn es rundherum schnell und anspruchsvoll wird? Denn für mich sind Klarheit, Präsenz und Energie die entscheidenden Superpowers. Wenn wir diese drei Dinge entwickeln, können wir besser entscheiden, bewusster handeln und unser Potenzial auch unter Druck abrufen. Los geht es diesen Herbst mit TimeOut – ein ganzer Tag im OYM, an dem wir genau diesen Themen Raum geben.
Sprechen Sie damit Sportlerinnen und Sportler an?
Nicht nur. Für mich machen eigentlich alle Spitzensport. Eine Mutter, die Familie und Beruf unter einen Hut bringt. Ein CEO, der ein Unternehmen führt. Eine Pflegefachfrau im Nachtdienst. Ein Sportler, der jeden Tag Leistung bringen muss. Jeder und jede hat unglaublich viel zu tragen. Die entscheidende Frage ist: Wie kann ich all das meistern und trotzdem noch Energie haben für die Freizeit? Genau dafür können wir viel vom Spitzensport lernen. Resilienz ist dabei ein grosses Thema: Wie halte ich schwierige Situationen aus, ohne daran kaputtzugehen? Und das ist für mich nicht nur Theorie – das habe ich in den letzten Monaten auch mit meiner Familie sehr intensiv erlebt.
Aber es könnte sich beispielsweise auch Breel Embolo bei Ihnen zum Privat-Coaching melden?
Breel kann kommen.
Denken Sie, dass Ihr Name unter dem gefälschten Covid-Zertifikat gelitten hat?
Schwierig zu beantworten. Ich bin mir bewusst, dass viele Leute enttäuscht sind von mir. Ich habe diese Urkundenfälschung aus bekannten Gründen vorgenommen damals. Ich bin nicht stolz darauf. Dass es also Leute geben wird, die denken: «Nein, dem Fischer mag ich sicher nicht zuhören …», verstehe ich. Gleichzeitig erfahren meine Familie und ich extrem viel Solidarität. Es sprechen mich viele Leute an auf der Strasse, die sich emotional verbunden fühlen. Ich bin überzeugt: Wenn man die «Marke» Fischer wegnimmt von der Geschichte mit Corona und sich fragt: Wofür steht er? Ist er einer, der Menschen weiterbringt? Dann sage ich zu hundert Prozent: ja!
Kehren Sie irgendwann ins Eishockey-Business zurück?
Ich mache bewusst eine Pause. Wie lange, sehen wir dann. Ich weiss nur, dass Eishockey immer mein Hobby war. Man kann es auch Berufung nennen. Ich war immer ein Entdecker. Einer, der rausgehen muss, Neues erkunden muss. Immer das Gleiche? Dann wird es mir stinklangweilig.
Ich behaupte: Sie werden das Eishockey bald vermissen!
Bestimmt. Nur stehe ich jetzt an einer anderen Bande – auf dem Spielfeld des Lebens, wenn man so will. Ob ich irgendwann wieder in einer Eishalle stehe, weiss ich nicht. Es kann sein, es kann auch sein, dass es nie mehr passiert. Die Zukunft wird es zeigen.
Wobei es auch andere spannende Führungsaufgaben in einem Klub gibt.
Das ist so. Ehrlich gesagt ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass ich irgendwann bei einem Klub einsteige. Ob als Berater oder sonst wie. Es könnte auch in einer anderen Sportart passieren. Es geht mir einfach darum, meine Erfahrungen weiterzugeben. Das mache ich jetzt in erster Linie mit Team Fischer – ein Klub käme danach, nicht davor.
Sie sagten, die Widerstandsfähigkeit der ganzen Familie wurde getestet. Wie war die Zeit rund um Ihre Entlassung für Ihre Familie?
Wir alle haben die Dynamik dieses Sturms völlig unterschätzt. Es geht wohl vielen Menschen so: Wenn einem selbst etwas zustösst, kann man irgendwie damit umgehen. Zu sehen, wie das Umfeld leidet, ist schwieriger. Meine Eltern, meine Frau, mein Sohn, meine Freunde. Sie alle waren auch betroffen. Und ich weiss: Das alles ist auf meinem Mist gewachsen. Das ist kein schönes Gefühl.
Hatten Sie Schuldgefühle?
Ja. Ich habe einen Fehler gemacht, und ich habe ihn unzählige Male durchdacht. Es tut mir leid für alle, die wegen mir leiden mussten. Es war eine Zeit, die uns auch getestet hat. Aber auch schön, zu merken, wie wir als Familie zusammengehalten haben. Und ich sagte mir irgendwann auch: Es passiert nichts zufällig. Es hat alles einen Grund.
Als «musste» die Entlassung passieren?
Ich schaue immer alles so an. Meistens findet man im Rückblick – bei mühsamen Dingen – plötzlich die Erkenntnis: Ah, diese Entwicklung hätte es ohne den Rückschlag nicht gegeben. Vielleicht ist das jetzt auch so.
Die Bilder
Patrick Fischers Frau Mädy Georgusis arbeitet als Fotografin. Für «Schweiz heute» hat sie ihren Mann während des Interviews abgelichtet und danach Porträt-Fotos erstellt.
Wie haben Sie die Phase direkt nach Ihrer Entlassung erlebt?
Ich brauchte etwa zwei Wochen, um sie zu akzeptieren. Am Anfang war ich noch emotional. Spieler und Coaches haben sich aufgelehnt. Ich dachte, okay, vielleicht schaffe ich es noch einmal zurück an die Bande.
Diesen Moment gab es tatsächlich? Sie waren überzeugt, es gäbe einen Weg zurück?
Ja, das dachte ich tatsächlich. Auch weil die Empörung unter den Spielern und Trainern und eines grossen Teils der Fans so gross war. Aber irgendwann realisierte ich: Nein, das geht nicht. Dann sagte ich auch den Spielern: «Lasst es laufen. Wir akzeptieren es, wie es ist.»
Der Brief von Roman Josi hat Ihnen gutgetan?
Natürlich. Ich habe gespürt, Spieler und Staff wären wirklich gerne mit mir an diese Heim-WM. Aber der Zeitpunkt war gekommen, um nach vorne zu schauen. Ich habe mich auch via Videobotschaften entschuldigt für die Aufregung und Drama, das ich verursacht habe. Gleichzeitig war es für mich auch keine Überraschung, dass die Schweiz erneut im WM-Final stand.
Also haben Sie den inneren Frieden gefunden mittlerweile?
So ist es. Ich empfinde die gemeinsame, zehnjährige Geschichte als grösser als das Ende. Ich hatte einen schönen Abschluss hier in meinem Garten mit meinem Staff. Ich habe von den Spielern ein Geschenk erhalten, das mich sehr gefreut hat.
Nämlich?
Das ist egal (lacht).
In Ihrem ersten Video-Statement nach der Entlassung warfen Sie SRF vor, eine «Off-the-record»-Vereinbarung gebrochen zu haben. Der neue Fernsehdirektor von SRF, Roger Elsener, sprach im Interview mit «Schweiz heute» davon, er würde Hand bieten für einen gemeinsamen Kaffee – wären Sie dafür offen?
Unbedingt. Schauen Sie, noch einmal: Der Ursprungsfehler lag bei mir. Was SRF mit dieser Information machte – das war ihre Entscheidung. Und diese gilt es zu akzeptieren. Es gab Stimmen, die haben mir geraten: «Du musst SRF verklagen!» Nein, nie! Dafür hatte und habe ich null Intentionen. Ich habe viele schöne Momente mit SRF erlebt, es arbeiten viele tolle Journalisten dort. Und SRF hat dank uns viele berührende Momente, die wir als Mannschaft kreiert haben, an die Bevölkerung raustragen können. Wenn wir alle die Zeit zurückdrehen könnten, würden wir wohl alle einige Dinge ändern.
Also erwarten Sie keine Entschuldigung?
Ich gehe erwartungslos zu diesem Kaffee.
Würden Sie selbst denn im Rückblick alles nochmals genau gleich machen?
Nein. Zwei Dinge. Im Pioniergeist bist du viel alleine unterwegs. Ich bin diesen eigenen Weg vielfach gegangen. In dieser Phase rund um Corona habe ich auf mein Inneres gehört. Ich wollte selbst entscheiden, was in meinen Körper gelangt und was nicht – dazu stehe ich bis heute. Aber 100 Prozent meinen Weg zu gehen, hätte bedeutet zu sagen: Ich gehe nicht nach China an die Olympischen Spiele. Ich habe diesen Spagat probiert – und das würde ich so sicher nicht mehr machen.
Und das Zweite?
Wir hätten im Nachgang an das bekannte Mittagessen trotzdem mit SRF das Gespräch suchen sollen. Wir sehen euer Problem, ihr seht unser Problem – finden wir eine Lösung. Wir haben intern so geplant, dass ich nach der WM über das gefälschte Covid-Zertifikat kommuniziere. Ich denke, wir hätten das glätten können. Dieser Fehler ist sicher auf unserer Seite entstanden.
Es kam, wie es kam. Wenn Sie den Aussenblick einnehmen, empfinden Sie die Entlassung als gerechtfertigt?
Sagen wir es so: Unerwartet kam es nicht, dass ich entlassen wurde. Klar sagten mir die Bosse zuerst: Sag, was passiert ist, wir stehen hinter dir. Doch mit der ganzen Dynamik merkte ich schon, dass es eng wird. Es kam danach noch – auch durch Eigenverschulden – die Geschichte mit meinem Strassendelikt hinzu. Ich fragte unseren Medienchef quasi täglich: Was meinst du, wie sieht es ganz oben aus? Stehen sie noch zu mir? Man hätte es durchboxen können mit mir. Aber es ist mir bewusst: Ich habe die Rolle als Nationaltrainer verletzt.
Den WM-Final haben Sie auf der Tribüne miterlebt …
… genau. Die Spieler sagten mir, es wäre mega schön, wenn wir zusammen in der Garderobe den WM-Titel feiern könnten. Ich habe mich herausgeputzt (lacht). Ins Stadion gelangten wir von hinten, quasi durch Geheimgänge, und dann mittels Lift in eine Loge. Ich war sowas von sicher, dass es diesmal klappt.
War es für Sie von aussen besonders bitter, mitzuerleben, wie die Schweiz zum dritten Mal in Serie den WM-Final verliert? Oder hatten Sie gar den Gedanken: «Wenigstens muss ich das nicht mehr als Trainer miterleben»?
Ich war emotionaler auf der Tribüne als an der Bande. Ich war sauer. Es hat mich aufgeregt. Und einfach leid getan für die Spieler. Ich dachte wirklich, die gleiche Geschichte wie in den letzten beiden Jahren – zu null zu verlieren – würde uns nicht mehr passieren. Für mich persönlich aber war die schlimmste Niederlage in diesen zehn Jahren jene im Olympia-Viertelfinal gegen Finnland.
Warum?
Für mich als Eishockey-Trainer waren diese Spiele 2026 das sportliche Highlight. Die besten Spieler aller Nationen waren dabei. Wir führen gegen die beste finnische Mannschaft 2:0 und haben die sowas von im Griff. Und dann verlieren wir doch noch. Das hat mich so aufgeregt. Ich brauchte danach wirklich Abstand.
Inwiefern?
Ich hatte keinen Bock mehr auf die Emotionen. Ich konnte das Olympische Eishockeyturnier nicht mehr fertigschauen. Diese Niederlage hat mich so richtig getroffen. Und dann werde ich an der Fussball-WM wieder schmerzlich daran erinnert …
… wie?
Beim Achtelfinal Ägypten gegen Argentinien. Den Ägyptern ist quasi dasselbe passiert. 2:0 vorne – und doch noch verloren.
Verfolgten Sie die Schweizer Spiele intensiv?
Ja. Sehr. Und lassen Sie es mich deutlich sagen: Ich bin begeistert. Was die Schweiz gezeigt hat – Hammer. Taktisch war die Nati zusammen mit Spanien das beste Team des Turniers. Niemand fand ein Mittel gegen uns! Und dann kommt ein einziger Entscheid und das Turnier ist weg. Das ist sehr bitter.
Wie würden Sie Embolo als Trainer nach seiner gelb-roten Karte wieder aufrichten?
Die ganze Mannschaft kann ihn supporten. Der Trainer auch. Nur muss er das jetzt als Mensch für sich anschauen. Ich glaube, es sind nicht die ersten emotionalen Hürden in seinem Leben. Er wird auch diese meistern und gestärkt herauskommen.
Spüren Sie, dass Sie weniger auf Strom …
Die Tür geht auf. Fischers Tochter Oceania betritt zusammen mit einem Hund das Wohnzimmer.
Das ist unser neustes Familienmitglied, Ilios.
Wie kamen Sie dazu?
Meine Frau Mädy hat griechische Wurzeln. Zeit ihres Lebens hat sie sich schon in Hunde auf den Strassen von Griechenland verliebt. Mir ging es genauso. Und weil wir wussten: Ab diesem Sommer mache ich eine Pause, dachten wir, nun ist der richtige Moment, um einen Hund bei uns aufzunehmen.
Somit sind Sie nun auch als Hundetrainer gefordert.
Und wie! Aber er macht es wunderbar. (Zu seiner Tochter: Oceania, magst du zeigen, was Ilios gelernt hat?)
Die Vorführung beginnt. Oceania holt ein Hundeguetsli, legt dieses Ilios auf die Pfote und sagt: «Warte! Warte! Warte!» Sie entfernt sich einige Schritte und ruft: «Jetzt darfst du essen!» Ilios gehorcht.
Kürzlich hat er sogar morgens um 7 Uhr bei uns am Schlafzimmer an der Türfalle gerüttelt. Als wolle er rufen: «Zeit, um aufzustehen!»
Sie waren gut 10 Jahre Nationaltrainer. Was bleibt von dieser Zeit?
Sehr viel. Wir haben das Schweizer Eishockey dorthin gebracht, wo es vorher nie war. Dreimal WM-Final, Siege gegen die grössten Nationen. Das ist nicht meine Leistung, das war ein Team über zehn Jahre. Und ich habe in dieser Zeit gelernt, was Menschen wirklich stark macht. Es ist nicht die Taktik. Es ist, wie sie mit Druck umgehen, mit Rückschlägen – und miteinander.







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