Vor 17 Jahren betritt Granit Xhaka die Fussballbühne. Seither sorgt der Basler mit kosovarischen Wurzeln für Begeisterung, Stirnrunzeln, Schmunzeln und Kopfschütteln. Eine Chronologie der «Akte Xhaka»:
2009: Bis die Schweiz im Viertelfinal steht, bekommt hierzulande praktisch niemand etwas von der U17-WM in Nigeria mit. Doch Granit Xhaka strebt schon vor dem Abflug nach Afrika nach dem Maximum: «Ich habe genug Kleider eingepackt bis zum Final.» Drei Wochen später stemmt die U17-Nati tatsächlich den WM-Pokal in die Höhe. Eine Sensation, an der Xhaka als Spiritus Rector im Zentrum grossen Anteil hat. Übrigens: Den Kleider-Spruch bringt Xhaka seither vor fast jedem Turnier...

2011: Xhaka wird erstmals für die A-Nati berufen. Sinnbildlich für den weiteren Verlauf seiner Länderspielkarriere, dass das Debüt auf der grösstmöglichen Bühne stattfindet: Im Fussballtempel Wembley-Stadion in London gegen England. Xhaka rückblickend: «Ich erinnere mich noch sehr gut an den 4. Juni 2011 in London. Als mich Ottmar Hitzfeld in sein Zimmer bat und fragte, ob ich bereit sei zu spielen, war meine Antwort: Klar, deshalb bin ich hier.»
2016: Schon länger drängt Xhaka auf die Chefrolle im Nati-Mittelfeld, kurz vor der EM in Frankreich erhält er sie. Es ist eine kleine Revolution: Trainer Vladimir Petkovic sägt Captain Gökhan Inler ab und stellt stattdessen Xhaka auf die Sechserposition. Die Binde übernimmt vorerst Stephan Lichtsteiner. Für Xhaka endet das Debüt als Nati-Spielmacher maximal unglücklich: Sein verschossener Penalty gegen Polen bedeutet das Achtelfinal-Out.

2018: Im Gruppenspiel gegen Serbien trifft Xhaka zum zwischenzeitlichen 1:1 - und zeigt beim Jubeln vor den serbischen Fans den Doppeladler, das kosovarische Identitätssymbol. Xhakas Antwort auf die Beleidigungen der Serben und eine Anlehnung an den Kosovo-Serbien-Konflikt. Die Geste löst einen Sintflut an Diskussionen aus, über gelungene oder nicht gelungene Integration, über echtes Schweizertum und die Frage, ob Xhaka Xhaka den Serbien-Kosovo-Konflikt im Schweizer Natitrikot zur Schau tragen darf. «Doppeladler» wird 2018 das Schweizer Wort des Jahres und Xhaka bekräftigt mehrmals in Interviews, dass er sich gleichermassen als Kosovare und als Schweizer fühle.

2022: Im März wird Xhaka erstmals unter Murat Yakin für die Nati nominiert - und gleich kommts zum Knall: Weil Yakin Xhaka im Testspiel gegen den Kosovo nach einer Stunde auswechselt, ist dieser stinksauer. Es ist der Auftakt einer lange explosiven Trainer-Captain-Beziehung, im Herbst 2023 will Nati-Bos Pierluigi Tami Yakin zugunsten von Xhaka entlassen. Dazu kommts nicht, weil sich Yakin und Xhaka aussprechen und zusammenreissen.

2022: Wieder trifft die Nati in der WM-Gruppe auf Serbien, wieder kommts zum Xhaka-Eklat: Erst fasst er sich vor der serbischen Ersatzbank in den Schritt, um zu demonstrieren: «Ich habe keine Angst!» Nach dem Weiterkommen schnappt er sich das Trikot von Ardon Jashari, der den gleichen Nachnamen trägt wie der kosovarische UCK-Kämpfer Adem Jashari. Die Serben kochen, Xhaka argumentiert wie meist in solchen Fällen: Die Geste sei als freundlicher Gruss in den Kosovo gemeint gewesen.
2026: Im Sommer schreibt Xhaka mit der Nati Geschichte, erstmals seit 72 Jahren steht die Schweiz im WM-Viertelfinal: Angeführt von Captain Xhaka, der als Leitwolf so wichtig ist wie nie zuvor. Doch zwei Monate später sorgt er wieder abseits des Rasens für Schlagzeilen.
Vergangene Woche wird der ehemalige kosovarische Unabhängigkeitskämpfer und Minidesterpräsident Hashim Thaci wegen Kriegsverbrechen zu 25 Jahren Haft verurteilt. Xhaka solidarisiert sich auf den sozialen Medien mit Thaci und weiteren UCK-Führern. Was wieder die Frage aufwirft: Was haben politische Statements zu Konflikten ohne Schweiz-Bezug auf dem Profil des Nati-Captains verloren? Pierluigi Tami vom Schweizer Verband meint lapidar: «Das ist Privatsache.» Doch ist es wirklich so einfach?

Wenige Stunden nach der Sympathiebekundung für Thaci kommt ans Licht, dass Ermittlungen gegen Xhaka laufen: Wegen der illegalen Beschaffung eines Covid-Zertifikats. Drei Tage lang streitet Xhaka alles ab, dann gibt er den «Impf-Bschiss» zu. Und löst die nächste riesige Diskussionswelle über sich selber aus. Affaire à suivre.



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