Fussball-WM 2026

Eine Katarstrophe zum WM-Start: Die Nati kassiert gegen den krassen Aussenseiter in der Nachspielzeit das 1:1

Chancenwucher in der ersten Halbzeit und pomadiges Verhalten gegen Ende der Partie sind verantwortlich für einen Fehlstart in die WM. Unsere Nati schenkt Katar den ersten WM-Punkt in deren Geschichte. Das hat eine peinliche Note.
Konsternation bei Nico Elvedi, Gregor Kobel, Manuel Akanji, Miro Muheim und Zeki Amdouni (von links) nach dem späten Gegentreffer.
Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Was hat Katar mit der WM zu tun? Eigentlich nichts. Gut, 2022 war der Golfstaat Ausrichter der WM und deshalb natürlich dabei. Das erste Mal überhaupt. Doch nach drei Niederlagen und nur einem erzielten Tor ist für Katar Schluss nach der Gruppenphase. Ausgerechnet diese im Weltfussball kleine Maus Katar beschert uns einen katarstrophalen WM-Start, weil sich Boualem Khoukhi – wer kennt ihn nicht? – in der 94. Minute im Luftduell gegen Miro Muheim durchsetzt und per Kopf zum 1:1 trifft.

Es soll die beste WM der Geschichte werden, hört man aus dem Nati-Lager. Die beste WM? Das wäre, wenn die Schweiz mindestens bis in den Viertelfinal kommen würde. Und da liegt auch die Gefahr versteckt. Die Gruppenphase scheint ein Selbstläufer zu sein. Katar, Bosnien-Herzegowina und Kanada lösen weder bei der Nati, noch beim Publikum irgendwelche Bedenken oder Zweifel aus.

Doch das erste Spiel an dieser WM beginnt und endet für die Schweiz mit einem Schockmoment. Es sind Momente, die uns vor Augen führen: Selbst gegen Gegner der zweiten oder dritten Güteklasse kommt man nicht im Schongang zum Sieg.

Manuel Akanji sorgt für den ersten Schockmoment

Verursacht wird der erste Schockmoment ausgerechnet von Manuel Akanji, einem der besten Innenverteidiger der Welt. Wie er in der 2. Minute aber über den Ball schlägt und so dem katarischen Stürmer Edmilson Junior eine hochkarätige Chance offeriert, hat nichts mit Weltklasse zu tun. Zum Glück kann Torhüter Gregor Kobel einen frühen Gegentreffer verhindern.

Positiv ist, dass die Nati diesen Schockmoment als Aufweckerlebnis versteht. Fortan dominiert sie das Spiel. Was man gegen diesen Gegner auch erwarten darf. Schliesslich ist Katar der krasse Aussenseiter in dieser Partie, erst zum zweiten Mal an einer WM dabei und 2022 zu Hause ohne Punktgewinn und mit nur einem erzielten Tor in der Gruppenphase hängen geblieben.

Julen Lopetegui, einst Trainer bei Real Madrid und das mit Abstand bekannteste Gesicht im katarischen Tross, sagte vor dem Spiel: «Mein Plan, um die Schweiz zu schlagen? Mit zwölf Spielern spielen. Ich sage es Ihnen, und das ist meine Meinung: Die Schweiz gehört zu den besten Mannschaften dieser Weltmeisterschaft»

Michel Aebischer ist der beste Schweizer

In der ersten Halbzeit deutet das die Schweiz phasenweise auch an. Insbesondere Michel Aebischer zeigt bis zu seiner Auswechslung (66.) eine formidable Vorstellung. Ausgerechnet Aebischer, ist man geneigt zu sagen. Ein Spieler, der kaum je im Fokus einer breiten Öffentlichkeit steht. In den Augen vieler ein Mitläufer, nicht mehr, weil er nie ein grosses Tamtam veranstaltet, meist zwischen Bank und Startelf pendelt, aber immer seinen erledigt.

Wir haben uns gefragt, welche Tischbombe Murat Yakin zünden wird. Schliesslich ist der Ideenreichtum unseres Nationaltrainers schon legendär. Eine ganz grosse Tischbombe hat er nicht nach San Francisco mitgenommen, aber immerhin zwei halbwegs grosse: Aebischer und Zakaria. In den beiden WM-Testspielen liess er Aebischer zwar jeweils von Beginn weg spielen. Mal als linker Schienenspieler, mal als rechter Flügel. Und nun gegen Katar? Gibt er ihm anstelle von Johan Manzambi und Fabian Rieder in leicht offensiver Mittelfeldposition Auslauf. Zakaria hingegen startet als rechter Aussenverteidiger, wo üblicherweise Silvan Widmer agiert.

Zurück zu Aebischer, Yakins fussballspielender Wollmilchsau. Der 29-jährige Freiburger ist an fast jeder gefährlichen Offensivaktion beteiligt. In der 6. Minute lanciert er mit einem überragenden Zuspiel Dan Ndoye, der an Torhüter Abunada scheitert. Es ist nicht die einzige hochkarätige Möglichkeit, die Ndoye liegen lässt. In der 10. Minute schiesst er drüber, in der 35. Minute am Tor vorbei und in der Nachspielzeit scheitert er erneut an Abunada.

Ndoye hat Chancen für 3 Tore, geht aber mit 0 Toren vom Platz

Aber nicht nur Ndoye sündigt im Abschluss. Auch Zakari (21.), Vargas und Aebischer – beide in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit - lassen beste Chancen aus. Dass wir in der Pause nicht vollends mit hadern beschäftigt sind, verdanken wir Breel Embolo und Remo Freuler. Zweiterer wird nach Kopfballvorlage Embolos von Goalie Abunda gefoult. Embolo verwertet in der 14. Minute den Penalty zum 1:0.

Dan Ndoye (rechts) läst gegen Katar drei hochkarätige Möglichkeiten liegen.
Bild: Toto Marti/Blick/freshfocus

Embolo und WM-Startspiele, das scheint zu passen. Schon in Katar erzielte er gegen sein zweites Heimatland Kamerun (1:0) das erste Schweizer WM-Tor. Sowieso ist die Entwicklung unseres Mittelstürmers, der wegen Problemen mit dem Visum erst verspätet in die USA reisen konnte, beeindruckend. Seit Anfang 2025 hat er nun in 14 Länderspielen 10 Tore erzielt. Eine Wahnsinns-Quote.

Xhaka bleibt bei seinem WM-Rekordspiel blass

Wenn wir schon bei Zahlen sind. Granit Xhaka, der erstaunlich diskret bleibt, und sein Kumpel Ricardo Rodriguez sind neu WM-Rekordspieler der Schweiz. Gegen Katar absolvieren die beiden 33-Jährigen ihr 13. Spiel auf der grössten Fussball-Bühne. Xherdan Shaqiri kam bis zu seinem Rücktritt nach der EM 2024 auf zwölf WM-Einsätze.

Zurück zum Spiel, das aus Schweizer Sicht nach der Pause abflacht, was ein Stück weit den 35 Grad im Schatten geschuldet ist. Wobei es im mit 67'000 Zuschauern erstaunlich gut gefüllten Levi’s Stadium keinen Schatten gibt. Die Schweizer haben zwar die absolute Kontrolle über das Spiel. Aber je länger die Partie dauert, desto uninspirierter spulen sie ihr Programm runter. Torchancen erarbeitet sie sich kaum noch. Einzig Vargas (74.) und Embolo (75) könnten auf 2:0 erhöhen. Doch beide scheitern.

Ein Bild, das wir nicht sehen wollen: Katars Spieler sind nach dem späten 1:1 ziemlich aus dem Häuschen.
Bild: Eakin Howard/AP

Es ist eine schlechte zweite Halbzeit, welche die Schweiz gegen diesen höchst bescheidenen Gegner zeigt. Es ist eine Halbzeit, mit der sie für die erste Peinlichkeit an dieser WM sorgen. Zwar ist noch nichts verloren. Der Weg nach ganz vorne unverstellt. Aber nach diesem Spiel fällt es ziemlich schwer, weiterhin überzeugt zu sein, dass diese Nati die beste WM der Geschichte spielen wird.

Das Spiel im Livestream:

Der Liveticker zur Partie:

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