Für einen Stürmer mit bescheidener Quote und ohne grosse Verdienste nimmt Noah Okafor hier im Nati-Camp gerade sehr viel Raum ein. Keine Kaffeepause unter Journalisten ohne das Thema Okafor; kein in San Diego aufgezeichneter Experten-Talk ohne Werweissen über den Umgang von Murat Yakin mit Okafor. Sogar die Teamkollegen müssen die Frage beantworten, ob Okafor eine tickende Zeitbombe sei. Okafor, 25 Länderspiele, 16 davon als Joker, zwei Tore. Null Einsatzminuten an der WM.
«Ersatzbankjournalismus» nennen das Trainer und Funktionäre jeweils und winken entnervt ab. Und was man hier in San Diego aus der Schweiz mitbekommt, so ist die Reservistenrolle des 26-Jährigen in der Heimat kein omnipräsentes Thema.
Ennet des Atlantik schon. Und es gibt sehr wohl Gründe, warum Okafor interessiert, obwohl er nicht spielt: Wie geht er dieses Mal mit der Reservistenrolle um, nachdem ihm an der EM 2024 wegen seiner schlechten Laune sogar der Rauswurf drohte? Und wie ist der Austausch mit Nati-Coach Murat Yakin, mit dem es Ende 2025 ein klärendes Gespräch gab und der ihn trotz acht Premier-League-Toren für Leeds United nicht von der Leine lässt? Auf diese und andere Fragen antwortet Okafor nun.
Noah Okafor, SRF-Natikommentator Sascha Ruefer bezeichnet Sie als «tickende Zeitbombe». Stimmt das?
Noah Okafor: Überhaupt nicht. Ich bin gesund und glücklich, an der WM sein zu dürfen. Und meine Laune ist gut.
Aber der Ärger, dass Sie noch keine Minute spielen durften, ist schon da?
Wenn man es an die WM schafft, will man auch spielen. Das ist normal, sonst wäre ich im falschen Beruf. Ich habe es mir im Voraus natürlich anders vorgestellt und darüber bin ich verärgert, genervt - auch ein bisschen angepisst. Weil ich meine Stärken kenne, eine gute Saison hatte und weiss, dass ich dem Team helfen kann. Aber es sind 26 gute Spieler hier, ich muss positiv bleiben und mich im Training anbieten. Die Aufstellung macht der Trainer.

Wie ist der Austausch mit Murat Yakin? Wissen Sie von ihm, warum Sie noch nicht gespielt haben?
Gerade vorher hatten wir ein Gespräch. Eigentlich war meine Einwechslung gegen Kanada geplant, aber dann ist das Spiel anders verlaufen.
Sie haben acht Saisontore in der besten Liga der Welt erzielt. Und dann wird Ihnen gegen Kanada mit Christian Fassnacht der Torschützenkönig der deutlich schwächeren Schweizer Super League vorgezogen...
Wie gesagt: Die Entscheidung über die Startelf und die Einwechslungen trifft der Trainer. Das ist eine Frage für ihn.
An der EM 2024 stellten Sie den Frust über die Reservistenrolle offen zur Schau. Wie gehen Sie heute damit um?
Damals war ich zwei Jahre jünger und habe Fehler gemacht. Mit meiner Körpersprache habe ich mir meine Gefühle anmerken lassen. Über die Zuschauerrolle nerve ich mich auch heute, aber der Umgang damit ist anders: Ich schaue nach vorne und biete mich dem Coach mit guten Trainingsleistungen an.
Vor einem Jahr haben Sie die AC Milan verlassen und sind zu Leeds United gewechselt, vom Renommee der Klubs her ein Rückschritt. Aber Sie haben endlich regelmässig gespielt. Dazu der Beraterwechsel, das klärende Gespräch mit Yakin. Wie unterscheidet sich der Noah Okafor von 2025 von dem von 2026?
Nach Leeds zu gehen, war ein überlegter Schritt. Woche für Woche zu spielen, hat mir gutgetan. In den vielen Gesprächen mit meiner Familie und meinem engsten Umfeld habe zugehört, gelernt und dann Dinge verändert. Zum Beispiel sieht meine Morgenroutine anders als als früher. Menschlich und sportlich habe ich grosse Fortschritte gemacht. Aber einen Mentalcoach habe ich keinen, das übernehmen meine zwei Brüder.
Apropos: Welchen Anteil haben Elijah und Isaiah, dass Sie trotz WM-Reservistenrolle die Füsse still halten?
Sie spüren natürlich meinen Frust über die Situation und reden viel mit mir, bauen mich auf und versuchen, mich ruhig zu halten.
Mit welchen Nati-Kollegen verbringen Sie am meisten Zeit?
Ruben (Vargas) ist mein bester Freund. Granit (Xhaka), Manu (Akanji) und Breel (Embolo) sehe ich auch oft, weil wir alle Brettspiele lieben.
Der Gegner im Sechzehntelfinal heisst Algerien mit Trainer Vladimir Petkovic. Unter ihm haben Sie 2019 das erste Länderspiel für die Schweiz bestritten.
Ich war gerade mal 19 und erinnere mich natürlich gerne an diesen Tag. Es ist aber nicht nur für mich speziell, sondern für alle in der Nati, die unter ihm schon dabei waren.
Ihre sportliche Einschätzung zu Algerien?
Neben einem super Trainer haben sie einige sehr gute Einzelspieler. Die Details kenne ich noch nicht, wir wissen ja erst seit ein paar Stunden Bescheid über unseren nächsten Gegner.



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