Fussballnationalmannschaft

Ardon Jashari und das Licht: Wie er auch im Nationalteam seine Rolle findet

Seine Karriere kannte lange nur eine Richtung: steil nach oben. Dann brach sich Ardon Jashari das Wadenbein – und fiel in ein tiefes Loch. Nun findet der 24-Jährige bei der Schweizer Nati immer besser seinen Platz. Ausgerechnet in Luzern könnte sich für ihn ein Kreis schliessen.

Plötzlich wird es dunkel. Ganz, ganz dunkel. «In den ersten Tagen ist die Welt für mich untergegangen. 48 Stunden lang war ich fast nicht ansprechbar», sagt Ardon Jashari über den schlimmsten Moment in seiner Karriere.

Es ist der 28. August 2025, als für ihn das Licht für kurze Zeit aus seinem Fussballer-Leben verschwindet. In einem Trainingsspiel bei seinem neuen Klub, der AC Milan, bricht er sich das rechte Wadenbein - und seine bis dahin heile Welt zusammen.

Denn für Ardon Jashari ging es bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich immer nur in eine Richtung: nach oben. Und zwar «mega steil», wie er das im «Sportcast»-Podcast im Vorfeld der diesjährigen Weltmeisterschaft erzählt hat.

Nachdem er seinen Profivertrag beim FC Luzern, seinem Jugendklub, unterschreibt, dauert es nicht einmal acht Monate, bis er erstmals für die Nationalmannschaft aufgeboten wird. September 2022 ist das, zwei Monate später reist er mit der Nati an die WM in Katar. «Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich immer noch in einem Film bin», sagt Jashari. Er realisiere vieles gar nicht.

In den USA findet er seinen Platz - dann bricht das Bein

Schliesslich geht es für ihn Schlag auf Schlag. Nach der ersten WM folgt eineinhalb Jahre später der Wechsel zu Brügge, dort die Auszeichnung mit dem Goldenen Schuh als bester Spieler des Jahres, der Transfer zu Milan.

Statt die Stars am Fernseher zu verfolgen, ist er einer von ihnen. Wird im Milanello, dem geschichtsträchtigen Trainingszentrum der Rossoneri, auch von Dutzenden Fans empfangen. Wird von Luka Modric herzlich umarmt beim Kennenlernen, ist auf einmal sein Konkurrent im Zentrum. Steht mitten im Scheinwerferlicht.

Bis das Licht verschwindet.

Der Wadenbeinbruch bedeutet nicht nur einen Einschnitt in seiner Laufbahn bei Milan, sondern auch in der Nationalmannschaft. Jasharis Situation ist dort ohnehin kompliziert: Im zentralen Mittelfeld kommt er an Granit Xhaka und Remo Freuler kaum vorbei. Doch just im Trainingscamp in den USA im Sommer 2025, wenige Wochen vor seinem Beinbruch bei Milan, scheint der heute 24-Jährige langsam seinen Platz zu finden.

Danach verpasst er die gesamte WM-Qualifikation. Im Frühling 2026 kommt er zu Teileinsätzen, an der Weltmeisterschaft selbst kann er in den wenigen Minuten auf dem Feld nicht überzeugen. Und die Frage kommt immer wieder auf: Wann und in welcher Rolle findet Jashari seinen Platz im Team von Murat Yakin?

Dieser hält grosse Stücke auf ihn, lobt immer wieder seine Einstellung und seine unverkennbaren Qualitäten. In der laufenden Nations-League-Kampagne gelingt es Jashari auch endlich, diese auszuspielen. In Abwesenheit von Granit Xhaka kommt er in Nordmazedonien und Schottland von Beginn an zum Einsatz und zeigt besonders in der Heimat seiner Eltern eine starke Leistung. Jashari läuft Räume zu, strahlt eine grosse Präsenz aus und weiss, wann er seine schlauen Schnittstellenpässe auspacken kann.

Einst hupend im Auto, dann mittendrin in der Nati

Waren seine Aussichten im Nationalteam im Schatten von Xhaka lange finster, eröffnen sich ihm gerade neue Möglichkeiten. «Früher bin ich nach Nati-Siegen mit der ganzen Familie mit dem Auto auf die Strasse hupen gegangen», sagt er im «Sportcast». Jetzt ist er Teil dieser Mannschaft, die so ansehnlichen und erfolgreichen Fussball spielt.

Jashari ist es dabei wichtig, dass er kein 1:1-Ersatz von Xhaka ist. «Natürlich macht es mich stolz, wenn man mich mit dem Rekordnationalspieler vergleicht. Aber ich möchte ihn nicht kopieren. Wir haben verschiedene Werdegänge und Spielarten.» Letzteres betont auch Yakin immer wieder. Und sowohl Coach als auch Spieler schliessen nicht aus: Die Spielweisen von Xhaka und Jashari könnten sich durchaus auch ergänzen.

Doch Jashari braucht Minuten im Verein, um vorwärts zu kommen. Aktuell steht er bei nur 153 Minuten in vier Einsätzen. «Bei einem Klub wie Milan interessiert es niemanden, wer du bist und wie du heisst. Es geht nur ums Gewinnen. Ausser vielleicht, man hat ein Standing wie Modric», so Jashari.

Die Hass-Nachrichten nach dem Start bei Milan

Auch die Fans kennen kein Pardon. «Vor meinem Wechsel zu Milan haben sie mich zwei Monate lang gefeiert und gefragt, wann ich endlich nach Mailand komme. Dann habe ich im ersten Spiel einen Fehler gemacht und der Wind hat gedreht.» Es folgten Hass-Nachrichten in den sozialen Medien. «Ich hatte ehrlich gesagt Mühe damit», gibt Jashari zu. Die Verletzung, so sagt er es, habe es vielleicht auch einfach gebraucht. «Für meinen Kopf, um nachzukommen mit allem. Ich habe probiert, mich selbst auch ein bisschen anzulügen.»

Erst, als er in der Dunkelheit war, konnte Jashari erkennen, wie viel Licht da bis dahin in seiner Karriere war.

Lehrreich sei all das gewesen, sagt der 13-fache Nationalspieler, der betont, dass er Vertrauen spüren müsse. So wie in Brügge. Und in Luzern. Dort, wo er seine Karriere lancierte und der steile Aufstieg begann - und er am Samstagabend mit der Nati gastiert. Zwar war Jashari mit der Schweiz schon zuvor in der Heimat im Einsatz, noch nie aber gehörte er dabei zur Startelf. Doch in diesen Tagen ist vieles anders für Ardon Jashari. Er steht plötzlich nicht mehr im Schatten, sondern geniesst das Licht.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)