Fussball

Ein Eigentor für Gianni Infantino: Vernichtende Reaktionen zu Plänen für die Privatisierung der WM

Selbst der US-Verband stellt sich zusammen mit einer Mehrheit der Fussballwelt gegen die Idee, einen Teil der Rechte an den Fifa-Turnieren zu verkaufen. Und nun mischt sich auch noch die Politik aus dem Mutterland des Fussballs ein.
Fifa-Präsident Gianni Infantino (links) will Anteile an der WM an private Kreise verkaufen, die US-Präsident Donald Trump nahe stehen.
Bild: Matt Rourke

Gianni Infantino hat am Freitag einen seiner ungemütlicheren Tage an der Spitze des Weltfussballverbandes erlebt. Der Walliser Fifa-Präsident spürt unentwegt heftigsten Gegenwind zu seinen Plänen, die WM zu privatisieren. Noch vor wenigen Tagen sonnte sich Infantino im Kreis der Mächtigen am Erfolg der Weltmeisterschaft. Doch jetzt fliegt ihm sein grosser Plan innerhalb kürzester Zeit um die Ohren. Die Fifa will eine kommerzielle Gesellschaft gründen, die auch privaten Investoren offenstehen soll.

Nach der heftigen Empörung aus den Organen des Fussballs hat das Vorgehen von Fifa-Boss Gianni Infantino auch in der Politik zu Kritik geführt. Der 56-Jährige sei «der falsche Mann», um den Weltverband zu leiten, sagte Grossbritanniens Premierminister Andy Burnham am Freitag. Infantinos Plan, Anteile an Turnieren des Weltverbandes an private Investoren zu verkaufen, sei ein «ungeheuerlicher Vorschlag».

Der Druck auf Infantino wächst von allen Seiten. Zunächst hatte die Uefa einen Boykott angekündigt, sollte der Präsident des Weltverbandes an seinen Plänen festhalten. Dem Widerstand schlossen sich auch die Kontinentalverbände für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik (CONCACAF) und Asien (AFC) an. Zudem beginnt der innere Kreis Infantinos möglicherweise zu bröckeln. Sein leitender Berater Carlos Cordeiro ist aus Protest gegen dessen Investorenpläne zurückgetreten.

Drastische Worte der Kritik von Infantino-Berater

Cordeiro vertrat den Weltverband zuletzt in der Task Force des Weissen Hauses zur WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko. «Als leitender Berater des Fifa-Präsidenten, früherer Banker und lebenslanger Fussball-Fan kann ich nicht tatenlos zusehen, wie die Fifa den Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft in Erwägung zieht», schrieb der ehemalige Präsident des US-Verbandes, der seit 2021 für die Fifa arbeitet. Er betonte, an den Plänen nicht beteiligt gewesen zu sein und diese entschieden abzulehnen.

«Es ist ein schlechtes Geschäft für die Fifa-Mitgliedsverbände, ein schlechtes Geschäft für den Fussball und ein schlechtes Geschäft für die langfristige Zukunft dieses Sports», schrieb Cordeiro.

Die Investorenpläne stossen auch innerhalb der Fussball-Familie auf immer mehr Gegenwind. Mit dem Asiatischen Fussballverband (AFC) stellt sich nun ein dritter Kontinentalverband gegen das umstrittene Vorhaben. Die AFC erklärte, sie wolle «die Weltmeisterschaft schützen». Der aus 47 Mitgliedsverbänden bestehende Kontinentalverband erklärte, angesichts der Positionen von Uefa und CONCACAF sowie der beispiellosen Spaltung im Weltfussball könne das vorgeschlagene Unternehmen FFE (FIFA Forward Enterprise) realistischerweise nicht den breiten Konsens und die notwendige Einigkeit erreichen, um voranzukommen.

Ohne das Vorhaben ausdrücklich abzulehnen, vertritt die AFC die Auffassung, dass jeder Vorschlag, der die Einheit und den universellen Charakter der Fussball-WM gefährden könnte, überdacht werden müsse. Die AFC sei «der Auffassung, dass dieser Moment zum Katalysator für eine Stärkung der institutionellen Reformen werden muss».

Auch kein Kuschelkurs des US-Fussballs

Die Stellungnahme der AFC folgte einen Tag, nachdem die Mitglieder der Europäischen Fussball-Union Uefa der Fifa mit einem WM-Boykott gedroht hatten, falls diese den angekündigten Investorendeal durchzieht. Auch der für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige Kontinentalverband CONCACAF mit den WM-Gastgebern USA, Mexiko und Kanada lehnt die Investorenpläne geschlossen ab.

Die afrikanische Konföderation CAF legte ihren 54 Nationalverbänden nahe, das Vorhaben wohlwollend zu prüfen. Die CONMEBOL um ihren Präsidenten Alejandro Domínguez, der Infantino nahe steht, verhielt sich dagegen auffallend unauffällig. Die Südamerikaner hoffen auf eine Erweiterung der WM 2030 auf 64 Teams, um mehr Spiele auf ihrem Kontinent zu erhalten.

Fifa will an Investorenplan festhalten

Die Fifa selbst erklärte am Freitag, dass sie ihr Vorhaben zur Gründung einer kommerziellen Tochtergesellschaft, die auch für ausländische Investoren offen sein soll, trotz wachsender Kritik weiterverfolgen werde. «Unser geplanter Konsultationsprozess wurde durch irreführende Medienberichte gestört», erklärte der Weltverband in einer Mitteilung. Weiter hiess es: «Wir werden diesen Konsultationsprozess fortsetzen, um sicherzustellen, dass jeder Mitgliedsverband seine Stimme auf der Grundlage der tatsächlichen Fakten abgeben kann.»

Mit dem potenziellen Verkauf eines Teils ihrer kommerziellen Rechte will die Fifa eine Milliardensumme einspielen. Nach Angaben der Fifa sollen private Geldgeber rund 20 Prozent der Anteile an dem neu zu gründenden Tochterunternehmen FFE erwerben können, dessen Wert zunächst auf insgesamt 20 Milliarden Dollar festgelegt ist. Im FFE werden die kommerziellen Rechte an den Fifa-Wettbewerben wie der Männer- und Frauen-WM sowie der Club-WM gebündelt.

Die Fifa würde Mehrheitsgesellschafter des Unternehmens bleiben und hätte nach eigenen Angaben auch weiter die Kontrolle über den Spielkalender und alle Fragen des Regelwerks. Alle 211 Fifa-Mitgliedsverbände sollen ebenfalls kleinere Anteile an dem Unternehmen erhalten, die entweder behalten oder verkauft werden könnten.

Eine Frist mit mehr Geld oder doch eher Erpressung?

Laut übereinstimmenden Berichten setzte der Weltverband eine Frist für die Zustimmung zum geplanten Investorendeal und versprach im Gegenzug eine Sonderzahlung. Der Stichtag für die Zustimmung der 211 Verbände soll demnach der 19. September sein. Gegen maximal 55 Stimmen aus Europa, die 35 aus Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik und die 47 aus Asien dürfte es für Gianni Infantino allerdings schwierig werden, eine Mehrheit für seine Pläne zu finden. Die Verbände werden derweil mit hohen Summen und der Aussicht auf eine nochmals erweiterte WM geködert. Eine einfache Mehrheit soll ausreichen, um die Vorhaben umzusetzen.

Der Kampf gegen den Rest der Welt begann für den schwer beschädigten Gianni Infantino in Marokko. Als sein milliardenschweres WM-Projekt in Trümmern lag und die Zahl der Rebellen fast stündlich wuchs, umgarnte der Fifa-Boss ganz ehrfürchtig den marokkanischen König Mohammed VI. Bei der Feier zum Kronjubiläum lächelte Infantino höflich, er liess sich nicht anmerken, dass zeitgleich seine gewagte Überfalltaktik kolossal scheiterte – und plötzlich sogar sein Fifa-Thron ins Wanken gerät.

Sein PR-Team arbeitete am Freitag auf Hochtouren. Der «offene und demokratische Konsultationsprozess», den ein Grossteil der Verbände vermisst hatte, sei von «fehlerhafter Berichterstattung in den Medien» gestört worden, hiess es: «Niemand verkauft den Fussball.» Dies sei etwas, das die Fifa «niemals in Betracht ziehen würde».

Das im Geheimen geplante Vorhaben, Anteile an Fifa-Turnieren an private Investoren aus dem Dunstkreis von US-Präsident Donald Trump zu verkaufen, werten Beobachter inzwischen als möglichen Anfang vom Ende für Infantino. Der lange unantastbare Fifa-Chef stand am Ende der Woche ziemlich alleine da. Dass Uefa, CONCACAF und AFC es ablehnen, Anteile an Fifa-Turnieren an private Investoren zu verkaufen, bedeutet allerdings noch nicht, dass die Verbände Infantino auch die Unterstützung bei der Wahl im März 2027 verwehren.

Kolossale Fehleinschätzung von Infantino

Unabhängig davon war zu hören, dass sich Infantino nach den WM-Wochen in einer Trump-Blase mit seinem undurchsichtigen Plan übernommen und selbst überschätzt habe. The Athletic berichtete, dass auch die Zukunft des «Alleinherrschers» an der Fifa-Spitze bei den Treffen von Uefa und CONCACAF infrage gestellt worden sei. Die «Jagdsaison» sei eröffnet, schrieb der Independent. Uefa-Chef Aleksander Ceferin soll zu Beginn der Europäer-Sitzung am Donnerstag, bei der die Boykottdrohung beschlossen worden war, gesagt haben: «Jetzt reicht's!»

Anfang der Woche dürfte Infantino noch davon ausgegangen sein, bei der Wahl im nächsten Jahr ohne Konkurrenz bis 2031 im Amt bestätigt zu werden. Zumal 200 Verbände rund um die WM ein Unterstützerschreiben für ihn unterzeichnet haben sollen. Inzwischen gibt es offenbar bei der Uefa aber Überlegungen, einen Gegenkandidaten ins Rennen zu schicken. Nasser Al-Khelaifi, den mächtigen Boss von Paris Saint-Germain? Oder doch sogar Ceferin? Zunächst wagte sich niemand aus der Deckung.

Man müsse den Moment «nutzen, um die Prinzipien guter Unternehmensführung zu stärken und echte Veränderungen zu bewirken», sagte die norwegische Verbandschefin Lise Klaveness, die als Infantino-Kritikerin bekannt ist. Es sei «leider keine Überraschung, dass wir jetzt eine solche Verletzung von guter Unternehmensführung und Vertrauen erleben». Klaveness sieht Gianni Infantino aufgrund des Widerstandes gegen seine Investorenpläne massiv beschädigt.

Dass Infantino den Verbänden eine Zustimmungsfrist zu seinen Plänen bis zum 19. September gesetzt hat, sei «absolut eine Form der Erpressung, ob strafbar oder nicht. Im besten Fall ist es unangemessen», führte Klaveness aus. Das Wort «Erpressung» sei auch bei der Zusammenkunft der Uefa-Mitgliedsverbände gefallen, berichtete sie.

Strukturen ändern und nicht nur Präsidenten austauschen

Niemand, «kein einziger», habe von den Fifa-Plänen gewusst in Europa, betonte Klaveness. Ausserdem sei es ja so: «Die Fifa braucht das Geld nicht - und wenn sie es brauchen würde, wäre das nicht der Weg, es zu bekommen.» Der Fussball gehöre dem Volk und müsse künftig «demokratisch geführt» werden. «Wir müssen diesen Moment nutzen, um die Demokratieprozesse zu stärken», forderte Klaveness, denn: «Wenn das System der Checks und Balances in einer solchen Organisation nicht mehr funktioniert, bekommen wir alle dasselbe Problem.»

Vor verfrühter Euphorie in der Öffentlichkeit durch einen möglichen Sturz Infantinos warnte dagegen Nicholas McGeehan. Der Schweizer sei «das Symptom, nicht die Ursache der Probleme in der Führung des Fussballs», sagte der Direktor der Organisation FairSquare, die Beschwerde gegen Infantino bei der Fifa-Ethikkommission wegen möglicher Verstösse gegen die Neutralitätspflicht eingelegt hat. Auch der Katarer Al-Khelaifi sei «ein Symptom dieser Probleme. Die Lösung ist eine durch Regulierung erzwungene Strukturreform, keine neue Führungskraft aus den eigenen Reihen.» (sda/ap/sid)

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)