Um was geht es?
Die Fifa und ihr Chef Gianni Infantino haben die Fussballwelt mit ihrem Plan zum Verkauf von WM-Anteilen an private Investoren in Aufruhr versetzt. Der Weltverband plant die Gründung einer Tochtergesellschaft namens Fifa Forward Enterprise (FFE), die alle kommerziellen Aktivitäten und Turnierorganisationen bündeln soll. Die Uefa übte scharfe Kritik und warnte vor einem Verkauf der «Seele» des Fussballs. Laut Infantino geht es dagegen um «die Demokratisierung des Fussballs weltweit».
Die Fifa will nach eigenen Angaben «das volle wirtschaftliche Potenzial der Übertragungsrechte und Sponsoringverträge über das gesamte Turnierportfolio im Männer-, Frauen- und Jugendfussball» ausschöpfen. «Sorgfältig» ausgewählte Investoren sollten «Minderheitsbeteiligungen ohne Kontrollrechte an der FFE» erwerben. Basierend auf einer Unternehmensbewertung von 20 Milliarden US-Dollar werde die FFE dieses Jahr bis zur 4,2 Milliarden US-Dollar aufbringen. Laut Berichten sollen bis zu 20 Prozent der Anteile verkauft werden. «Es ist ein Vorschlag, ein Angebot, Teil eines demokratischen Beratungsprozesses», sagte Infantino in einem am Mittwochabend veröffentlichten Video: «Es ist eine Gelegenheit, aber keine Verpflichtung.» Er verspreche sich davon die «Erschliessung bisher nicht realisierter Werte». Die kommerzielle Seite des Fussballs zu stärken, sei «der logische nächste Schritt».

Wer steckt hinter dem Milliarden-Deal?
«Vorbehaltlich» der Zustimmung durch eine Mehrheit der Mitgliedsverbände und des Councils soll laut Fifa die Investorengruppe von Thrive Capital angeführt werden, einer Investmentgesellschaft von Joshua Kushner, Bruder von Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump. Infantinos Verbindungen zu Trump stehen schon seit der Vergabe des «Friedenspreises» im Fokus, Kritiker weisen in Bezug auf die neuen Pläne auf einen möglichen Interessenkonflikt hin. Es ist der jüngste Schritt unter Infantinos Führung, um die Fifa mit noch mehr Geld zu einem kommerziellen Giganten zu entwickeln. Laut Medien wurde den 211 Mitgliedsverbänden von der Fifa bereits eine Frist bis zum 19. September zur Abstimmung gesetzt. Wann das Council abstimmen soll, blieb zunächst offen. Der nächste Kongress findet im März 2027 in Marokko statt.

Wer profitiert von dem Deal?
Zum einen ein Grossteil der 211 Mitgliedsverbände. Weil sich die Ausschüttung an sie über das Fifa Fast Forward Programme (FFFP) mehr als verdoppeln könnte. Von derzeit acht Millionen US-Dollar pro Vierjahres-Zyklus stiege der Betrag laut des Weltverbands auf 20 Millionen und bis 2035 auf bis zu 24 Millionen US-Dollar. Dazu käme optional eine Einmalzahlung in Höhe von 20 Millionen US-Dollar. Für die kleinen Verbände ist das viel Geld. Zum anderen profitiert Infantino. Das Geld dient dem Fifa-Chef als Machtinstrument. Er dürfte nächstes Jahr ohne Gegenkandidaten bis 2031 im Amt bestätigt werden. Laut Times hegt er dazu Ambitionen, den Vorsitz des neuen Unternehmens zu übernehmen, allerdings erst nach Ablauf seiner Präsidenschaft.
Neu ist der Versuch, die Fifa weiter zu kommerzialisieren nicht. 2018 erzielte Infantino eine Einigung über 25 Milliarden US-Dollar für eine erweiterte Klub-WM, als mögliche Geldgeber galten damals die japanische SoftBank sowie der Staatsfonds Saudi-Arabiens. Auch aufgrund des Widerstands aus Europa fand Infantino nicht genügend Unterstützung.
Wie sind die Reaktionen?
DFB-Präsident Bernd Neuendorf ist empört. «Ich habe mit Kollegen aus dem Fifa-Council gesprochen, wir sind sehr überrascht und verärgert, dass wir so etwas aus der Zeitung erfahren müssen. Das ist kein Umgang», sagte er. Es sei «ein fatales Zeichen», die Fußball-WM für Investoren zu öffnen. «Der Fußball lebt von der Akzeptanz der Gesellschaft, wir dürfen ihn nicht zum Spielball von Investoren machen. Die Akzeptanz der Fans dürfen wir nicht verlieren, aber wir sind auf dem besten Wege, diese Akzeptanz zunichte zu machen. Das halte ich für überaus problematisch und nicht zustimmungsfähig.»
Die Times zitierte einen nicht namentlich genannten hochrangigen Funktionär, der den Plan als «potenziell deutlich schlimmer als die europäische Super League» bezeichnete. Er sprach von einer «Atombombe». Die Europäer sehen eine Grenze überschritten. «Die Seele und die Führung des Fussballs sind keine Vermögenswerte, mit denen gehandelt werden darf - insbesondere dann nicht, wenn völlig intransparent ist, wer finanziell davon profitiert», hiess es in einem Uefa-Statement: «Es ist nicht an der Fifa, ihn zu verkaufen.» Die Times titelte: «WM zu verkaufen». Die Verbände Concacaf und AFC bemängelten «das Fehlen eines ordnungsgemässen Verfahrens».

Afrikas Fussballverband steht den Investorenplänen der Fifa offen gegenüber. Die Confédération Africaine de Football (CAF) forderte ihre Mitgliedsverbände am Mittwoch auf, den Vorschlag zu prüfen und sich am Konsultationsprozess zu beteiligen. CAF-Präsident Patrice Motsepe berief für die kommende Woche eine Sitzung des Exekutivkomitees ein.
Die CAF sei «entschlossen, den Dialog und die Zusammenarbeit mit ihren Mitgliedsverbänden, der Fifa, anderen Fussballkonföderationen und Interessengruppen fortzusetzen, um die finanziellen und sonstigen Ressourcen für die Entwicklung und das Wachstum des Fussballs in Afrika und weltweit zu stärken», hiess es in einer Mitteilung.
Was sagt der Schweizerische Fussballverband?
Dem SFV lägen derzeit keine zusätzlichen Informationen zum Verkauf der Marketingrechte und dem Einstieg von Investoren vor, lässt der Verband mitteilen. Deshalb nehme man zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellung. Allerdings liess der SFV zuletzt durchblicken, noch einmal zu überdenken und mit anderen Landesverbänden zu diskutieren, ob man Infantino bei seiner Wiederwahl unterstützen soll.
Droht nun ein WM-Boykott?
Vorerst wohl kaum, zumal die nächste WM erst in vier Jahren stattfindet. Einen Gegenkandidaten zu Infantino, der sich dank der WM in den USA, Mexiko und Kanada über Rekordeinnahmen in Höhe von 15 Milliarden US-Dollar freuen darf, haben die Europäer nicht aufgebaut. Da in den Nationalteams aus Spanien, Frankreich oder England wichtige Zugpferde einer WM aus Europa kommen, besitzt die Uefa aber durchaus einen Hebel. Das Portal Bloomberg schrieb am Dienstagabend: «Laut einer mit der Angelegenheit vertrauten Person erwägt die Uefa einen Boykott von Fifa -Veranstaltungen.» Dazu gehören aber auch Klub-WM, Junioren-WM oder die Weltmeisterschaften der Frauen. Bereits am Mittwoch soll es diesbezüglich eine Dringlichkeitssitzung der Uefa gegeben haben.
Wird es jetzt eng für Gianni Infantino?
Fifa-Präsident Gianni Infantino verteidigt sein Vorhaben, Anteile an der Fussball-WM an private Investoren zu veräussern. «Es ist ein Vorschlag, ein Angebot, Teil eines demokratischen Beratungsprozesses», sagte Infantino in einem Video, das der Weltverband am Mittwochabend veröffentlichte. «Es ist eine Gelegenheit, aber keine Verpflichtung.»
Kurzfristig dürfte es für Infantino wohl kaum eng werden. Innerhalb der Fifa verfügt er weiterhin über breite Unterstützung, insbesondere von vielen kleineren Verbänden, die von den zusätzlichen Ausschüttungen profitieren würden. Dennoch wächst der Widerstand aus Europa. Kritiker werfen ihm vor, den Weltverband immer stärker zu kommerzialisieren und wichtige Entscheidungen ohne ausreichende Einbindung der Mitgliedsverbände voranzutreiben. Sollte der Deal scheitern oder der Widerstand weiter zunehmen, könnte das seinen politischen Rückhalt schwächen.

Welche Rolle spielt Donald Trump?
Donald Trump ist nicht direkt an dem Vorhaben beteiligt. Allerdings soll die Investorengruppe vom US-Investor Joshua Kushner angeführt werden. Dessen Bruder Jared Kushner ist mit Trumps Tochter Ivanka verheiratet. Zudem pflegt Fifa-Präsident Gianni Infantino enge Kontakte zu Trump, was bereits in der Vergangenheit für Kritik sorgte. Gegner des Deals sehen deshalb mögliche Interessenkonflikte und eine zunehmende politische Einflussnahme aus dem Umfeld der US-Regierung.
Kommentare
Bitte beachten Sie unsere Richtlinien, die Kommentare werden von uns moderiert.
Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare geschrieben.