Eishockey

«Du bist nur wegen deinem Vater hier!» – Nati-Trainer Jan Cadieux privat wie nie

Eishockey-Nationaltrainer Jan Cadieux, 46, blickt zurück. Auf die WM, aber auch auf den langen Weg, den er bis zur Nachfolge von Patrick Fischer gegangen ist.

«Du musst das jetzt machen!» Der Telefonanruf lässt keinen Zweifel zu. Patrick Fischer ist als Nationaltrainer entlassen. Jetzt muss Jan Cadieux ran. Er übernimmt die Eishockey-Nati nicht erst wie geplant in diesem Sommer. Sondern unmittelbar vor der WM.

«Kann er das?» Mit solchen Stimmen war Cadieux zuhauf konfrontiert. Er kann. Führt die Nati in den Final (0:1 gegen Finnland). Die Enttäuschung über das Ende ist 20 Wochen später überwunden. Mit den Länderspielen an diesem Wochenende beginnt seine erste komplette Saison als Nationaltrainer. Ein Gespräch über seine erste WM als Nachfolger von Patrick Fischer, aber auch über seinen langen Weg vom Spieler bis zum Klub- und Nationaltrainer im Schatten eines Vaters, der gut dreissig Jahre lang zu den prägenden Persönlichkeiten unseres Hockey gehörte.

Wie kamen Sie zum Eishockey?

Ich war drei Jahre alt, als ich mit meinen Eltern zum ersten Mal auf einer Eisbahn war. Nach zehn Minuten hatte ich genug, ich war frustriert und wollte nach Hause und nie mehr auf eine Eisbahn. Sechs Monate später war die Leidenschaft da und hat seither nie mehr aufgehört.

Was ist passiert?

Die Leidenschaft fürs Eishockey liegt mir wahrscheinlich im Blut. Nur am Anfang eben noch nicht.

War der berühmte Name ihres Vaters – Paul-André Cadieux – zu Beginn Ihrer Karriere eine Hilfe oder eher eine Bürde?

Am Anfang musste ich als Junior in Fribourg hören, ich sei nur dank meinem Vater im Team. Es war die Zeit, als Gottéron die Qualifikation dominiert, aber dreimal hintereinander den Final verloren hat. Elf Monate lang waren in der Schule alle nett mit mir, aber nach dem verlorenen Final änderte sich das deutlich. Mein Vater stand als Trainer in der Kritik, und auch ich bekam das verbal zu spüren. Mein Vater war als Trainer der Sündenbock. Nach ein paar Wochen war dann jeweils wieder alles gut.

Was hat Ihr Vater dazu gesagt?

Ich habe mit ihm nie darüber gesprochen. Kinder sind halt ehrlich und meine Schulkameraden haben mir bloss zugetragen, was sie zuhause am Mittagstisch gehört haben.

Eigentlich eine ganz gute Vorbereitung auf eine Karriere im Sport-Business.

Die perfekte Vorbereitung. Ich habe früh erlebt, wie die Sportwelt tickt.

Wollten Sie ein Spieler werden wie Ihr Vater?

Mir war schon sehr früh klar, dass ich nicht besser werden kann als mein Vater. Er war technisch und läuferisch einfach zu gut. Also habe ich mir vorgenommen, einmal ein besserer Coach als er zu werden.

War seine Heimat eigentlich Bern, wo er seine grössten Erfolge gefeiert hat oder Fribourg?

Beide Orte, anfänglich Bern, dann aber Fribourg. Ich hoffe, dass er vom Himmel aus gesehen hat, wie Gottéron Meister geworden ist.

Sie sind also zweisprachig aufgewachsen.

Ja, zu Hause hat meine Mutter mit mir immer Deutsch gesprochen.

Haben Sie Ihren Vater im Stadion als Spieler erlebt?

Nein, nie so richtig. Aber ich kenne natürlich ein paar seiner Tore aus TV-Bildern. Aber ich habe ihn als Trainer erlebt. Wenn ich aufgewacht bin, sass er bereits vor dem Fernseher und hat die Videoaufnahmen vom vorangegangenen Spiel analysiert. Ich habe mich schon mit sechs, sieben Jahren neben ihn gesetzt und war begeistert und beeindruckt, dass er schon so früh und so akribisch gearbeitet hat.

Also gab es für Sie schon sehr früh nur Eishockey..

…wenn ich mit 15 mit Eishockey aufgehört und einen anderen Sport gewählt hätte, dann hätte mich mein Vater unterstützt. Er hat mich nie zum Eishockey gedrängt. Er wollte einfach, dass ich für meine Leidenschaft alles gebe und dafür lebe. Aber ich hatte die freie Wahl...

... und gingen als Junior nach Kanada. Träumten Sie von einer NHL-Karriere?

Ja, aber für die NHL war ich nicht gut genug. Mein Vater sorgte dafür, dass ich mit 15 einen Platz in einem College in Wilcox, einer kleinen Gemeinde in der kanadischen Provinz Saskatchewan bekam. Ich wollte die Eishockey-Leidenschaft der Kanadier unbedingt selbst erleben. Meine Vorbereitung war ein zweiwöchiger Englisch-Intensivkurs. Ich kam in eine andere Welt, der Anfang war ein Schock. Ich bin zwar nicht verwöhnt worden. Aber zu Hause hatte ich ein eigenes Zimmer. Nun teilte ich mit drei Schulkameraden einen Raum, der kleiner war als zuvor mein Kinderzimmer. Ich als Neuling musste ich mit einem oberen Etagenbett vorliebnehmen. Aus 80 Bewerbern kamen bloss 17 ins Hockeyteam. Da hat mir mein Name nicht mehr geholfen. Doch ich habe es geschafft und war auch in der Schule gut genug: Du durftest nicht mehr spielen, wenn die Leistungen in der Schule ungenügend waren.

Sie sind also aus der heimischen Komfortzone vertrieben worden.

Oh ja. Daheim in Fribourg habe ich vom Fenster aus die Alpen gesehen und jetzt war da nur noch eine windgepeitschte Ebene, im Winter wurde es Minus 30 Grad, wobei sich die Kälte im Wind noch schlimmer anfühlte. Und das Essen war natürlich auch nicht mehr so gut wie daheim bei Mamma. Jeden Morgen haben wir vor Unterrichtsbeginn die kanadische Hymne gesungen und der Messebesuch am Sonntag war obligatorisch. Doch nach einem Jahr hat es mir sehr gut gefallen, schliesslich blieb ich sogar drei. Zu meinen Mitspielern gehörten die späteren NHL-Stars Vincent Lecavalier und Brad Richards.

Wenn man so will, sind Sie eigentlich schon mit 15 in die Rekrutenschule eingerückt.

So ungefähr. Meine echte RS war vergleichsweise bequem. Zwar gab es die Sportler-RS noch nicht. Aber ich war damals in Lugano und rund um meinen Militärdienst als Büroordonnanz war auch regelmässiges Training möglich.

Sie haben für Lugano, Servette und Gottéron über 600 Spiele bestritten. Wo hatten Sie ihre beste Zeit?

Eine gute Frage. Mit Lugano bin ich zwar 2003 Meister geworden, war aber häufig verletzt oder überzählig und spielte eigentlich eine untergeordnete Rolle. Es sollte mein einziger Titelgewinn bleiben, ich habe mit Lugano, Servette und Gottéron vier Finals verloren. Die intensivste Erfahrung als Spieler war die Finalniederlage 2001 mit Lugano gegen den ZSC in meinem ersten Jahr als Profi in der Schweiz. Der Teamgeist unter Trainer Jim Koleff war einfach unglaublich. Einen solchen Zusammenhalt habe ich erst jetzt wieder als Trainer der Nationalmannschaft erlebt. Und dann haben wir den Titel in der Verlängerung des entscheidenden Spiels durch das Tor von Morgan Samuelsson verloren. Ich werde diesen Moment nie mehr vergessen. Ich hatte noch während der regulären Spielzeit bei einem Konter den Siegestreffer verpasst. Es wäre das Meistertor gewesen. Es tut immer noch weh, wenn ich daran denke. Dabei hatten wir gegen die ZSC Lions im Final 3:1 geführt.

War es für Sie gegen Ende Ihrer Spielerkarriere klar, wie es weitergehen würde?

Nein. Ich hatte nie einen Karriere-Plan. Während meiner Zeit als Spieler in Genf arbeitete ich mit einem 30-Prozent-Pensum bei einer Bank. Für diese Erfahrung bin ich sehr dankbar. Nun wusste ich, dass ein Bürojob nichts für mich ist und dass ich unbedingt einen Weg finden musste, um als Trainer im Eishockey bleiben zu können.

Was macht diese Faszination aus?

Die Emotionen, das Leben in der Kabine. Das ist etwas ganz anderes als ein Grossraumbüro.

Sie wussten nach Ihrem Praktikum bei einer Bank in Genf, dass ein Bürojob nichts für Sie ist. Wie sind Sie dann Trainer geworden?

Ich war 33, mein Vertrag bei Gottéron lief aus, ich war nach allerlei Verletzungen nicht mehr dazu in der Lage, auf höchstem Niveau zu spielen, trainierte aber noch mit der Mannschaft. Im November fiel der Coach des U13-Teams aus, ich habe ausgeholfen. Bei der Arbeit mit den Kindern habe ich viel gelernt. Kinder können schwieriger sein als Profis und du lernst, geduldig zu sein. Ich war praktisch von 08.00 bis um 21.00 Uhr auf dem Eis und es hat mir Spass gemacht, den Kindern auch beim Binden der Schlittschuhe zu helfen. Wir haben die U13-Meisterschaft der Westschweiz gewonnen. Als es beim U20-Team zu einem Trainerwechsel kam, fragte mich der Nachwuchschef, ob ich die Aufgabe übernehmen wolle. Ich stand vor dem wegweisenden Entscheid Profitrainer zu werden und bat um Bedenkzeit, um alles zu überschlafen und mit meiner Frau zu besprechen. Dann sagte ich zu und wir retteten die Saison. So bin ich definitiv Trainer geworden.

Sie wirken auf den ersten Blick eher zurückhaltend, eigentlich nicht wie ein Bandengeneral.

Ausserhalb der Kabine würde ich mich als eher scheu und vielleicht auch ein bisschen reserviert bezeichnen und habe ein wenig Mühe, auf Menschen zuzugehen. Mein Paradies ist die Kabine. Dort bin ich ein anderer Mensch.

Ihr Weg führte Sie weiter zu den Ticino Rockets in die Swiss League. Und dann zu Servette, erst als Assistent. Dann als Chef. Sie führten das Team sowohl zum Meistertitel, als auch zum Triumph in der Champions League. In der Saison darauf folgte trotzdem die Entlassung. Wie haben Sie diese erlebt?

Komischerweise sehr gut. Ich hatte getan, was ich konnte, die Meisterschaft und die Champions League gewonnen und auch mein letztes Spiel konnte ich siegreich gestalten. Ich war nach der Entlassung enttäuscht, aber nicht mutlos und sicher, dass sich eine Türe öffnen würde.

Ohne diese Entlassung wären Sie jetzt wahrscheinlich nicht Nationaltrainer. Etwas mehr als einen Monat später standen Sie beim Länderspiel gegen Finnland in Langnau bereits als Assistent neben Patrick Fischer.

So ist es. Das Schwierigste war, meinen Kindern die Entlassung zu erklären. Für meine beiden zwei Buben war jeder Besuch in der Kabine ein Fest. Und nun musste ich ihnen sagen, dass sie nie mehr mit Papa in die Kabine dürfen. Beide haben geweint. Ich wohnte nur sieben Minuten weg vom Stadion, wir hatten die Nähe gewählt, damit ich meine Kinder oft sehen kann.

Dann sind Sie von einem Augenblick auf den anderen während einer Länderspielreise in der Slowakei Nationaltrainer geworden.

Sportdirektor Lars Weibel hat mich nicht gefragt, ob ich den Job übernehmen möchte. Er hat mir vielmehr gesagt: Wir wollen, dass du bereits jetzt übernimmst!

Die Amtsüberahme war logisch. Sie wussten ja bereits, dass Sie nach der WM Patrick Fischers Nachfolger werden würden. Und doch ungewöhnlich, wenn es von einer Sekunde auf du andere heisst: «Nun musst du!»

Der Wechsel kam so überraschend, dass zwei Wochen lang gar niemand so richtig realisiert hat, was da passiert ist. Niemand war darauf vorbereitet. Wir wollten einfach das Beste für alle, die sich auf diese WM gefreut haben. Die Entlassung von Patrick Fischer hat mir sehr, sehr weh getan. Ich wusste ja, was diese WM für ihn bedeutet hat, und es tut mir heute noch leid für ihn.

Wann haben Sie gemerkt, dass es funktioniert?

Ziemlich früh. Ich spürte in den Gesprächen, wie sehr alle motiviert sind, den Weg weiterzugehen und ich wollte, dass wir im Staff nun alle fünf Prozent mehr tun und Fischi so ersetzen.

Gab es einen Schlüsselmoment im Turnier?

Ja, das erste Spiel. Es war noch wichtiger als sonst bei einem Turnier. Fischi hatte so viel Erfolg gehabt. Es gab vor der WM auch gewisse kritische Stimmen. Bin ich der richtige Mann? Ich will immer das Beste, ich fühlte mich nicht unter Druck. Aber die Erwartungen waren sehr hoch. Wir mussten das Publikum für uns gewinnen und deshalb war es so wichtig, dass wir mit einem Sieg gestartet sind. Wir haben sofort gespürt, dass sich die Energie vom Publikum auf die Mannschaft übertrug und umgekehrt. Der Viertelfinal gegen Schweden war dann der zweite spezielle Moment im Turnier. Weil viele dachten, es sei nicht möglich, gegen die Schweden zu gewinnen.

Würden Sie jetzt im Rückblick im Final etwas anders machen?

In der ersten Drittelspause, als wir über die Fünf-gegen-Drei-Situation gesprochen haben, haben wir vielleicht etwas «übercoacht». Das würde ich retrospektiv anders machen (Die Schweiz konnte von 19:54 bis 21:54 mit 5 gegen 3 Powerplay spielen, d.Red.).

Zu verkrampft?

Nein, das nicht. Es gab keine Zweifel. Wir dachten, es sei unser Moment. Wir haben alles getan, was möglich war. Nach der WM habe ich mit allen Spielern gesprochen und sie haben das auch so erlebt.

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