Raiffeisen-Prozess, Tag 3

Mit diesen Leuten machten Vincenz und Stocker ihre Firmendeals

Die Geschäftspartner der beiden Hauptbeschuldigten eint ihre Überzeugung von der eigenen Unschuld. Beim Geldverdienen sind sie um einiges erfolgreicher als der ehemalige Raiffeisen-Chef.
Alleingelassen: Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz kann von seinen früheren Geschäftspartnern nicht mehr auf viel Unterstützung hoffen.
Bild: Urs Flüeler/Keystone

«Niemals werd' ich bereuen, was ich tat und was aus Liebe geschah», singt Zarah Leander 1938 in ihrem unvergessenen Chanson «Kann denn Liebe Sünde sein». Von Liebe war am dritten Tag des Raiffeisen-Prozesses zwar nie die Rede, dafür umso mehr von Schuld und somit unterschwellig auch von Sünde. Um es vorwegzunehmen: So wenig wie für Pierin Vincenz und Beat Stocker scheinen gute Geschäfte auch für deren ehemalige Geschäftspartner kaum Sünde sein zu können.

Andreas Etter, 56 Jahre alt, Firmenberater und ehemaliger Partner bei der Beteiligungsfirma Investnet aus St. Gallen; Ferdinand Locher, 62 Jahre alt,  selbstständig erwerbender Immobilienentwickler, ehemaliger Aktionär der Firma Eurokaution und Investmentpromotor der Arena Thun; Stéphane Barbier-Mueller, 68 Jahre alt, Unternehmer, ehemaliger Aktionär von Eurokaution sowie einstiger Präsident und Miteigentümer der Firma Genève Crédit & Leasing. Sie waren am Mittwoch an der Reihe, dem Gericht Auskunft über ihre Deals mit Vincenz und Stocker zu geben.

Auskunftsfreudige Beschuldigte

Wie diese am Tag zuvor, legten auch die drei am Mittwoch befragten Beschuldigten durch ihre bereitwillige Auskunftserteilung gegenüber dem Gericht ein deutliches Zeugnis ihrer Überzeugung ab, dass sie sich durch die Geschäfte mit Vincenz und Stocker nichts zuschulden kommen liessen. Obschon: Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft und teilweise auch im erstinstanzlichen Urteil des Bezirksgerichts gelten die drei als eine Art Gehilfen im Deal-Konstrukt von Vincenz und Stocker.

Etter zeichnete sich, wie schon im ersten Prozess, durch sein gutes Gedächtnis aus. Der ehemalige McKinsey-Berater erklärte dem Gericht in vielen Einzelheiten, wie es zu der von Stocker an Investnet kam, die schliesslich mit erheblichem Gewinn an Raiffeisen verkauft wurde. Etter und sein damaliger, vor wenigen Jahren verstorbener, Partner Peter Wüst erhielten je 10 Millionen Franken aus dem Investnet-Verkauf. Für Stocker sprangen rund 6 Millionen heraus. Die Hälfte dieses Betrages floss nach dem Deal über ein Konto bei Julius Bär an Pierin Vincenz. Die Transaktion wurde 2016 durch Inside Paradeplatz publik und gab mithin den Anstoss zu der Strafuntersuchung.

Den an sich naheliegenden Gedanken, dass sich das gute Verkaufsergebnis von Investnet durch finanzielle Anreize für Stocker und Vincenz quasi subtil herbeiführen liesse, wies Etter natürlich weit von sich. Er sagte, er habe «praktisch keinen Kontakt» zu Pierin Vincenz gehabt und diesen eigentlich erst 2015, vier Jahre nach der ersten Annäherung zwischen Investnet und Raiffeisen, «kennengelernt». Vincenz sei die Domäne von Peter Wüst gewesen. Dieser war früher CEO der börsenkotierten Firma Valora und ein «Alphatier», das es gewohnt gewesen sei, «auf Augenhöhe mit anderen Alphatieren wie Vincenz» zu reden.

Klein, aber reich

Etter gab sich klein, aber verdient hat er offenbar gut. So gut, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt sogar die Rede davon war, dass er Pierin Vincenz ein Darlehen geben könnte. Das Muster zieht sich wie ein roter Faden durch den Prozess. Pierin Vincenz scheint umgeben von erfolgreichen Geschäftsleuten zu sein. Selbst hatte er offenbar Angst vor einem finanziellen Engpass nach der Pensionierung als Raiffeisen-Chef.

Ferdinand Locher, ein gelernter Handwerker und Selfmade-Businessman, bezifferte sein Vermögen zu Liquidationswerten gegenüber dem Gericht mit rund 30 Millionen Franken. Locher hielt Anteile an der Firma Eurokaution, die Mieterkautionen verwaltet. Er suchte nach Möglichkeiten, das Geschäft auszubauen, und fand Beat Stocker, der ihm ein kreditkartengestütztes Geschäftsmodell vorschlug. «Die Idee gefiel uns.» Stocker kaufte ein Viertel der Firma auf – via eine Firma, deren wirtschaftlich Berechtigte Locher bis heute nicht sicher kennen will. Später ahnt er, dass Vincenz mit von der Partie sein könnte, aber wirklich interessiert haben soll ihn das offenbar nie – obschon Locher profitierte, dass Eurokaution am Ende vom Zahlungsdienstleister Aduno aufgekauft wurde, wo Vincenz und Stocker im Verwaltungsrat sassen.

Das grösste Vermögen aller Beschuldigten hat Stéphane Babier-Mueller. Dem Gericht nannte er eine Grössenordnung von «mehr als 100 Millionen Franken». Auch er war an Eurokaution beteiligt, einer schlechten Firma, wie er später erkennen sollte. «Ich wollte nichts mehr hören davon», sagte er dem Gericht. Dieses möchte wissen, ob Barbier-Mueller mit Anreizen für Stocker und Vincenz den Verkauf der Eurokaution an Aduno beeinflussen wollte. Tatsache ist: Der Verkauf fand statt. Ähnlich präsentierte sich die Situation bei Genève Crédit & Leasing, die Barbier-Mueller präsidierte und an der er Anteile besass. Wiederum waren es Firmen aus dem Einflussbereich von Vincenz und Stocker, die ihm halfen, die Probleme mit GCL zu lösen. Erneut kam es zu Geldflüssen in Richtung Stocker und Vincenz.

«Auch wenn sie es wär', wär's mir egal»

Vielleicht haben sich die Beschuldigten bisweilen tatsächlich gefragt, ob es denn Sünde sei, dem Abschluss guter Geschäfte nötigenfalls etwas nachzuhelfen? Zarah Leander sang: «Liebe kann nicht Sünde sein, auch wenn sie es wär', so wär's mir egal.» Als Handlungsanleitung für Geschäftsleute war die Strophe freilich nicht gemeint. Für alle genannten Beschuldigten gilt wie immer die Unschuldsvermutung.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema: