Fussball ist die schönste Nebensache der Welt, besagt ein Bonmot. Aber das war einmal. England erlebt derzeit in beispielloser Schärfe, wohin die Vermischung von Sport, Business und Politik führen kann.
Manchester City hat die englische Premier League in den vergangenen zehn Jahren fast nach Belieben dominiert: Sechs Meistertitel, drei Cupsiege, neun Liga-Cupsiege und ein Champions-League-Titel bilden das Palmarès dieses Clubs, den Scheich Mansour bin Zayed bin Sultan Al Nahyan und dessen Abu Dhabi United Group 2008 aus einem jahrzehntelangen Dornröschenschlaf erweckten.
Doch Manchester City hat falsch gespielt: Eine von der Premier League in Auftrag gegebene unabhängige Untersuchung konstatierte in einem Zeitraum von neun Jahren eine grosse Zahl von Scheingeschäften. Deren Ziel bestand einzig darin, die Ertragskraft und Wirtschaftlichkeit des Clubs besser aussehen zu lassen und den Club mit seinen vielen teuren Spiern in Einklag mit den Regeln des Financial Fairplays der Liga zu bringen.
Aufgeblähte Rechnung
Tatsächlich sorgten nicht primär die kommerziellen Erfolge des Clubs für den Geldstrom, sondern vor allem die klandestinen Zuwendungen von Scheich Mansour und den Eigentümern im arabischen Emirat. Diese Art von Subvention widerspricht dem finanziellen Fairplay, wie es die Regeln in der Premier League stipulieren – und zwar massiv. Gemäss der Liga-Kommission wurde die Einnahmen von Manchester City in der besagten Periode um mehr als 900 Millionen Pfund aufgebläht.
In einer Pressemitteilung bestreitet der Club die Vorwürfe vehement und kündigte Berufung an. Doch ein Freispruch ist schwer vorstellbar. Die Liga-Kommission will bei Man City in 114 von 115 untersuchten Vorfällen verbotene Geschäftspraktiken gefunden haben.
Derweil zieht die Affäre auch politisch immer grössere Kreise. Laut der konservativen Zeitung «The Telegraph», die den Skandal eng begleitet und offenbar für eine harte Sanktionierung des fehlbaren Clubs einsteht, hat die britische Regierung Berichte nicht zurückgewiesen, wonach ein Schuldspruch gegen den Fussballverein den Appetit des Golfstaates auf grosse künftige Investitionszusagen im Vereinigten Königreich «untergraben» würde.
Bilaterale Beziehung in Gefahr
Die Zeitung zitierte einen Bericht der Nachrichtenagentur «Bloomberg», wonach die Entscheidung der Premier League einen «Einfluss auf die bilateralen Beziehungen der beiden Länder» habe. Nach Einschätzung des «Telegraph» erhält die Affäre um Manchester City ihre politische Brisanz vor allem durch den Clubbesitzer, Scheich Mansour.
Er ist der Bruder des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate. Das Land hat seit 2021 im Rahmen einer gemeinsamen Initiative mit dem Vereinigten Königreich rund 30 Milliarden Pfund in verschiedene zukunftsweisende Wirtschaftszweige investiert. Das ist das Dreifache des ursprünglich geplanten Betrags, sagte der Botschafter des Emirats in London im Juli unmittelbar vor der Ankunft von Andy Burnham als neuem britischen Premierminister. Die Investitionen seien mehr als 200'000 Jobs zugutegekommen, betonte der Diplomat in der Erwartung, dass sich Burnham für ein Freihandelsabkommen mit seinem Land einsetzen werde.
Die britische Regierung will in den kommenden Jahren zwischen Oxford und Cambridge weitere umfangreiche Investitionen in neue Technologien und moderne Industrien anstossen und setzt dabei stark auf das Emirat, das nun offenbar durchblicken lässt, dass man einem solchen Vorhaben je nach Verdikt der Liga-Kommission den Stecker ziehen könnte.
Nicht nur deshalb setzt die Affäre Burnham weit mehr zu, als er zugeben kann. Die Investitionen der Scheichs haben auch seine früheren Erfolge als Stadtpräsident in Manchester mindestens stark begünstigt. Vergangene Woche sagte der Labour-Politiker, er wäre «wirklich besorgt», wenn Manchester City die Eigentümer aus dem Golf verlieren sollte. Sie seien «so wichtige Partner im Aufbau des modernen Manchesters». Burnhams Aussage löste im Publikum eine Welle der Empörung aus, was diesen im Parlament postwendend zur Beteuerung veranlasste: «Kein Team steht über den Regeln.»
Drückende Verschuldung
Doch viele scheinen dies im Fall von Manchester City nicht mehr zu glauben. Scheich Mansour hatte das Fussball-Investment 2008 als reine Privatsache verkauft. Nun zeigt sich, was man nicht nur in Grossbritannien schon immer hätte wissen sollen: In autoritären Staaten gibt es keine Unterscheidung zwischen Privat und Staat, jedenfalls nicht im Kreis der Eliten.
In dem Streit mit dem reichen Golfstaat rächt sich für Grossbritannien nun die hohe Staatsverschuldung, deren Verzinsung einen immer grösseren Teil des Haushaltsbudgets aufzehrt. Das Land ist dringend auf Direktinvestitionen inländischer, aber vor allem auch ausländischer Investoren angewiesen. Diese werden bei ihren Forderungen nach Gegenleistungen offenbar immer dreister, wie der Man-City-Skandal nahelegt. Das ist beunruhigend, zumal Grossbritannien bei weitem nicht das einzige Land in Europa ist, das mit einem hohen Schuldenberg zu kämpfen hat.







