Zürcher «Tatort»-Kritik

Haben Menschen mit Down-Syndrom ein Recht darauf, böse zu sein?

Ein Rocker sieht gefährlich aus, ein Mann mit Down-Syndrom schutzbedürftig. Der neue Zürcher «Tatort» «Frei wie ein Adler» spielt mit diesen Gewissheiten – und beschert Grandjean und Ott einen ihrer bisher stimmigsten Fälle.

Wer ist gefährlich und wer schaut nur gefährlich aus? Der Zürcher «Tatort» «Frei wie ein Adler» fordert schon in den ersten Minuten dazu auf, sich mit den eigenen Vorurteilen zu beschäftigen: Wem trauen wir Gewalt zu? Wen halten wir für schutzbedürftig?

Im Zentrum stehen zwei Männer, die auf den ersten Blick gegensätzlicher nicht sein könnten: Sie heissen Simon Bärfuss (Ronald Zehrfeld) und Jacob Göldi (Benjamin Raue).

Bärfuss, ehemaliger Kopf der Rockergruppe «Devils White Blue» verlässt nach acht Jahren das Gefängnis. Zwei Kilogramm Kokain und eine nicht registrierte Schusswaffe haben ihn dorthin gebracht. Der breitschultrige Mann, der aussieht wie ein muskelbepackter Bär mit wilder Zottelmähne, will zu seiner Ex-Frau Sophia Cancellara (Jeanne Devos). Dort will er Tochter Nadja (Stella Alraun) nach Jahren des Wartens endlich in seine Arme schliessen.

Und dann ist da Jacob Göldi. Er arbeitet in der Wäscherei von Bärfuss’ Ex-Frau. Ein kleiner, bleicher Kerl mit Down-Syndrom, der in einer locker betreuten Wohngruppe lebt. Das Geschäft ist sein zweites Zuhause. Jacob hegt Gefühle für Bärfuss’ Tochter Nadja, sein grösstes Glück: mit ihr mal Glacé essen zu gehen. Und er will den Entscheid von Bärfuss’ Ex-Frau Sophia, Zürich aus Angst vor ihrem Ex-Mann verlassen, nicht akzeptieren. Am letzten Arbeitstag fliegen seine Fäuste. Sophia landet verletzt in einer Ecke des Waschsalons. Tags darauf liegt sie erschlagen in ihrer Wohnung. Auch ihre Tochter Nadja ist wenig später unauffindbar.

Wem trauen wir einen Mord zu und wem nicht? Diese Frage stellt der deutsche Drehbuchautor Jürgen Werner in seiner ersten Zürcher «Tatort»-Folge. Werner ist ein «Tatort»-Vollprofi, die abgefuckte Düsterkeit sein Metier. Den Dortmunder «Tatort» um Ermittler Faber hat er mit seinen Drehbüchern entscheidend geprägt. Was für ein Glück, dass man am Leutschenbach nach glücklosen Drehbuchschreibversuchen endlich mal diesen Vollprofi holt. Und man kann sagen: Es hat sich gelohnt.

Vor allem Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) tut sich schwer, sich in diesem moralischen Dilemma zurechtzufinden: Jacob ist verdächtig. Als die beiden Göldi zum Vorfall in der Wäscherei befragen, umarmt er die kühle Grandjean, weil er sie mag. Grandjean ist gerührt. «Er leidet unter dem Down-Syndrom», sagt sie zu ihrer Kollegin. Die schüttelt irritiert den Kopf. «Leidet?» Und dann setzt Ott nach, um ihre Aussage zu unterstreichen: «Menschen mit Down-Syndrom fallen unter das Strafgesetz wie alle anderen auch.»

Es brauchte einen Deutschen, damit Schweizer lustig sind

Regisseur Christian Theede (Co-Regisseur von Davos 1917) erzählt diesen Whodunit schnörkellos und langsamer, als man es in Zürich gewohnt ist. Er verzichtet auf hämmernde Bässe und zickige Dialoge. Grandjean, seit der Begegnung mit Jacob empfänglicher für Gefühle, wirkt gelöster, was Tessa Ott (Carol Schuler) bemerkt. «Wo ist die alte Isabelle Grandjean?», fragt sie ihre Kollegin.

Die cool gemeinten Sprüche der beiden kommen auf dem Kommissariat endlich auch so an. Und der Humor – Assistent Noah Löwenherz (Aaron Arens) stalkt zwei Fedpol-Beamte, die er des Diebstahls seines Bio-Müslis verdächtigt – wirkt zum ersten Mal nicht hoffnungslos von den Darstellern entkoppelt. Vielleicht hat es ironischerweise wirklich einen Deutschen gebraucht, damit Schweizer lustig sind.

Dass der Film so gut funktioniert, hat vor allem mit einem Besetzungsentscheid zu tun: Mehrere Bewohner von Jacobs Wohngruppe werden von Darstellern des Zürcher Profi-Ensembles Theater Hora gespielt, Jacob wird vom deutschen Schauspieler Benjamin Raue gespielt, ebenfalls mit dem Down-Syndrom geboren. Die Profis wurden auf Augenhöhe in die Story integriert. Und man hat ihre Charaktere nicht geschont: Sie dürfen nerven, übergriffig, ja gar gewalttätig sein. Der «Tatort» gesteht ihnen Widersprüchlichkeit zu.

Aus düsterem Krimi wird warmherzige Buddy-Komödie

Das Beamtendeutsch der Polizei und der harte Gangstersprech der Rocker werden vom assoziativen, gefühlsstarken Denken der Trisomie-21-Figuren herausgefordert. Dabei entstehen ungewöhnliche Dialoge. Am schönsten zeigt sich das an der eigentümlichen, sich langsam entwickelnden Freundschaft zwischen Simon und Jacob. Als Simon irgendwann sagt: «Ich bringe die Bösen ins Gefängnis und danach gehen wir Eis essen», ist aus dem düsteren Milieukrimi fast eine warmherzige Buddy-Komödie geworden.

Der Zürcher «Tatort» muss nicht laut und nervös sein, um Spannung zu erzeugen. «Frei wie ein Adler» ist dafür der bislang überzeugendste Beweis.

So, 8.11., SRF 1, 20.05 Uhr. Vier Sterne.

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