Ich war zehn Jahre alt, als ich am 11. September ins Wohnzimmer meiner Eltern stolperte. Der Fernseher lief, beide sassen wie gebannt davor. Niemand dachte daran, dem Kind die Augen zuzuhalten oder es aus dem Zimmer zu schicken. Auf dem Bildschirm: ein rauchender Turm. Dann ein Flugzeug, das in den zweiten Turm rast. Explosion. Feuerball. Schutt, Rauch, Lärm, fliegende Teile. Es sah aus wie in einem Superheldenfilm.
25 Jahre später sehe ich die Szene noch immer vor mir. Meinen Vater im Korbsessel, meine Mutter mit angewinkelten Beinen auf der Couch. Die offene Tür zum Wohnzimmer. Und auf dem Bildschirm alles grau: Trümmer, weinende, schreiende Menschen. Irgendwann begriff ich, was an diesen Bildern anders war als in den Filmen: Diesmal würde kein Superheld kommen.
Wo ist er, wenn man ihn braucht?
Spider-Man und New York
Nur wenige Monate später sollte ausgerechnet einer der berühmtesten Superhelden der Welt New York retten. «Spider-Man» stand vor dem Kinostart. Doch plötzlich war auch dieser Film von den Bildern des 11. Septembers eingeholt worden.
Nur 48 Stunden nach den Anschlägen zog Sony den Trailer für Sam Raimis «Spider-Man» aus den amerikanischen Kinos zurück. Darin fliehen Bankräuber in einem Helikopter über New York. Die Kamera zoomt raus, bis sichtbar wird, dass sie in einem riesigen Spinnennetz hängen, gespannt zwischen den Twin Towers.
Regisseur Sam Raimi wollte die Türme jedoch nicht vollständig aus dem Film tilgen. Sie einfach verschwinden zu lassen, sagte er damals sinngemäss, hätte sich angefühlt, als hätten die Terroristen gewonnen. Schon während der Produktion stellte sich damit plötzlich eine Frage, die vorher niemand hatte stellen müssen: Was kann ein Superheld nach 9/11 überhaupt noch sein?
Denn «Spider-Man» war zwar grösstenteils vor den Anschlägen gedreht worden, ganz unberührt davon blieb der Film aber nicht. In einer Szene kämpft Spider-Man gegen Green Goblin und versucht gleichzeitig, Mary Jane und eine Gondel voller Menschen zu retten. Als der Green Goblin ihn angreift, kommen ihm plötzlich ganz normale New Yorker zu Hilfe. Sie werfen Gegenstände nach Green Goblin. Einer ruft: «Wer sich mit einem von uns anlegt, legt sich mit uns allen an.»
Die Szene wurde bewusst in diese Richtung verändert und bekam nach den Anschlägen eine neue Bedeutung. Raimi wollte damit unter anderem den Rettungskräften Tribut zollen, die bei den Anschlägen ihr Leben riskiert hatten. Und genau darin steckt etwas Entscheidendes: Die Botschaft lautet nicht nur: New York braucht Spider-Man. Spider-Man braucht auch New York.
Als Raimi später auf den Film zurückblickte, sagte er, «Spider-Man» habe den New Yorkern damals zumindest für einen Moment eine Flucht aus dem Horror ermöglicht. Vielleicht liegt genau darin ein Teil der Antwort auf die Frage, warum Superhelden nach 9/11 einen Aufschwung erlebten. Sie konnten etwas, was die Realität in dem Moment nicht konnte: Hoffnung geben. «Spider-Man» war nicht wegen 9/11 entstanden. Aber nach 9/11 traf er auf eine Welt, die für einen Helden wie ihn besonders empfänglich war. Und er sollte nicht lange allein bleiben.
Iron Man zieht in den Krieg
Sechs Jahre später ist der Krieg selbst in der Superheldengeschichte angekommen. «Iron Man» beginnt in Afghanistan. Tony Stark wird von einer Terrorgruppe entführt. Aus dem Waffenproduzenten wird ein Superheld. In den Comics spielt seine Entstehungsgeschichte noch im Vietnamkrieg. Für den Film von 2008 wurde sie in die Gegenwart verlegt. Iron Man ist damit ein Held der Post-9/11-Welt: geboren aus Krieg, Terror und amerikanischer Militärmacht. Und mit ihm beginnt 2008 das Marvel Cinematic Universe. Aus einzelnen Superheldenfilmen wird endgültig ein Massenphänomen. Batman, Iron Man, Thor, Captain America, Wonder Woman und die Avengers erobern in den folgenden Jahren die Leinwände.
Regisseur Jon Favreau stellte selbst eine Verbindung zu 9/11 her. Die Anschläge seien ein «game changer» gewesen. In unsicheren Zeiten, so seine Erklärung, hätten die Menschen nach Eskapismus und einer gewissen emotionalen Einfachheit gesucht. Die Jahre danach boten diesen Figuren einen ungewöhnlich starken Resonanzraum. Helden, die handeln können, wenn andere machtlos sind. Anders gesagt: Jede Epoche erschafft die Helden, die zu ihren Ängsten passen.
Batman überschreitet die Grenze
Doch je stärker der Held wird, desto unbequemer wird eine andere Frage: Was darf er eigentlich tun, um uns zu beschützen? Darum kreist Christopher Nolans «The Dark Knight» von 2008. Batman jagt mit dem Joker einen Gegner, der Angst verbreitet und Chaos stiftet. Um ihn zu stoppen, überschreitet Batman Grenzen. Er überwacht eine ganze Stadt und handelt ausserhalb des Rechts. Nach 9/11 weitete auch die US-Regierung im Namen der Sicherheit ihre Überwachung massiv aus. Damit wird aus der Sehnsucht nach dem starken Beschützer plötzlich auch Misstrauen gegenüber seiner Macht. Der Held, der uns Sicherheit geben soll, kann selbst zum Problem werden.
Vielleicht passt dazu, dass 2026 zwei Helden aus völlig verschiedenen Zeiten gegeneinander antreten: der moderne Superheld Spider-Man und der antike Held Odysseus. Christopher Nolans hochgelobte «Odyssey» ist ein Welterfolg – doch «Spider-Man: Brand New Day» spielte weltweit noch deutlich mehr ein.
Offenbar ist die Sehnsucht nach Helden nicht verschwunden. Vielleicht brauchen wir diese Figuren auch nach 25 Jahren noch. Mir jedenfalls tun sie gut. Egal, ob ich zehn bin oder 35. Egal, ob ich bei meinen Eltern vor dem Fernseher sitze oder allein zuhause auf dem Sofa.





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