Es ist der Film, an dem man in diesem Sommer nicht vorbeikommt: Christopher Nolans Interpretation von Homers über zweitausend Jahre altem Heldenepos «The Odyssey». Der britische Regisseur, der mit «Oppenheimer» sieben Oscars gewann, scheint schon im Olymp angekommen. Doch wenn ihn etwas mit seinem neuen und zugleich ältesten aller Helden, Odysseus, verbindet, dann die Bereitschaft, nach einer gewonnenen Schlacht freimütig und waghalsig ins nächste Abenteuer zu stürzen.
Die Grundzüge von Odysseus’ Irrfahrt über die Meere sind im kollektiven Gedächtnis und in der Popkultur fest verankert. Nolan, der auch das Drehbuch geschrieben hat, bleibt der Erzählung treu: Nachdem die Griechen unter der Führung des furchterregenden Königs Agamemnon (Benny Safdie) zehn Jahre Krieg gegen Troja geführt haben, ist es Odysseus (Matt Damon), König von Ithaka, der mit seiner List – dem Trojanischen Pferd – dem griechischen Heer zum entscheidenden Sieg verhilft.
Doch während das Lied seiner Heldentat sich im Mittelmeerraum verbreitet und schliesslich auch seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und seinen Sohn Telemachus (Tom Holland) erreicht, kostet ihn die Heimkehr weitere zehn Jahre und den Verlust seiner gesamten Mannschaft. Auf seiner Irrfahrt begegnet Odysseus einäugigen Riesen und dem Zyklopen Polyphem. Er verärgert den Meeresgott Poseidon und verliert immer weiter seinen Kurs, während Ithaka von einer Meute Freier unter der Führung von Antinous (Robert Pattinson) belagert wird, die auf Penelopes Wahl eines neuen Mannes und zukünftigen Königs warten und zugleich Telemachus’ Thronfolge bedrohen.
Nolan macht den gewaltigen Stoff noch gewaltiger
Als ob die Geschichte nicht schon gross genug wäre, hebt Nolan seinen Film auch durch die produktionstechnischen Dimensionen auf ein neues Niveau. Im Vorfeld treten Matt Damon und Anne Hathaway als Markenbotschafter des Films auf: Damon schwärmt von den atemberaubenden Drehorten in sechs Ländern und davon, dass Nolan den gesamten Film mit einer eigens für das Projekt entwickelten IMAX-Kamera gedreht hat. Hathaway lobt Nolans Regieführung, das Szenenbild und die Kostüme. Diese Einblicke in die Dreharbeiten wirken jedoch gestellter als die gruseligen Kampfszenen gegen Polyphem in seiner dunklen Höhle.
Tatsächlich sind es die fantastischen Elemente – der Zyklop, das sechsköpfige Seeungeheuer Skylla oder Odysseus’ Reise in die Unterwelt –, die Nolan in «The Odyssey» mit erstaunlicher Wirkung und präziser filmischer Handwerkskunst umsetzt. Sein Beharren darauf, möglichst viel mit Realaufnahmen und nur das Nötigste in der digitalen Nachbearbeitung zu lösen, zahlt sich aus. Die räumliche Tiefe der Bilder, die natürliche Lichtgestaltung und die weitläufige Bildkomposition erzeugen einen grossartigen Realismus.
Auch die körperlich und choreografisch anspruchsvollen Kampfszenen, in denen vor allem Matt Damon über sich hinauswachsen muss, liefern den Nervenkitzel, den das Publikum erwartet. Gleichzeitig verkörpert Damon einen nachdenklichen Odysseus und findet eine überzeugende Mitte zwischen früheren Darstellungen – zwischen Kirk Douglas’ Überheblichkeit in «Ulisse» (1954) und Ralph Fiennes’ Fragilität im wenig beachteten «The Return» (2024).
Manche Entscheidungen sind fragwürdig
Nolan hat es sich zur Aufgabe gemacht, das gesamte Epos abzubilden. Doch trotz der stolzen Laufzeit von 172 Minuten muss er sich auf die für die Handlung notwendigen Elemente der Mythologie beschränken – und unterschätzt dabei sein Publikum mit zu didaktischen Übergängen zwischen den Zeitsprüngen.
Auch andere Entscheidungen bleiben fragwürdig. Agamemnon wirkt mit Benny Safdie lächerlich fehlbesetzt, und seine Rüstung erinnert mit ihrer dunklen Ästhetik zu sehr an Nolans eigene «The Dark Knight»-Trilogie. Calypsos (Charlize Theron) magische Lotusblüten sehen aus wie Plastikdekoration eines Zierteichs. Und schliesslich hätte Odysseus’ treuer Jagdhund Argos, der in Homers Erzählung eine zentrale Rolle bei der Heimkehr spielt, kaum weniger Beachtung bekommen können – sie hätten eben so gut einen Putzlumpen ins Bild legen können.
Vergleichsweise kleine Details, gemessen am epischen Ausmass des Films. Die grössten Fallstricke der Grunderzählung hat Nolan jedoch erkannt. Denn die Heldenreise enthält auffallend viele antagonistische Frauenfiguren: die Sirenen, die Hexe Circe (Samantha Morton) und Calypso – archetypische Figuren, die in der traditionellen Lesart mit Verführung und weiblicher List verbunden sind.
Nolan deutet ihre Rollen nicht um, setzt ihnen jedoch die Göttin Athene (Zendaya) als Gegengewicht entgegen. Sie wird zur ständigen Begleiterin Odysseus’ und begegnet ihm in ihren Zwiegesprächen auf Augenhöhe. Ihre eigentliche Bedeutung erschliesst sich erst gegen Ende und verleiht der Erzählung eine zusätzliche Ebene.
«The Odyssey» macht aus der Heldenreise eine tiefschürfende Auseinandersetzung mit der Gesetzlosigkeit des Krieges, der Macht der Verdrängung und der Frage, wie viel Verantwortung der Einzelne für sein Schicksal und das anderer trägt. Die eigentliche Reise endet damit nicht in Ithaka, sondern in der Konfrontation mit der eigenen Schuld.





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