Oper

«Drei von fünf Beziehungen sind inkompatibel»

Thomas Meyer hat aus seinem Sachbuch «Trennt euch!» ein Opernlibretto geschrieben. Aber in die Oper und ins Theater will er in Zukunft nicht mehr gehen.

Herr Meyer, mögen Sie Oper?

Womöglich. Das Theater hatte mich allerdings stets mehr angezogen. Aber seit Corona wissen die Leute nicht mehr, wie man sich im öffentlichen Raum benimmt: Sie reden während der Vorstellung und sind dauernd am Handy. Darum ist die Sache für mich ohnehin gegessen. Zur Premiere von «Trennt euch!» komme ich natürlich trotzdem!

Es ist traurig. Aber dennoch die Frage: Wie gut kennen Sie Opern?

Ich habe eine geschrieben. Sonst nicht.

Sie haben das Textbuch für «Trennt euch!» geschrieben. A propos «sich trennen», hätte ich Fragen zu sechs berühmten Opernpaaren. Wer der folgenden Opernpaare müsste sich schleunigst trennen? Legen wir los:
Tristan/Isolde (Wagner: Tristan und Isolde): Die Liebe ist verursacht durch einen Liebestrank

Kann trotzdem passen. Man müsste die beiden fragen.

Mimi/Rudolfo (Puccini: La Bohème): Liebe auf den ersten Blick

Kann trotzdem passen. Man müsste die beiden fragen.

Tosca/Cavaradossi (Puccini: Tosca): Lange Künstlerbeziehung - sie ist sehr eifersüchtig, später tötet sie aber für ihn

Klingt mit jedem Wort schrecklich. Ausser «lange».

Don Ottavio/Donna Anna (Mozart: Don Giovanni): Die Musik sagt, dass etwas zwischen Anna und Giovanni war, sie sagt: «Da war nichts».

Ich war mal länger mit einer Frau verbunden, die behauptete, da sei nichts. Im Rückblick muss ich sagen: Sie hatte recht.

Feldmarschallin/Octavian (Strauss: Rosenkavalier): Sie ist doppelt so alt wie er

Doppelt so alt ist immer zu alt.

Siegmund/Sieglinde (Walküre): Geschwister

Nur als Provokation tauglich.

Zurück zu Ihrer Opern-Uraufführung: Stimmt es, dass es in «Trennt euch!» anstelle eines Liebes- ein Trennungsduett gibt?

Das ist korrekt. Die Trennung wird nun erstmals leidenschaftlich besungen.

Ihr Buch «Trennt euch» fordert die Menschen dazu auf, das Drama einer unpassenden Beziehung zu beenden. Die berühmtesten Opern leben aber von diesem Drama: Carmen, Traviata, Otello, Bohème, Rigoletto, Così fan tutte etc. ‹Trennt euch!› ist ein Anti-Opernstoff, nein?

Sehr gute Frage! Es ist wie im Film: Passenden Beziehungen zuzuschauen, ist langweilig. Es passiert ja nichts ausser guter Laune. Darum braucht die Bühne das Drama. «Trennt euch!» hat ja auch eines als Grundlage.

Gut, aber was wird uns in Biel oder Solothurn zwei Stunden lang in Bann halten?

Die Frage, ob die Unpassenden die Trennung schaffen. Was soviel heisst wie: die Konsequenzen akzeptieren. Und die schöne Ironie.

Ihr Buch hatte keine Handlung, keine Hauptfiguren. Wer kam auf die Idee, daraus eine Oper zu machen?

Christian Henking, der Komponist. Das Buch ist ein Sachbuch, hat aber ein zutiefst menschliches Thema.

Gut, das zieht als Bühnenstoff seit den Griechen. Aber wer steht denn nun auf der Bühne?

Die Figuren sind alltäglich: ein Mann, eine Frau und deren Liebhaber. Dazu die Tochter, die beste Freundin und ein Barkeeper.

Die klassische Dreier-Geschichte also. Gibt es einen Sympathieträger?

Das Kind, das den Elternquatsch erdulden muss, aber nicht will.

Ein Opernlibretto ist die Kunst der Verkürzung, da sonst Überlänge droht. Wie lernten Sie, Dinge sehr kurz oder gar nicht zu sagen?

Christian Hengking, der Komponist, band mich zurück. Zurecht.

Hat er am Ende Ihren Text eins zu eins übernommen?

Ja, ich wundere mich noch immer.

Die Operngeschichte lebt von der Liebe – auch von ihrem Scheitern. Otello und Desdemona singen eines der schönsten Liebesduette der Operngeschichte. Jeder würde sagen: Genau die passen zusammen! Am Ende tötet Otello seine Desdemona aus Eifersucht. Gibt es in Ihrer Oper solche Hoffnungsstellen oder singen sich da die Paare dauernd auseinander?

Die Frau und ihr Geliebter passen sicher besser zusammen als sie und ihr Ehemann. Das ist meistens so: Zwei sind schon lange zusammen, haben einen gemeinsamen Haushalt und Kinder – da kommt die Beziehung im Alltag konsequent zu kurz, und irgendwann ist man ein Team, kein Paar mehr. Wenn dann ein neuer Mensch auftaucht, passt der aufgrund der Vorgeschichte besser zum heutigen Ich.

Gibt es solche «Otello»-Momente: musikalische Harmonie – obwohl die Beziehung kaputt ist?

Ich habe zum Zeitpunkt unseres Gesprächs noch nichts gehört, bin aber sicher, dass Christian genau das komponiert hat.

Das heisst: Sie würden auch Desdemona, obwohl sie glücklich ist, nach dem Duett sagen: «Trenn dich!»

Ich sage das niemandem mehr. Wer sich trennen muss, weiss es schon längst selbst. Aber wieso sollten glückliche Paare sich trennen?

In Mozarts «Cosi fan tutte» gibt es zwei glückliche Paare – beste Freunde und Freundinnen: A liebt B, C liebt D. Ein zynischer Philosoph sorgt dafür, dass innerhalb von 24 Stunden A die D und C die B heiratet. Typisch?

Wofür? Zynismus? Philosophie? Oper?

Typisch für junge Menschen in Beziehungen: Heute verliebt, morgen getrennt, übermorgen mit dem Ex-Partner der besten Freundin verheiratet.

Ein glückliches Paar ist ein stabiles Paar. Gilt auch für Junge.

Ich finde «Cosi fan tutte” eine traurige Oper. Ich vermute, Sie empfinden diese Handlung als normal wie der zynische Philosoph. Richtig?

Ich kenne die Oper nicht und weiss nicht, welche Figur zu welcher passt, rate aber allen Frischgetrennten, erst mal zur Ruhe zu kommen und nicht sofort was Neues anzufangen. Das ist kindisch und unfair.

Sie haben vor fast zehn Jahren behauptet, vier von fünf Beziehungen seien inkompatibel. Glauben Sie diese Zahl immer noch?

Das war damals einfach spontan dahergesagt. Drei von fünf sind es sicher.

Wie weiss ich überhaupt, dass meine Beziehung inkompatibel, also unvereinbar, ist?

Ich bin überzeugt, dass man das immer weiss. Ob es passt oder nicht. Man will halt die Konsequenzen der Trennung nicht auf sich nehmen und redet sich das Problem schön.

Wann ist eine Krise eine Krise – und wann der Beweis, dass es nicht passt?

Ganz einfach: Wenn die Krise eine Krise bleibt und nicht zum Normalzustand wird. Griechisch «krisis» heisst Entscheidung. Es geht also darum, eine zu treffen. Wenn ein Paar nur immer an der Weggabelung herumdiskutiert, ist es keine Krise mehr, sondern grundsätzliche Uneinigkeit. Ein weiteres Merkmal ist die Frage, worüber ein Paar spricht. Wenn es hauptsächlich die Beziehung verhandelt und darüber redet, wie man sie idealerweise führen sollte, funktioniert es einfach nicht.

Was ist eigentlich gefährlicher für eine Beziehung: zu früh zu gehen oder zu lange zu bleiben?

Die Frage ist doch, was gefährlicher für die Seele ist! Wir müssen aufhören, «die Beziehung» als ein prinzipiell heiles, schützenswertes und notwendiges Konstrukt zu würdigen. Beziehungen können schwer krank machen. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Mir ist niemand bekannt, der zu früh ging. Zumal man das ja dann nicht belegen könnte. Ich kenne aber dutzende, die viel zu lange blieben.

Wenn nach der Premiere von «Trennt euch!» ein Paar nach Hause geht und beschliesst, doch zusammenzubleiben – ist Ihre Oper dann gescheitert?

Es gibt hoffentlich mehr als ein Paar im Publikum.

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