Der Eindruck danach
Am Freitag gab die SVP endlich die Ergebnisse ihres Bundesrat-Castings bekannt. Ausgerechnet am Freitag, dem Aufzeichnungstermin der «Sendung des Monats». Früh hatte ich deshalb befürchtet, dass die Satireshow am Sonntagabend wie die letzte Fasnacht daherkommen würde.
Aber siehe da: Not macht am Leutschenbach erfinderisch. Fabienne Hadorn und Gabriel Vetter befolgten eine Grundregel des Unterhaltungsfernsehens, die inzwischen auch für den globalen Politstil gilt: In einer Castingshow zählen nicht die Sieger. Auch die sind letzten Endes alle halbgarer Durchschnitt. Es zählt die Show um die Verlierer. Sie verschafft uns Zuschauern das wohlige Gefühl der Schadenfreude. Und diese Loser-Typen hatte die SVP-Ausmarchung reichlich geliefert.
Eigentlich ist das Schweizer Fernsehen viel zu brav für so ein «Humilitainment». Einen wie Dieter Bohlen gibt es hierzulande nicht. Da muss man normalerweise zum CH Media-Privatsender 3+ ausweichen, bei dem Demütigung zum Geschäftsmodell gehört. Also erledigte bei Vetter und Hadorn der Deutsche Dieter Bohlen die Drecksarbeit in einer satirischen Castingshow.
In der satirischen Castingshow «DSSDSVPBR» – «Die Schweiz sucht den Super-SVP-Bundesrat» fallen Bohlens Urteile über das Kandidatenangebot der SVP entsprechend vernichtend aus. Bei der Zürcher Regierungsrätin Natalie Rickli wahrt er noch einen Rest Anstand: «Es gibt bessere, aber auch schlechtere.» Beim SVP-Fraktionschef Thomas Aeschi, der sich tatsächlich – so halb – zur Wahl stellt, ist Schluss: «Hier findet dich keiner gut, aber das kennst du ja», ätzt Bohlen.
Der Luzerner SVP-Nationalrat Franz Grüter wird als «sparsam talentiert» entsorgt – der Politiker hatte sich aus familiären Gründen aus dem Rennen genommen. Bei Magdalena Martullo-Blocher wird der solariengebräunte Spötter persönlich: «An deiner Gesichtsakrobatik musst du noch arbeiten» – was diese wiederum mit einem heftigen «Nei, nei» kontert. Und selbst der gescheiterte Bundesrat Daniel Jositsch hat auf diesem SVP-Catwalk nochmals einen Cameo-Auftritt: «Bei anderen Kandidaten würde ich sagen, gib nicht auf oder so», sagt Bohlen, «bei dir würde ich eine Ausnahme machen.»
Der doppelte Boden funktioniert, weil sich die reale Diskussion über das Kandidatenfeld in den vergangenen Tagen tatsächlich kaum oberhalb einer Castingshow bewegte.
Das Leitmotiv der Show liefert dann der Solothurner Nationalrat Rémy Wyssmann, der ebenfalls kandidiert. Heikle Journalistenfragen parierte er bei der Ankündigung seiner Kandidatur vorm Mikrofon mit einem nervösen Zwinkern – eine Steilvorlage, welche die Satiriker, während der Sendung genüsslich ausschlachteten, indem sie jede Boshaftigkeit mit einem relativierenden Zwinkern unterlegten.
Das hat uns gepackt
Zur Höchstform läuft Vetter aber erst auf, als es um die Exekutionsfantasien des US-amerikanischen Verteidigungsministers Pete Hegseth geht, diesem feucht gewordenen Traum hypermaskuliner Männer. Hegseth hatte im Oktober medienwirksam angekündigt, er wolle einen verurteilten Straftäter erschiessen lassen und das Spektakel per Livestream im Internet übertragen. «Als in den USA das letzte Mal ein Kommando versucht hat, jemanden zu erschiessen, hat das nicht geklappt», gibt Vetter zu bedenken. Wir erinnern uns: Donald Trump und sein blutiges Ohr.
Vor der bevorstehenden Exekution von Vetters Sendung durch das SRF – Ende November läuft die letzte Folge - rächt sich Gabriel Vetter nun in einem Ragebait, der deutlich energiegeladener ist als seine vorherigen Gags: Er frage sich, so Vetter, wie das gmögige und «Feel-Good-Vibes» verbreitende SRF so eine Exekution begleiten würde. «Das SRF hätte gar kein Geld für so eine Live-Übertragung», meint Vetter, dessen Sendung im Gegensatz zu Büssers «Late Night Switzerland» vorab aufgezeichnet wird. Um sich dann vorzustellen, wie die gut gelaunte Mona Vetsch auch so ein todernstes Finale fröhlich wegmoderieren würde, live unterstützt von Telefon-Jasserin Sanija Ameti, live zugeschaltet aus ihrem privaten Schiesskeller.
Oder es komme, so Vetter, noch schlimmer: Mit einem Nik Hartmann, der dem Straftäter seinen «Happy Day» verspricht: Tod durch Ersaufen in einem Fondue-Caquelon auf dem Zürcher Sechseläutenplatz, während Sandra Studer und Hazel Brugger «Killed in Switzerland» singen und Ex-Late-Night-Host Dominic Deville von arbeitslosen Tamedia-Journalisten mit alten Benissimo-Kugeln gesteinigt wird. Diese Boshaftigkeit gegen den eigenen Arbeitgeber, der dafür bekannt ist, aus Sorge um die öffentliche Meinung so jeden bösen Witz abzutöten, steht Vetter gut.
Der beste Spruch
In den USA könnte Trump nach einer Schlappe bei den Zwischenwahlen bald die Mehrheit im Kongress verlieren. Dann dürfte er sich ganz auf sein Hobby, das Regieren via Dekret, konzentrieren. Er wird, so Vetter, «sich mit Direktverordnungen als Minidiktator gegen das Parlament stellen und Vetorecht ausüben.» Darüber zuckt Vetter in seiner Sendung nur die Schultern. In der Schweiz heisse das «einen Albert Rösti machen».
Das erwartet uns in der letzten Sendung
Vetter verspricht uns, in der Rolle des Zynikers, nach dem Vorbild von Donald Trump jedem Schweizer, der Ende November bei seiner letzten Sendung einschaltet, 5000 Dollar auszahlen. Eigentlich möchte ich nicht spoilern, aber hier Zückerli, das Vetter uns verspricht: Eine Live-Exekution von Papa Moll. Fast hätte der den Vogel abgeschossen und die Wahl wäre auf Pingu getroffen. Aber da zeigt sich eben der feine Unterschied zu Donald Trump: Gabriel Vetter ist noch ein Mensch mit Herz.
Die letzte «Sendung des Monats» wird am So, 29.11. auf SRF 1 ausgestrahlt.





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