Am Ende sind es Büssi-Witze: Büssi-Witze, die wir feiern. Büssi-Witze, die wir flach finden. Büssi-Witze, die das Postfach der SRF-Ombudsstelle zum Überlaufen bringen.
Im Sekundentakt feuert Stefan Büsser, 41, in seiner Satireshow «Late Night Switzerland» sonntäglich Pointen ab. Natürlich schreibt der Comedian mit. Doch anders als die Late-Night-Dinosaurier Viktor Giacobbo, 74, und Mike Müller, 62, die einst berühmt-berüchtigt dafür waren, ihren Chefautor Domenico Blass, 60, arbeitslos zu machen, entsteht ein grosser Teil von Büssers Munition im Team.
In der Fabrik «Late Night Switzerland» haben die Gags zwei Chefs. Sie heissen Aron Herz, 46, und Martin Rhyner, 42. Als professionelle Pointenschreiber beherrschen sie das wohl flüchtigste Kunsthandwerk der Welt: Sie verdichten das politische Weltgeschehen einer Woche zu einer 40-minütigen Erzählung. Dafür braucht es laut Aron Herz diesen besonderen «Spinnensinn», der einen dazu befähigt, in jeder Nachrichtenmeldung Bezüge und Pointen-Chancen zu erkennen.
In der Szene gilt Herz als «Gag-Maschine». Seine Gedanken stehen nie still, sein Output ist enorm. Mit dem eingestellten Podcast «Comedymänner» (vormals: «Quotenmänner») mit Stefan Büsser und Michael Schweizer wurde Herz ab 2019 auch als Podcaster bekannt. Aktuell unterhält er zwei Podcast-Formate, darunter den Talk «Öppis isch immer».
Dieser «Spinnensinn» war beim St. Galler Herz schon aktiviert, als er noch als Student der Sozialarbeit nach dem Schauen einer Folge «Giacobbo/Müller» spontan mehrere Witze beim SRF einreichte. Der damalige Chefautor Domenico Blass, der heute als Senior Producer Teil des Büsser-Teams ist, war davon so begeistert, dass er den Studenten 2009 nach einer Bewährungsprobe als Inputter ins Team holte.
«Meine erste ausgestrahlte, bezahlte Pointe für «Giacobbo/Müller» vergesse ich nie», erzählt Herz. Sie ging auf Kosten von SVP-Politiker Christoph Mörgeli und die ehemalige Nationalratspräsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi.
Die Politikerin war dafür bekannt, mit ihrem exzessiven Einsatz der Glocke aufmüpfige Parlamentarier wie Christoph Mörgeli ruhig zu stellen. Als Mörgeli mit seinem Auto in einen parkierten Lieferwagen krachte, war für Herz die Steilvorlage für die Pointe: «Christoph Mörgeli ruhig zu stellen – das hat bisher nur ein parkierter Lieferwagen geschafft.» «Die Pointe funktionierte», erinnert sich Herz. Ansonsten könne er sich von den Hunderten an Gags, die er pro Woche erfindet, kaum noch an einen erinnern.
Noch mehr im Hintergrund steht sein Kollege Martin Rhyner. Der Glarner, der beim SRF auch bei Fabian Untereggers Radiosendung «Zum Glück ist Freitag» die humoristische Hauptverantwortung trägt, fiel das Witzeschreiben schon während seiner Radioausbildung leichter als das Erzählen von Witzen. Mit Aron Herz arbeitet er schon lange. «Es kommt vor, dass wir unsere Pointen-Ideen mitten im Satz gegenseitig ergänzen», so Rhyner.
«Als Headautor erkennt man einen KI-Witz»
Einen klar abgezirkelten Anfang und ein Ende ihrer Arbeitszeit gibt es nicht. Das Büssers-Team beginnt am Montagmorgen gleich nach der Aufzeichnung am Vorabend mit der Themensuche. Mittwochs trifft sich das Autorenteam im Writer’s Room. Da wird die Sendung auf dem Papier gebaut. Noch bis kurz vor der Sendung werden News gescannt und wird an Pointen gearbeitet. «Wir wägen dann ab, was noch in die Sendung aufgenommen werden soll», so Rhyner. Die KI schreibt noch nicht mit. «Als Headautor erkennt man einen KI-Witz», sagt Rhyner. Der Maschine fehle noch das Feingefühl für Kontext, Situation und kulturelle Eigenheiten, ergänzt Herz. Genutzt werde sie vor allem für Recherchen und Bildgenerierung.
Erst Ende der Woche werden die Beiträge dann mit den Eingaben von rund 30 externen Autoren ergänzt. Blass fand sie früher in Werbeagenturen, an Poetry-Slams oder im Bekanntenkreis. «Es sind nicht immer die Lautesten im Raum, die die besten Gags schreiben», sagt er. «Wir hatten auch Lehrer dabei, einen Banker, einen Handyverkäufer, praktisch ausnahmslos Männer.
Das Frauen-Vakuum von damals gibt es auch heute, und der Befund lässt sich auch auf andere Comedy-Formate übertragen. «Ich habe damals immer wieder Frauen angesprochen, bei denen ich das Gefühl hatte: Die können das. Oft kam als Antwort: ‹Ich kann das nicht› oder ‹Ich möchte niemandem wehtun›», sagt Blass. Die Comedienne Jane Mumford ist in der Szene eine der wenigen Frauen, die regelmässig Inputs liefern.
Was die freien Autoren liefern, landet selten druckreif bei Büsser auf dem Tisch. «Eine eingesandte Pointe ist oft eher eine Inspiration als ein fertiges Produkt», sagt Blass. Manchmal sei es nur ein originelles Wortspiel, ein kluger Gedanke oder eine überraschende Perspektive, an der die Redaktion weiterfeile.
50 Franken pro Pointe
Bezahlt wird trotzdem: Die freien Gagschreiber erhalten für jede ausgestrahlte Pointe 50 Franken netto. Beim von der Filmgerberei produzierten Konkurrenzformat «Die Sendung des Monats» ist es etwas mehr (ca . 65 Franken netto). Immerhin: Auch ein Gag, der das Kernteam lediglich zu etwas inspiriert, wird honoriert.
Ein freier Gagschreiber, der anonym bleiben möchte, sagt, dass es vier bis fünf seiner 100 Eingaben in die Sendung schaffen. Seit Herz und Rhyner so viel schreiben, seien die Chancen gesunken. Grundsätzlich gilt auch im Büsser-Team die Comedy-Faustregel, dass von hundert geschriebenen Gags zehn für die Sendung gut genug sind. Bei «Giacobbo/Müller» sichteten Blass, Giacobbo und Müller Woche für Woche mit ihren eigenen bis zu 800 Pointen. Höchstens ein Zehntel schaffte es in die Sendung. Giacobbo und Müller selbst schrieben dabei weit über die Hälfte der Pointen und sämtliche Sketches. Was damals wie heute zählt, sind die Relevanz, die vorausgesetzten Publikumsvorkenntnisse eines Gags und «ob wir Macher die Pointen lustig finden oder nicht», so Aron Herz.
Auch können nicht alle eingereichten Gags verwendet werden: «Wir hatten Frauen, die frauenfeindliche Pointen einreichten, jüdische Autoren, die antisemitische Klischees bedienten, oder muslimische Autoren, die sich den Islamismus vorknöpften», erinnert sich Domenico Blass an seine Zeit bei «Giacobbo/Müller». «Wenn der Absender und die Haltung klar sind, dann kann sowas funktionieren. Aber dieselbe Pointe wird ganz anders wahrgenommen, wenn Stefan Büsser sie macht – als Nicht-Frau, Nicht-Jude und Nicht-Muslim.» Als Senior Producer helfe er dem Team die Gags zu hinterfragen und einzuordnen. Im Zweifelsfall tritt er auch mal auf die Bremse: «Eine gute satirische Pointe braucht eine Haltung und ein Ziel. Es muss klar sein, welches Verhalten wir eigentlich kritisieren und wie wir dazu stehen.»
Und wie stehen die Macher zum Vorwurf, ihre Satiresendung berichte politisch unausgewogen? Martin Rhyner sieht das gelassen: «Wenn ein bestimmtes politisches Lager in kurzer Zeit viele verschiedene blöde Ideen hat, muss es halt auch mal ein paar Sendungen hintereinander den Kopf hinhalten.» Vieles gleiche sich über eine Staffel hinweg wieder aus.
Massenprotest nach verunglücktem Gag
So genau man die Flugbahn einer Pointe berechnet: Manchmal schlägt sie am falschen Ort ein. 2025 erreichte die Ombudsstelle des SRF über 500 Beanstandungen zu einem Gag, in dem die muslimische Jungpolitikerin Vera Çelik in einer Bildpointe mit einem Foto von JSVP-Präsident Nils Fiechter in einer Sprengstoffgürtel-Verkleidung inhaltlich in einen Zusammenhang gebracht wurde. Die Ombudsstelle beurteilte die Sequenz später als diskriminierend und die Menschenwürde verletzend. Büsser entschuldigte sich öffentlich.
Gelegentlich würden Themenfelder schon im Vorfeld auf mögliche juristische Probleme geprüft, schreibt SRF auf Anfrage. Eingreifen müssen habe der Sender noch nie. «Unser Ziel ist es, das Publikum zum Lachen zu bringen, nicht unsere Grenzen auszutesten», sagt Rhyner.
Und dann ist da noch jene Instanz, die keine publizistischen Leitlinien braucht und über jede Pointe in Sekundenbruchteilen entscheidet: das Publikum. «Lachen ist ein Reflex und rein binär», sagt Herz. «1 oder 0. Ja oder Nein.» Am Ende ist ein Büssi-Witz eben nur so gut wie die Lacher, die er einheimst.
Nächste Sendung: SRF1, So, 1.11., 21.40 Uhr.





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