Lucerne Festival

«Manchmal muss man Leuchtraketen hochschiessen» – so sprach der Intendant vor dem Festival über seine Vision

Das erste Sommerfestival unter Intendant Sebastian Nordmann ist beinah vorüber. Hier veröffentlichen wir ein Interview erneut, dass er im Vorfeld dem Festivalmagazin PIÙ gab. Anhand der Verlinkungen im Text können Sie nachlesen, was wir dazu geschrieben haben.

Was sind die Hintergründe, die zu «American Dreams» geführt haben?

Sebastian Nordmann: Das diesjährige Motto ist einerseits historisch begründet: 250 Jahre amerikanische Unabhängigkeit, 25 Jahre seit 9/11, die starke Schweiz-Amerika-Beziehung. Und andererseits natürlich musikalisch, ich bin seit jeher von der amerikanischen Musikgeschichte fasziniert. Diese Vielfalt ist so genial, weil es weniger starre Grenzen zwischen E- und U‑Musik gibt. Da wurden innerhalb von knapp zehn Jahren stilistisch so verschiedene Werke wie Leonard Bernsteins «Mambo», Charles Ives’ Erste Sinfonie und Samuel Barbers Violinkonzert uraufgeführt. Und bei uns hört man sie an drei aufeinanderfolgenden Tagen.

In unserem letzten Gespräch haben Sie betont, dass das Festival kulturpolitisch, aber nicht parteipolitisch sein soll. Jalalu-Kalvert Nelsons «Endangered Dreams» positioniert sich allerdings klar. Wo liegt die Grenze?

Wir wollen nicht parteipolitisch sein. Es interessiert niemanden, was der Intendant über einen Präsidenten denkt. Entscheidend beim Motto ist für mich das «s» in «Dreams». Jeder Mensch hat eigene Träume. Diese Vielfalt geht bis heute in einen kulturpolitischen Bereich: Künstler sollten weltweit Chancen erhalten und nicht durch Parteipolitik eingeschränkt werden. Wir bieten diese Chancen.

Sie übernehmen die Seebühne von Luzern Live und werden stärker im öffentlichen Raum sichtbar. Was ist die Idee dahinter?

Wir wollen mehr Menschen für klassische Musik gewinnen. Ein kostenloses Open-Air am See vor dem Europaplatz spricht viele an, die sich vielleicht nicht ständig Tickets fürs KKL kaufen. Wir wollen Menschen an die Hand nehmen und zeigen, was wir im KKL machen. Darüber hinaus träume ich von einem Festivalcenter. Für dieses Jahr entwickeln wir einen Welcome Desk am Bahnhof, damit jeder, der rauskommt, Informationen bekommt und mehr erfährt: Was ist Lucerne Festival? Für die Zukunft bin ich im Austausch mit Stadt und Kanton über ein Festivalcenter auf dem Europaplatz, zugänglich für das Laufpublikum während der gesamten Zeit. Wie eine Verlängerung des Konzertsaals hinaus auf den Platz. Es müsste ein Hingucker sein, nicht nur ein Zelt.

«In den Strassen» wird neu von der Academy bestritten und heisst jetzt «City Stage». Wie populär bleibt dieses Format?

Doreen Ketchens aus New Orleans ist in den USA der Inbegriff von Strassenmusik: eine Klarinettistin, die wir einladen, um diese mit Teilnehmenden der Academy zu erarbeiten und draussen zu spielen. Wir bringen also auch hier Inhalte vom Konzertsaal auf die Strasse. Eine weitere Gruppe spielt Steve Reich – für manche klingt es wie Weltmusik, für andere ist es Entertainment, oder aber klassische Musik.

Eine Absage an feste Genre-Grenzen?

Was ist denn klassische Musik? Wer ist der Gatekeeper, der sagt: Das darf man oder das darf man nicht? Wir präsentieren auch «Yellow Shark» von Frank Zappa, der sich kurz vor seinem Tod mit dem Ensemble Modern traf. Wo kann man ihn einordnen? Das ist doch egal. Die Musik passt einfach gut zur Academy.

Gleichzeitig hat das Festival ein klares Profil. Wo bleibt da der Gestaltungsspielraum?

Wir können selbstbewusst sagen, dass wir wohl das bekannteste Orchesterfestival weltweit sind. Mit dabei sind die besten Sinfonieorchester, Solisten und Dirigenten. Und wir haben auch eigene Klangkörper: das Lucerne Festival Orchestra und die Academy mit dem Lucerne Festival Contemporary Orchestra. Aber ein Festival muss sich immer weiterentwickeln. Ich glaube an die Weiterentwicklung aus einem gesunden Kern heraus. Vermittlung und Formatentwicklung sind der Kitt zwischen den Backsteinen. Da haben neue Ideen Platz – und manchmal muss man Leuchtraketen hochschicken wie in diesem Jahr das Pulse-Festival mit dem Pianisten Víkingur Ólafsson.

Sie bieten Vermittlung mit offenen Proben und Erklärkonzerten oder Immersion wie bei «Mittendrin». Was ist wichtiger?

Beides. Bei einem Mittendrin-Konzert sitzen rund 400 Menschen im Orchester, ein unglaubliches Erlebnis. Man kann neben einer Soloklarinette sitzen und vom Orchester infiziert werden. Gleichzeitig sollen Schulklassen in Proben kommen und echte Sinfoniekonzerte erleben: eine halbe Stunde in eine Mahler-Sinfonie eintauchen, eine Einführung davor hören und danach Fragen stellen können. Eine solche Erfahrung hat mich damals als Schüler in einer Probe von Leonard Bernstein gecatcht: Man ist beim Entstehen dabei.

Mit der «Fankurve» ergänzen Sie die Abo struktur. Ist das der Schritt vom Gratisangebot in den Konzertsaal?

Wenn wir Menschen zur klassischen Musik führen wollen, müssen wir irgendwann über den Ticketpreis reden. Das Lucerne Festival Orchestra ist nicht sehr günstig. Daher die Fankurve: für Menschen, die sich das sonst nur einmal leisten könnten und jetzt viermal innerhalb von zehn Tagen hingehen können. Und mit «Luege, Lose, Erläbe» kann man Kinder oder Jugendliche für 10 Franken in jedes Konzert mitnehmen. Man kann nicht erzählen: Wir wollen die Menschen heranführen, aber nicht hineinführen. Man darf sie nicht an der Tür abweisen.

Dieser Text erschien erstmals im Festivalmagazin PIÙ.

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