Lucerne Festival verdankt seinen Ruf repräsentativen Auftritten der Sinfonieorchester und Klassikstars. Neben dieser Hochglanzsphäre stellt es mit jungen Künstlern, zeitgenössischer Musik oder innovativen Formaten aktuelle Entwicklungen vor. Mitunter stehen sich beide Bereiche getrennt gegenüber. Wie diese Woche, wo Martha Argerich für die grosse alte Welt der Konzertpianisten stand, während Hayato Sumino mit Klassikimprovisationen in eine mögliche Zukunft wies.

Die Universen verbinden sich
Man kann am Festival aber auch erleben, wie sich Universen mit der Zeit verbinden. Dafür stand am Donnerstag der erste Auftritt von Simon Rattle mit dem Freiburger Barockorchester. Es ist heute eines der bedeutendsten historisch informierten Ensembles, die einst als «Schmalspurorchester» verspottet wurden. Rattle dagegen wurde an der Spitze grosser Sinfonieorchester wie der Berliner Philharmoniker zum Superstar der Branche und zählt zu den Kandidaten für die künftige Leitung des Lucerne Festival Orchestra. Auch wenn er früh mit Originalklang-Ensembles zusammenarbeitete, trat er jetzt erstmals mit einem solchen am Festival auf. Originalklang wird zur Chefsache.
Beide Bereiche verbindet auch die Solistin dieses Abends, der mit einem Schumann-Programm auf die «Schumann-Echos» am Lucerne Festival Forward im Herbst verweist. Isabelle Faust spielt, je nach Repertoire, auf einer modern oder – wie hier – historisch eingerichteten Geige. Nachdem sich das Orchester mit Schumanns «Genoveva»-Ouvertüre eingespielt hatte, wurde denn auch das Violinkonzert zum Höhepunkt des Abends. Da kam alles zusammen, was man sich von dieser Konstellation erhofft hatte – auf einem Weg, der von äusserlicher Prachtentfaltung bis hin zur Zugabe ganz nach innen führte.
Selbst «Gänsehaut» ist ein zu grobes Wort
Das Orchester, ohne Wucht, aber mit viel Spannung, mied schon beim majestätischen Auftakt jeden Bombast. Das schlanke und leichte Klangbild schuf luftig Raum für die lyrischen Melodien, die das erst 1937 uraufgeführte und von den Nazis propagandistisch genutzte Spätwerk mit romantischer Wehmut durchziehen. Faust akzentuierte virtuos das obsessive Anstürmen auf exponierte Spitzentöne. Vor allem aber nahm sie diesen Sturm in eine magische, nur sparsam in Vibratoakzenten erzitternde Innenschau zurück.

Dabei näherte die schlanke Besetzung des Orchesters dessen Dimensionen jener der Solovioline so weit an, dass beide im langsamen Satz geradezu verschmolzen. Wie durch ein Wunder konnte man die Solovioline in tiefer Lage als Stimme des Streichersatzes hören und kamen umgekehrt die dunklen Bratschen oder Celli quasi solistisch zur Geltung. Die Geigerin löste solche musikalischen Vexierbilder zwar auch in kristallin flirrende Virtuosität und in die wie Wunderkerzen aufleuchtenden Spitzentöne auf. Aber in der Zugabe – «Fantasia con discrezione» von Nicola Matteis – zog sie sich in eine intime musikalische Mediation zurück. Für deren spinnwebenzart gedehnten Pianissimogeflechte ist noch «Gänsehaut» ein viel zu grobes Wort.
Vom Rausch in die stille Live-Magie
In Schumanns 2. Sinfonie reizte Rattle die Extreme eines historisch informierten Musizierens nach allen Seiten aus. Da baute sich von den klar zeichnenden Linien der Kontrabässe bis hin zum Lärm von Hörnern, Trompeten und Posaunen ein vielschichtiger Orchesterklang auf, der sturmgepeitscht in alle Richtungen wirbelte. Synkopen, galoppierende Rhythmen und auch mal überhastete Tempi (im Scherzo) steigerten sich zum prächtig sprühenden Farben- und Bewegungsrausch.
Mittendrin aber, im raunenden Adagio, dünnte Rattle auch diese Sinfonie zu einem geisterhaften Pianissimo an der untersten Hörgrenze aus. Es ist diese Grenzerfahrung, die von diesem Konzert in Erinnerung bleiben wird. Und wie es nur Livekonzerte in einer Saalakustik wie im KKL ermöglichen.




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