Das Kino ist erstaunlich schlecht im Sterben. Seit Jahrzehnten wird ihm das baldige Ende vorausgesagt: Erst sollte der Fernseher ihm den Rang ablaufen, dann die Streamingdienste – zuletzt schien Corona dem Kino den Rest zu geben. Doch nun füllen sich die Säle in der Schweiz wieder. Bis Anfang Oktober lagen die Kinoeintritte fast zwanzig Prozent über dem Vorjahreszeitraum.
Nach Jahren rückläufiger Besucherzahlen ist das ein bemerkenswerter Aufschwung, zumal die Durststrecke lang war: 2025 zählte das Bundesamt für Statistik nur noch 9,47 Millionen Eintritte – abgesehen von den Pandemiejahren so wenige wie seit rund fünfzig Jahren nicht mehr. Gegenüber 2019 fehlte damit beinahe ein Viertel des Publikums.
Nun sorgen Filme wie Christopher Nolans «The Odyssey» mit rund 712’000 Eintritten und «Spider-Man: Brand New Day» mit fast 582’000 Eintritten für volle Säle.
Hollywood als Zugpferd
Gerhard Pfister, Nationalrat (Die Mitte) und Präsident des Branchenverbands ProCinema, führt den Anstieg an Kinoeintritten vor allem auf das wieder breitere Angebot aus Hollywood zurück: «Dies liegt nicht an einzelnen Publikumserfolgen, sondern generell an der erhöhten Verfügbarkeit von Blockbustern aus den USA.» Für 2026 rechnet er damit, dass die Eintritte die Marke von elf Millionen knacken. Das wäre eine Annäherung an Werte vor der Pandemie.
Doch ein Blick auf die Filme, die den Aufschwung tragen, zeigt: Während die grossen internationalen Produktionen Hunderttausende in die Säle ziehen, kann der Schweizer Film bislang nicht im gleichen Mass profitieren. Im Verhältnis zu den grossen internationalen Produktionen fällt es dem einheimischen Filmschaffen schwer, eine breitere Zuschauerschaft zu erreichen, trotz steigender Ticketkäufe. Was lässt sich also aus dieser Momentaufnahme beobachten?
Während Spider-Man und Odysseus für volle Säle sorgen, fehlt es dem Schweizer Film an Publikumsmagneten: So sank der Marktanteil im ersten Halbjahr von 12,18 Prozent 2025 auf 7,85 Prozent im gleichen Zeitraum 2026. Auch in absoluten Zahlen gingen die Eintritte zurück: Bis Ende Juni wurden rund 420’000 Tickets für Schweizer Filme gelöst, gegenüber geschätzten 557’000 im Vorjahreshalbjahr – obwohl der Gesamtmarkt wuchs. Das ist ein deutlicher Rückgang, aber noch keine Jahresbilanz. 2024 und 2025 lag der Marktanteil Schweizer Filme jeweils bei rund 9 Prozent und damit höher als in den meisten Jahren vor Corona. Bis Ende 2026 könnte sich der Anteil also noch erholen.
Pfister erklärt die Schwankungen mit den wechselnden Erfolgen einzelner Filme. Im Vorjahr hätten mehr Schweizer Produktionen ihr Publikum gefunden, sagt er. Zudem könne ein Film in der Westschweiz erfolgreich sein, ohne in der Deutschschweiz ebenso gut zu funktionieren. Die Schweiz sei kein einheitlicher Kinomarkt. Entscheidend bleibe, welche Geschichten wann und wo ein Publikum fänden. Tatsächlich lässt sich der Erfolg einzelner Filme nur bedingt vorhersehen. Doch er ist nicht allein Glückssache. Wie gelingt es also Schweizer Produktionen, aus der Masse herauszustechen?
Was sagen Kinos und Festivals?
Niccolò Castelli, künstlerischer Leiter der Solothurner Filmtage, weist darauf hin, dass im weiteren Jahresverlauf noch Schweizer Produktionen anlaufen. Zugleich betont er die schwierigen Marktbedingungen für kleinere Filme: Sie müssten sich gegen die gewaltigen Werbebudgets internationaler Produktionen behaupten. Ein grosses Budget garantiere zwar noch keinen Erfolg. Doch ein Film müsse zunächst wahrgenommen werden, bevor er sein Publikum erreichen könne.
Neben der Sichtbarkeit verändere sich auch das Publikum: Edna Epelbaum, Kinobetreiberin aus Biel, beobachtet, dass die Freizeitgewohnheiten nach der Pandemie nicht mehr dieselben seien wie zuvor. Sie betont wie Pfister, dass der Erfolg einzelner Filme stark schwanken kann: Einmal funktioniere ein Schweizer Film wie «Heldin», ein anderes Mal ziehe ein internationaler Hit wie «Spider-Man» die Menschen in die Säle. Langfristige Schlüsse seien deshalb schwierig. Gleichzeitig würden die Kinobetreiber weiter in Laserprojektion, Renovationen und ihre Infrastruktur investieren. Sie setzen also darauf, dass sich das Kino als Erlebnis auch in Zukunft behaupten kann.
Wie lässt sich das Publikum aber nachhaltig halten, wenn der nächste grosse Hype nicht garantiert ist? Pfister verweist auf Themenabende, Strickkinos und andere Veranstaltungen, die beim Publikum gut angekommen seien. Auch Castelli setzt auf Gespräche mit Filmschaffenden und Begegnungen, die das Kino gerade für jüngere Menschen zu einem sozialen Ort machen. Solche Angebote können helfen, Menschen ins Kino zu bringen und sie wiederkommen zu lassen.
Doch volle Säle allein sagen wenig darüber aus, ob auch die Filmbranche gesund ist. Wer künftig Schweizer Filme auf der Leinwand sehen will, muss deshalb auch fragen, unter welchen Bedingungen sie überhaupt entstehen. Gerade jetzt, nach erfolgreichen Jahren der nationalen Produktionen, lohnt es sich, den Blick über die Kinokasse hinaus zu richten: Was braucht die Branche, um diesen Aufschwung langfristig nutzen zu können?
Was hat die Filmförderung damit zu tun?
Der Blick auf die Besucherzahlen genügt nicht. Er zeigt weder, wie schwierig es für Filmschaffende ist, ihre Projekte zu finanzieren, noch, ob sie nach einem Film weiterarbeiten können. Der Zürcher Regisseur und Produzent Samir sieht auf die strukturellen Bedingungen. Seine Diagnose fällt deutlich aus: «Viele Filmschaffende und Produktionsfirmen sind seit Anfang 2024 in einer existenziellen Krise.» Seine Kritik ist gerade jetzt relevant: Denn wenn sich die verkauften Tickets in den Kinos erholen, ist damit noch nicht gesichert, dass auch künftig genügend vielfältige Schweizer Filme entstehen können.
Die Kinoerfolge von 2025 seien kein Zeichen nachhaltiger Besserung; ihre Grundlagen lägen noch in Fördermassnahmen aus der Amtszeit von Ivo Kummer als Chef der Sektion Film. Mit dessen Abgang im Januar 2024 habe die Branche «einen Experten auf Augenhöhe verloren». Zudem kritisiert Samir die Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Kultur: Trotz Bekenntnissen zu Transparenz und Kooperation würden «Entscheidungen über die Köpfe der Fachverbände» gefällt.
Ein zentraler Streitpunkt sei die Finanzierung. Seit 2011 sei der selektive Kredit für die kulturelle Filmförderung weder an die Teuerung noch an zusätzliche administrative Anforderungen angepasst worden. Die finanziellen Probleme seien damals durch eine Standortförderung von sechs Millionen Franken aufgefangen worden. Doch diese sei Anfang 2025 für inländische Filme mit einem Schlag abgeschafft worden und komme seither nur noch Koproduktionen zugute. «Viele Projekte scheiterten dadurch», sagt Samir. Er sieht darin eine strukturelle Schwächung der Branche.
Das Bundesamt für Kommunikation beschreibt auf Anfrage ebenfalls einen wachsenden Druck auf die Förderung: «In diesem Zusammenhang stellen wir fest, dass die Zahl der Fördergesuche in den vergangenen Jahren zugenommen hat (in den letzten 15 Jahren beim Spielfilm zum Beispiel um etwa 20%), während die verfügbaren Mittel nicht im gleichen Ausmass gewachsen sind.» Die Zusagerate sei «auf unter 20 Prozent gesunken».
Bei den Mitteln unterscheidet das Amt zwischen selektiver und gesamter Herstellungsförderung: Erstere stünden «seit mehreren Jahren mehr oder weniger stabil»; wegen der Teuerung bedeute dies «de facto eine rückgängige Entwicklung». Das gesamte Fördervolumen sei hingegen «von rund 20 Millionen Franken im Jahr 2012 auf 26,6 Millionen Franken im Jahr 2026 gestiegen». Zugleich wurden mehr Filme unterstützt: «von rund 60 Filmen im Jahr 2012 auf über 100 Filme im Jahr 2025».
Wie geht es dem Schweizer Film in Zukunft?
Die steigende Gesamtsumme bedeutet allerdings nicht, dass auch einzelne Produktionen besser finanziert sind. Samir sieht darin eines der zentralen Probleme der Schweizer Filmförderung: Besonders schwierig sei die Situation für Filmschaffende, die nach ihrem ersten Film den nächsten Schritt machen wollten. Während immer mehr Nachwuchskräfte an Filmschulen ausgebildet würden, stiegen die Fördermittel nicht im gleichen Mass.
Für viele fehle das Geld für den zweiten oder dritten Film. Auch etablierte Filmschaffende könnten immer weniger kontinuierlich arbeiten. Wenn jede Produktion aufs Neue um ihre Finanzierung kämpfen müsse, werde es schwierig, eine eigene Handschrift zu entwickeln – und langfristig auch die filmische Vielfalt zu sichern. Auf die berufliche Situation von Filmschaffenden angesprochen, erklärt das Bundesamt: «Das Bundesamt für Kultur verfügt über keine eigenen Erhebungen zur Einkommenssituation und zur Kontinuität der beruflichen Tätigkeit.»
Damit stellt sich schliesslich auch die Frage, welche Filme überhaupt gefördert werden. Samir kritisiert den Druck, möglichst «erfolgversprechende und populäre Produktionen» zu unterstützen. Erfolg lasse sich jedoch kaum vorhersagen. Als Gegenbeispiel nennt er Petra Volpes «Heldin», das Drama über den Arbeitsalltag einer Pflegefachfrau, das in der Schweiz rund 200’000 Eintritte erreichte. Der Film erzähle keine klassische Geschichte und versprühe keinen Glamour, sondern spiele «ganz einfach in der Arbeitswelt».
Für Samir zeigt dessen Erfolg, dass künstlerische Eigenständigkeit und Publikumserfolg kein Widerspruch sein müssen. Sein Fazit: «Aus 1000 Ideen entstehen 100 gute Drehbücher, daraus entstehen 10 Filme und davon wird 1 Film zum Hit. Dafür braucht es mehr Geld. So einfach ist das!»
Das Bundesamt für Kommunikation sagt zur Fördersituation: «Die Erfolgsaussichten eines Films sind kein eigenständiges Förderkriterium bei der selektiven Filmförderung.» Im Zentrum stünden «die Qualität und die Vielfalt der Projekte». Auch die Nachwuchsförderung sei vorgesehen: «Nachwuchsprojekte sind deshalb gemäss Verordnung besonders zu berücksichtigen.» Für Nachwuchsproduktionsfirmen beim zweiten oder dritten Projekt bestehe «neben dem Förderbeitrag Anspruch auf ein Coaching-Programm».
Ein gutes Kinojahr ist keine Trendwende
Sowohl Samir als auch das Bundesamt erkennen den Druck durch steigende Kosten und begrenzte Mittel an. Das Bundesamt verweist auf mehr unterstützte Filme und Förderkriterien für Qualität und Vielfalt. Samir kritisiert, dass die selektive Förderung an Kaufkraft verliert und kontinuierliches Arbeiten erschwert. Klar ist: Ein wachsender Kinomarkt allein kommt Schweizer Filmen nicht automatisch zugute.
Entscheidend ist in Zukunft, ob die Förderung vielfältige Projekte ermöglicht und Filmschaffenden eine Perspektive gibt. Ob die Mittel für die vom Bundesamt betonten Ziele Vielfalt und Nachwuchsförderung reichen, bleibt umstritten. Auch Verleiher müssen Schweizer Filme sichtbar machen und Kinos ihnen den nötigen Platz geben – damit sie jenseits der grossen Hits ihr Publikum finden.










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