
Gefängnisfilme zeigen meist, wie Gewalt weitergetragen wird, wie es kein Entkommen gibt, weil das System, dem ein Verbrecher, gelegentlich auch ein Unschuldiger, übergeben wird, selbst auch gewaltbereit ist. Ganz anders ist das nun bei Petra Volpe und ihrem englischsprachigen Debüt «Frank & Louis». Frank (Kingsley Ben-Adir) ist ein Mörder, da gibt es nichts zu beschönigen. Trotzdem mag er die Hoffnung nicht aufgeben, dass er dank guter Führung nicht ganz so lange im Gefängnis ausharren muss. Er nimmt an einem Programm teil, in dem sich jüngere Häftlinge um demente ältere kümmern. Louis (Rob Morgan) wird ihm zugeteilt. Meist weiss dieser nicht, wo er sich befindet, an sein Verbrechen kann er sich nicht mehr erinnern, oft wird er aggressiv, Frank wird zu Louis' Pfleger und zu seinem Ersatzsohn, es ist die Geschichte einer schmerzhaften Freundschaft.
Schon Petra Volpes «Heldin» war ein Film über Care-Arbeit, da begleiteten wir eine Krankenpflegerin um Atem ringend durch den höchsttourigen Stress ihrer Nachtschicht. «Frank & Louis» ist das Gegenteil davon. Ein Film aus dem Stillstand des Lebens. Ein Film, der sich Zeit nimmt für Trauer, für Mitgefühl und das Keimen von Liebe im Angesicht des Vergessens und des Todes.
Petra Volpe, nach Ihrer Komödie «Die göttliche Ordnung» wurden Sie im Spital-Thriller «Heldin» schon viel ernster, und jetzt in «Frank & Louis» noch mehr. Wieso so ernst?
Petra Volpe Ich werde bald zur Komödie zurückkehren. Aber ich bin keine Regisseurin, die sich auf ein Genre beschränkt, ich frage mich bei jeder Geschichte: Was ist der richtige Tonfall, das richtige Tempo, um sie zu erzählen? Vieles wird von den Figuren diktiert: Frank zum Beispiel ist ein sehr düsterer Charakter, verhärtet und zerstört vom System. Der Film erzählt, wie er dank der Care-Arbeit mit Louis wieder zum Menschen wird und etwas Leichtigkeit findet. Darüber habe ich während meiner Recherche mit vielen Inhaftierten gesprochen: wie sie durch die Fürsorge für andere wieder zu Weichheit und Mitgefühl gefunden haben.

Der Film ist in Zusammenarbeit mit realen Gefangenen, realen Mördern entstanden?
Petra Volpe Meine Co-Autorin Esther Bernstorff hat über das sogenannte «Gold Coats»-Programm in der California Men’s Colony, dem Gefängnis in San Luis Obispo, gelesen. Dort kümmern sich jüngere Häftlinge, die Gold Coats, um ältere mit Demenz oder Alzheimer. 2014 reiste ich mit meiner Kamerafrau Judith Kaufmann nach San Luis Obispo, wir führten erste Gespräche mit den Gold Coats, und ich spürte: Ich kann diese Geschichte erzählen. 2017 reiste ich wieder nach Kalifornien, diskutierte mein Script mit den Häftlingen, redete über jede Szene und sie halfen mir, das Drehbuch zu verbessern. Es ist wirklich in Zusammenarbeit mit ihnen entstanden. Später redeten Kingsley und Ben mit Ex-Gold-Coats.

Die Vorstellung, einem Verbrecher gegenüberzusitzen, hat etwas Bedrohliches. Wie habt Sie das als Schauspieler erlebt?
Kingsley Ben-Adir Mich hat die Vorstellung schon immer umgetrieben, wie es wohl ist, wenn man einen Grossteil seines Lebens hinter Gittern verbringen muss. Dann traf ich auf Menschen, die wirklich ein Verbrechen begangen hatten und im Gefängnis sassen, und war total beeindruckt. Denn trotz ihrer Schuld, trotz der Schwere ihres Lebens sind sie normale Menschen geblieben. Das andere schlummert jedoch konstant in ihrem Unterbewusstsein und beeinflusst alles. Unsere Gespräche auf Zoom waren leicht, informativ, offen, interessant, freundlich, sehr entgegenkommend und widersprachen jedem Klischee, das ich über Gefängnisinsassen hatte.
Das klingt nach einem wertvollen Erkenntnisgewinn...
Rob Morgan Ich redete mit einem Häftling, der zu 28 Jahren Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Er war wunderbar, sehr engagiert, eine tolle Persönlichkeit mit Würde, Humor, Aufmerksamkeit und Respekt für alles, was um ihn vorging. Ich dachte, verrückt, wie stark so ein Mensch sein kann, dass er sich in dieser Umgebung nicht unterkriegen lässt. Ich sagte: «Mann, 28 Jahre! Bist du sicher, dass die nötig sind?» Er sagte: «Ja.» Einfach so. Das war die Zeit, die er als angemessene Strafe betrachtete. Ich glaube nicht, dass ein durchschnittlicher Mensch zu dieser Auffassung fähig sein könnte.
Petra Volpe Der aufwühlendste Moment war für mich, als ich im Gefängnis zum ersten Mal einem Mann gegenübersass, von dem ich wusste: Das ist ein Mörder. Es gab keine Glasscheibe zwischen uns, wir sassen einfach da, ein Beamter stand in der Ecke, es war potenziell gefährlich, wir konnten einander riechen und spüren, doch im Gespräch war er einfach ein Mann mit einer Familie und einer Geschichte.
Und einer Schuld.
Petra Volpe Diese Komplexität hat mich interessiert. Es ist so leicht, einen Unschuldigen zu zeigen, der zu Unrecht verurteilt wurde, ihm zu vergeben und einen moralischen Standpunkt einzunehmen. Natürlich gibt es Unschuldige in den Gefängnissen, gerade in den USA. Aber es gibt auch Schuldige. Alle, die ich getroffen habe, hatten ein Verbrechen begangen. Sie hatten Menschen getötet. Aber ich traf sie an einem Punkt, an dem sie sich um andere kümmerten. An dem sie menschlich waren. Ich wollte nicht die Entmenschlichung zeigen, die von der Politik und in den Gefängnissen vorangetrieben wird und uns auch sehr viel über die gegenwärtige Gesellschaft lehrt. Ich wollte ihre Menschlichkeit in all ihrer Komplexität zeigen.
Sie hatten also Berge von Material recherchiert – wie haben Sie all das in Ihre Figuren übersetzt?
Kingsley Ben-Adir Ich versuchte, einen unterbewussten Mangel an Information zu füllen. Und zu verstehen, wie die innere Welt von Frank funktioniert und wie sie sich äussert. Wie viel und was davon zwischen «Action!» und «Cut!» schliesslich zum Vorschein kommt, weiss ich nie, das ist eine Art alchemistischer Vorgang. Und dann gab es ein paar ganz gefängnisspezifische Dinge, die mir die Häftlinge beigebracht haben, etwa, wie man sich bewegen muss, da ist man nämlich sehr eingeschränkt. Man muss sich unauffällig bewegen, man steht ständig unter Beobachtung, man schränkt sich ein.
Petra Volpe Man darf niemanden provozieren, man wird automatisch langsamer und ruhiger. Deshalb ist «Frank & Louis» auch viel ruhiger als «Heldin».
War es ein erklärtes Ziel, einen Anti-Gefängnisfilm-Gefängnisfilm zu machen?
Petra Volpe Das ist ein feministischer Film über Männer im Gefängnis. Natürlich ist ein Gefängnis ein Ort von toxischer Männlichkeit, von Gewalt, angehäuftem Testosteron, all das ist es. Aber wie ich gelernt habe, ist es auch ein Ort der Fürsorge, der Zärtlichkeit, Verletzlichkeit und Liebe. Da ist auch eine ganz andere Art Männlichkeit, von der wir im Kino viel mehr sehen sollten.
Die Opferseite geht mir jetzt fast ein bisschen unter.
Petra Volpe Die Männer, die ich getroffen hatte, erzählten mir, wie die Care-Arbeit ein Schlüssel zu ihrem eigenen Mitgefühl geworden war. Sie waren frustriert und selbstmitleidig ins Gefängnis reingekommen und hatten gelernt, sich um andere zu sorgen. Sie empfanden auch Mitleid für ihre Opfer und deren Familien. Der Film nimmt das Leid der Opfer von Gewaltverbrechen ernst und macht sie nicht kleiner, aber ein Mensch ist auch mehr als das Schlimmste, was er getan hat. Und selbst wenn wir nicht vergeben können, darf ihm die Menschlichkeit nicht abgesprochen werden.
«Heldin» trug viel zur Debatte um Care-Arbeit bei. Was erhoffen Sie sich von «Frank & Louis»?
Rob Morgan Ich glaube fest, dass dieser Film eine Debatte darüber eröffnen wird, dass wir mehr Empathie für unsere Brüder und Schwestern in den Gefängnissen haben sollten. Und vielleicht auch darüber, wie unangemessen und unmenschlich das amerikanische Justizsystem seine Strafen bestimmt. Ich habe mit einem Mann gesprochen, der als 15-Jähriger zu 100 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Das ist doch absurd!
Sie beide haben schon mit Regisseurinnen gearbeitet, die Namen reichen von Dee Rees bis Greta Gerwig …
Kingsley Ben-Adir … immer eine bessere Erfahrung!
Rob Morgan Alles ist besser als weisse Männer, die Welt könnte da in vielerlei Hinsicht inklusiver sein. Frauen und People of Color haben da noch viele, viele Hindernisse zu bewältigen.
Petra Volpe Es geht in grossen Schritten rückwärts. Seit Trump wieder an der Macht ist, gehen besonders die massiv teuren Projekte wieder alle an weisse Männer. Hollywood ist eine der konservativsten, sexistischsten und rassistischsten Industrien, die es gibt. Sie wird dominiert von Angst und der Gier nach Geld und Macht. Deshalb muss ich die Filme machen, die ich mache. Ich will die Hoffnung nicht aufgeben, dass wir damit etwas Gutes bewirken und das Bewusstsein und die Herzen von ein paar Menschen öffnen können.
«Frank & Louis» läuft ab dem 22. Oktober im Kino.


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