
Als Petra Volpe am Montagabend auf die Piazza Grande vors Publikum tritt, wird sie mit dem grössten und wärmsten Applaus der diesjährigen Festivalausgabe begrüsst. Die 56-Jährige Aargauerin von Welt feiert nicht nur die Europapremiere ihres neuen Films, sondern auch ein wenig ihre jüngsten Erfolge – «Heldin» war 2025 mit über 200 000 Eintritten der erfolgreichste Schweizer Film.
Über ihre Kindheit und Jugend im aargauischen Suhr spricht die Schweizerin, die über ihren Vater auch die italienische Staatsbürgerschaft trägt, oft herzlich selbstironisch. Sie sei ein «Italienerkind mit Brille» gewesen, von dem man auch in der Schule nicht allzu viel erwartet habe. Hinter diesen Worten steckt mehr als nur eine Hollywood-reife Verwandlungsgeschichte eines Underdogs.
Ein Gastarbeiterkind, das seinen Weg ging
1970 geboren, und das fast genau zwei Monate nach der fremdenfeindlichen Schwarzenbach-Initiative, steht ihre Kindheit im Schatten dieser polarisierenden Zeit, in der die Frage der Zuwanderung mit einem schwarz-weissen Ja oder Nein beantwortet wurde. Ihre Eltern, die Bäckerstochter und das italienische Gastarbeiterkind, wünschten sich für ihre Tochter, Petra Biondina, einen sicheren Berufsweg, etwa in der Gastronomie. Vielleicht hätte sie damit auch ein wenig den Traum ihres Vaters erfüllen können, der eine Pizzeria eröffnen wollte.
Doch Petra Volpe emanzipierte sich von dem, was die Gesellschaft und die Eltern in ihr sahen. Anfang der 1990er-Jahre studierte sie in Zürich an der F+F Schule für Kunst und Design, schärfte ihren Blick für Ästhetik und zog nach dem Abschluss nach New York City. Sie arbeitete zunächst als Filmeditorin und entschied sich dann für ein Studium in Dramaturgie und Drehbuch an der heutigen Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf.
Dort entstand 2001 ihr Kurzfilm «Crevetten», in dem sie bereits den Grundton ihrer späteren Erfolge vorwegnahm. Dort taucht sie in die Welt einer jungen Altenpflegerin ein, die sich in einem Pflegeheim mit einer Frau anfreundet.
Die Parallelen zu Volpes aktuellem und erstem englischsprachigen Film sind dabei nicht von der Hand zu weisen. In «Frank & Louis» begegnen sich zwei Häftlinge in einer ungewöhnlichen Situation: Im Rahmen eines Pflegeprogramms unterstützt Frank (Kingsley Ben-Adir) den ebenfalls inhaftierten älteren Insassen Louis (Rob Morgan), der an Alzheimer erkrankt ist.
Erster englischsprachiger Film
Das Drehbuch schrieb Volpe mit der deutschen Drehbuchautorin Esther Bernstorff. Die Geschichte basiert auf einem tatsächlich existierenden Fürsorgeprogramm in einem kalifornischen Männergefängnis. Volpe besuchte die sogenannten «Gold Coats» erstmals 2014 – und das Thema liess sie seither nicht mehr los.
So schnelllebig, wie die Filmbranche manchmal erscheint, so langwierig und komplex sind die eigentlichen Prozesse dahinter. Eine von Petra Volpes herausragenden Eigenschaften ist ihre Ausdauer. Nur durch ihre stetige Arbeit und den Glauben an ihre eigenen Fähigkeiten und Projekte konnte sich das Mädchen aus Suhr eine Karriere aufbauen, seine Themen immer wieder aus neuen Perspektiven beleuchten und schliesslich über Jahre hinweg entwickeln und weitertreiben, bis sie zur Realisation kommen.
Eine zweite, für den Regieberuf unumgängliche Eigenschaft ist Petra Volpes Genauigkeit. Jedem ihrer Film- und Drehbuchprojekte geht eine jahrelange Recherchephase voraus. Für ihr weihnachtliches Rotlichtmilieu-Drama «Traumland» von 2013 verbrachte Volpe viele Stunden in sozialen Anlaufstellen, meist frei stehenden Containern, in denen betroffene Frauen einen Tee trinken, zur Ruhe kommen oder das Gespräch mit Sozialarbeiterinnen suchen können.
Ihr Einsatz für Frauenrechte zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Arbeiten. Besonders erfolgreich war ihre historische Komödie «Die göttliche Ordnung», mit der sie erstmals für die Schweiz ins Oscar-Rennen ging. Der Film spielt 1971 und erzählt von einer Appenzeller Hausfrau, die für das Frauenstimmrecht kämpft und nach und nach die Frauen in ihrem Dorf für sich gewinnt. Auch hier recherchierte Volpe akribisch: Ihre Hauptfigur basiert auf einer anonymen Notiz über eine Hausfrau und Mutter jener Zeit, die sich emanzipierte und politisierte. Selbst das Setdesign wurde trotz knappem Budget möglichst authentisch gestaltet.
Teilweise flossen sogar ganze Sätze aus Volpes Recherchen in ihr Skript und später in die Filmdialoge. Volpe schrieb auch das Drehbuch der erfolgreichen SRF-Serie «Frieden», in deren ersten Folge eine programmatische Aussage den Ton für die gesamte Serie setzt, die nach Ende des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz spielt. In der Schweiz begänne der Krieg erst jetzt, heisst es da. Die Aussage entlehnt Volpe der Publikation «Politik und Wirtschaft im Krieg» des Berner Historikers Hans Ulrich Jost.
Es lässt sich kaum ein Projekt finden, für das Petra Volpe nicht die gründlichste aller Recherchen betrieben hätte. Das gilt auch für ihren jüngsten Erfolg «Heldin», in dem sie die nervenaufreibende Nachtschicht einer Krankenschwester zu einem packenden sozialen Drama-Thriller macht. Der Film ist dabei fast zu einem Anschauungswerk für die Probleme einer lange zu einseitig betrachteten Branche geworden. Fachkräfte aus dem Pflegeberuf, erzählt Volpe in Interviews, schauen den Film entweder, weil er ihre Realität so genau widerspiegelt – oder sie meiden ihn gerade deshalb.
Zutiefst humanistischer Ansatz
Die wichtigste Eigenschaft, die Petra Volpe in jede ihrer Arbeiten einbringt und tief im filmischen Handwerk verwurzelt sieht, ist die Empathie. Mit ihrem genauen Blick und dem Wunsch, auch in ihren Antagonisten den Schmerz und die Erfahrungen ihrer Lebenswelten sichtbar zu machen, bewegt sie sich zielstrebig durch Themenfelder, die nur allzu leicht zu didaktischen Lehrstücken werden könnten. Ihr Ansatz ist zutiefst humanistisch und richtet den Blick auf Themen, die oft unerwartet nah am Zeitgeist liegen.
So erschien «Die göttliche Ordnung» ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, als sich in den USA mit dem ersten Amtsantritt von Donald Trump Frauen erneut zusammenschlossen, um beim Women’s March gegen den Abbau ihrer Rechte zu demonstrieren. Auch «Heldin» kam zu einer kritischen Zeit, in der die Belastung der Gesundheitssysteme weltweit gross ist und deren Probleme angesichts des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels zunehmend schwer lösbar erscheinen. Volpe gelingt es dabei, in ihren Filmen die Brücke vom Konkreten bis ins Universelle zu schlagen.
Über ihren aktuellen Film sagt Volpe: «Die Geschichte ist universell, weil sie fragt, was uns menschlich macht. Ich glaube, es ist die Fürsorge füreinander.» Volpe verbindet die Ausdauer des Arbeiterkindes mit einer Sensibilität, die auch aus ihrer migrantisch geprägten Familiengeschichte erwachsen ist, und mit der Genauigkeit eines – man verzeihe die Plattitüde – Schweizer Uhrwerks.
Wenn Petra Volpe nun der Piazza Grande den Rücken kehrt, darf man davon ausgehen, dass sie längst an neuen Projekten arbeitet. Ein Nebensatz, den sie auf der Piazza fallen liess, gibt eine Ahnung davon, wohin ihr Blick geht. Das Kino, sagte sie, lasse uns Menschlichkeit spüren und verbinde uns. «Und genau das kann KI niemals.»



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