Kino

Warum kritische Filme über Musk und Zuckerberg plötzlich Probleme bekommen

In Locarno startet das Filmfestival, die Retrospektive gibt zu reden.  Die  berüchtigte Hollywood-Blacklist scheint unter dem Einfluss der Tech-Giganten wieder aktuell zu werden.
Jeremy Allen White und Mikey Madison in einer Szene von «The Social Reckoning». Das  Whistleblower-Drama über Mark Zuckerberg wird in Hollywood gedisst und erhält keinen grossen Festivalstart.
Bild: Imago

Dass Amerikas Traumfabrik auch Albträume hervorbringen kann, zeigte sich wohl nie deutlicher als zwischen 1947 und 1956. Die diesjährige Retrospektive des Locarno Film Festivals, «Red & Black – Hollywood Left and the Blacklist», richtet den Blick auf jene Filme und Filmschaffenden, die ins Visier des House Un-American Activities Committee (HUAC) gerieten: Jener Untersuchungsausschuss also, der Hollywood unter politischen Generalverdacht stellte.

Mit 51 Spiel- und Dokumentarfilmen zeichnet das von Ehsan Khoshbakht kuratierte Programm die Geschichte der berüchtigten Hollywood-Blacklist und ihrer Folgen nach.

Beginnt die Kommunistenhatz wieder?

Die Retrospektive wirft nicht nur einen neuen Blick auf ein düsteres Kapitel der Filmgeschichte, sondern lädt auch dazu ein, über heutige Formen politischer und wirtschaftlicher Einflussnahme auf das Filmschaffen nachzudenken.

Im begleitenden Podcast verweist Khoshbakht auf die Schriftstellerin und Drehbuchautorin Ayn Rand, die mit ihrem «Screen Guide for Americans» einen Leitfaden erstellte, wie vermeintlich kommunistische Propaganda in Hollywood-Filmen aufgespürt werden kann. Bis heute berufen sich Tech-Milliardäre wie Elon Musk, Peter Thiel und Sam Altman auf die Bücher der einflussreichen rechten Vordenkerin.

Kritische Filme haben es schwer

Und offenbar greifen sie nun – ganz im Sinne Rands – auch ein, wenn unliebsame Filme über sie selber erscheinen. Zumindest gibt es Beispiele, die Anlass dazu geben, das anzunehmen. Im Juni 2026 kam es in Hollywood zu einem bemerkenswerten Präzedenzfall.

Amazon MGM trennte sich überraschend von Luca Guadagninos neuem Film «Artificial». Das Comedy-Drama über Sam Altmans kurzzeitige Entlassung bei OpenAI im Jahr 2023 zeichnet ein wenig schmeichelhaftes Porträt des OpenAI-Chefs. Ob die Entscheidung im Zusammenhang mit der im Frühjahr beschlossenen, 50 Milliarden Dollar schweren Kooperation zwischen Amazon und OpenAI steht, ist nicht bekannt.

Keine Kritik an Mark Zuckerberg

Nach zwei turbulenten Wochen übernahm NEON den Film. Doch «Artificial» bleibt eine Weltpremiere an einem grossen Festival verwehrt. Der künstlerische Leiter der Mostra in Venedig, Alberto Barbera, sagte gegenüber The Hollywood Reporter, er hätte «Artificial» gerne den roten Teppich ausgerollt – NEON habe jedoch abgelehnt.

Ebenfalls keinen grossen Festivalstart erhält «The Social Reckoning». Aaron Sorkins inoffizielle Fortsetzung von «The Social Network» (2010) ist ein Whistleblower-Drama über Mark Zuckerbergs Facebook-Konzern, das auf Ereignissen aus dem Jahr 2021 beruht. Der für Oktober angekündigte Film hat bereits erste Trailer veröffentlicht; laut Barbera sei er nicht festivalreif, da im August 2026 Szenen nachgedreht würden.

Peter Thiels Sextapes kein Thema mehr

Andere Projekte bleiben in der Konzeptionsphase: «Gawker Killer», ein Projekt aus dem Produktionshaus von Matt Damon und Ben Affleck über den Skandal um Hulk Hogan und den von Peter Thiel finanzierten Rechtsstreit um Sex-Tapes, scheint nicht weiterentwickelt worden zu sein.

Wie schon zu Zeiten McCarthys fehlt es den Drehbuchautorinnen und -autoren, Regisseurinnen und Regisseuren sowie Darstellenden nicht am Mut, sich mit der Brolygarchy anzulegen. Sämtliche Projekte sind hochkarätig besetzt. Und es gehört zum Filmgeschäft, dass Projekte eingestellt, verschoben oder umgeschrieben werden.

Dennoch drängt sich der Verdacht auf, dass sich hier die Konturen einer neuen Form der Einflussnahme abzeichnen. Die Möglichkeiten von Produktionsfirmen und Rechteverwertern, ein Filmprojekt in bestimmte Bahnen zu lenken, sind vielfältig – geschieht dies aus Opportunismus oder gar aus vorauseilendem Gehorsam?

Schonung auch für Elon Musk?

Die diesjährige Retrospektive zeigt, wie schnell politische Kampagnen gegen vermeintliche Feinde der Gesellschaft das Filmschaffen prägen können – und welche Spuren sie bis in Produktionsentscheidungen, Finanzierungsmodelle und künstlerische Freiheiten hinterlassen.

Auch Darren Aronofsky, der in diesem Jahr mit dem Pardo d’Onore ausgezeichnet wird, könnte Teil dieser Erzählung werden. Sein 2023 angekündigtes Biopic über Elon Musk, das bei A24 entstehen sollte und auf dessen Biografie basiert, scheint vorerst aus dem Produktionskalender verschwunden. Vielleicht bietet Locarno die Gelegenheit, Aronofsky zu fragen, wann – oder ob – der Film auf die Leinwand kommt.

5.bis 15. August,

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)