
«Morde an Frauen werden im Wesentlichen von Männern verübt, das bedeutet aber nicht, dass Männer ständig Frauen töten», meinte Dieter Nuhr in seiner ARD-Sendung «Nuhr im Ersten». Natürlich sei jeder Femizid einer zu viel, aber es gebe in Deutschland ja Millionen von Männern: «Die Wahrscheinlichkeit, in einer Beziehung auf einen Frauenmörder zu treffen, ist praktisch null.»
Dann folgte die Pointe: «Zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr einmal kennenlernt.»
Das Publikum lachte. Das Internet? Nicht so sehr.
Humorlose Gesellschaft oder peinlicher Spruch?
Der Shitstorm folgte sogleich. «Der Mann, der seit Jahren sagt, man dürfe nichts mehr sagen, hat wieder etwas gesagt, und es wäre besser gewesen, er hätte es nicht sagen dürfen», schreibt jemand in einem Kommentar.
Ein anderer User meint: «Nuhr war mal lustig, aber jetzt ist er der Onkel, der bei jeder Familienfeier für Fremdscham sorgt.» Und in einem weiteren Kommentar heisst es: «Nuhr präsentiert uns einen Stammtischhumor aus den 70er-Jahren als Satire.»
Abgesehen davon, dass er den «leichtsinnigen» Frauen fröhlich die Schuld in die Schuhe schiebt, liegt er auch schlicht falsch: Die meisten Femizide werden nicht von Zufallsbekanntschaften oder One-Night-Stands verübt, sondern von langjährigen Partnern und Ehemännern.
Konsequenzen muss der 65-Jährige aber wohl keine fürchten. Gegenüber watson teilt ARD mit: «Dass die zitierte Passage auf grosse Kritik stösst, können wir nachvollziehen. In Satireformaten gilt es jedoch auch, die künstlerische Freiheit zu achten.»
Nuhr selbst meldet sich knapp auf Facebook: «Habe ich nicht. Kein Witz über Femizide, nirgends.»
Auch Nuhrs Fans finden: «Dass das Satire ist und nicht immer ganz ernst genommen werden muss, sollte einem klar sein.»
Stimmt. Satire darf eigentlich alles. Allerdings wird sie oft genutzt, um Missstände in der Gesellschaft humorvoll anzuprangern und gegen die Obrigkeit auszuteilen.
Ironie des Schicksals: Nuhr will klagen
Scheinbar ist Nuhr nun aber doch nicht ein ganz so grosser «Wird man ja wohl noch sagen dürfen»-Fan. Denn jetzt droht der Satiriker dem «Standard» mit einer Klage. Weil die österreichische Zeitung einen kritischen Meinungsartikel über ihn veröffentlicht hat.
Von der Produktionsfirma «Nuhr TV GmbH» heisst es, dass sein Thema nämlich gar nicht die Opfer seien, sondern «die Sprache, mit der heute pauschale Vorurteile gesellschaftsfähig gemacht werden».
Und weiter: «Herr Nuhr greift dabei eine konkrete publizistische Denkfigur auf, die das individuelle Zusammenleben mit einem Partner zur statistischen Bedrohung erklärt und damit sämtliche Männer unter Generalverdacht stellt.»
Übersetzt: Nuhr hat keinen Witz über Femizide gemacht.
Richtig. Aber die Pointe waren Frauen, die es sich quasi selbst zuzuschreiben haben. Im Allgemeinen bezeichnet man das als Täter-Opfer-Umkehr – oder auf Englisch: Slutshaming vom Feinsten.

So einen Spruch rauszuhauen, während Debatten um Gewaltverbrechen an Frauen an der Tagesordnung sind, war wohl auch schlichtweg nicht die beste Idee.
Die «Standard»-Chefredaktion kontert trocken gegen die angedrohte Klage: «Die Meinungsfreiheit, die Dieter Nuhr in der Vergangenheit oft selbst gefährdet sah, gilt natürlich auch für Kommentare und journalistische Meinungsbeiträge, die nicht seiner Meinung entsprechen.»
Ein Instagram-User hat dann noch den besten Tipp: «Vielleicht sollte Herr Nuhr die Autorin (des «Standard»-Artikels) einfach erst mal kennenlernen, bevor er sie verklagt.»
In der Schweiz gibt es keine offizielle Statistik, die Femizide explizit erfasst. Laut der Kriminalstatistik des Bundes stiegen die schweren Gewaltstraftaten 2025 auf 2654 Fälle an. Von den 55 «vollendeten Tötungsdelikten» waren 32 Opfer weiblich (58,2 %). Besonders betroffen sind Frauen in häuslichen Kontexten: 74 % der Opfer waren weiblich. Mehr als die Hälfte dieser Taten (61,8 %) wurden durch (Ex-)Partner oder Familienmitglieder verübt.



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