Faschismus

«Die NSDAP hat sich besser getarnt als die AfD» - Aktivist Philipp Ruch sieht braun

Der Schweizer Weimarforscher und Aktionskünstler in Berlin, Philipp Ruch warnt unser Land vor dem Faschismus. Sein neues Buch «Der Rückfall» wirft Fragen auf.
Philipp Ruch am 16. Juni 2016 in Aktion. Sein «Zentrum für politische Schönheit» hat die Überreste  im Mittelmeer ertrunkener syrischer Flüchltingsfrauen nach Berlin geholt, um ihnen ein ehrendes  Begräbnis auszurichten.
Bild: Sean Gallup/Getty

Das Gespräch mit dem kontroversen Schweizer Politaktivist ist brisant.  Er erklärt, wieso die NSDAP damals die AfD heute ist. Und weshalb durch Alice Weidel als Vorhut der deutsche Faschismus die Schweiz militärisch angreifen wird.

«Am 14. September 1930 wurde eine kleine völkische Sekte von Spinnern und Rechtsextremen zu einer Grossmacht», schreiben Sie in Ihrem Buch «Der Rückfall». Doch der Erfolg der Nazi sei weitgehend unerklärlich. Das ist eine steile These!

Philipp Ruch: Der Clou ist, bis 1930 weiss der Grossteil der Deutschen, wofür Nationalsozialismus steht und dass er nicht nur seine Gegner, sondern auch die gesamte politische Elite des Landes ermorden will. Wegen dieser Barbarei werden die Nazis 1928 als «Keulenschwinger» verachtet und landen mit 2,63 Prozent der Stimmen unter «Sonstiges». Alles deutet darauf, dass die Partei bei der Wahl 1930 krachend scheitert. Aber sie wird zweitstärkste Partei.

Sie wollen die geläufigen Erklärungsmuster für den Erfolg der Nazi widerlegen. Den Führerkult, die Propaganda und so weiter. Eine Antwort auf das Phänomen Hitler geben Sie nicht. Ist das nicht ein bisschen dünn?

Man könnte meinen, beim Nationalsozialismus handelt es sich um das besterforschte Ereignis in der Geschichte der Menschheit. Aber die Frage, was die Ursache für den Erfolg der NSDAP 1930 ist, ist heute völlig offen. Es ist wichtig, diese Frage zu öffnen, denn wir haben sie mit Mythen und Scheinerklärungen wegerklärt, die sich die Nazis teilweise ausgedacht haben.

Am 26. Juli in Weissenfels (Anhalt-Sachsen): Die AfD will am 6. September die stärkste Macht im Landesparlament werden.
Bild: Jens Schlüter/Getty

Sie zitieren den Kabarettisten Philipp Simon, der über die AfD in Sachsen-Anhalt sagt: «Flächendeckende Unwissenheit ist der Grundstein für den Faschismus.» Ist das Ihr Link zur Gegenwart?

Das Muster für den Aufstieg der NSDAP ist zumindest vergleichbar. Jahrzehntelang war sich die Forschung einig, die Weltwirtschaftskrise habe die Nazis an die Spitze befördert. Aber wir haben heute keine Wirtschaftskrise und die AfD steht in zwei Bundesländern kurz vor der absoluten Mehrheit. Mein Buch «Der Rückfall» macht den ersten tieferen Schritt, um zu zeigen, dass an unseren Annahmen etwas nicht stimmt.

Ihr «Wir», das Sie benutzen. Wer ist das?

Das ‹Wir› bezeichnet die wissenschaftliche Gemeinschaft. Amerikanische Historiker wie William Sheridan Allen oder Peter Fritzsche, die Koryphäen der Weimarforschung, schreiben immer in diesem Wir. Doch der Schwerpunkt der Forschung liegt heute auf dem Dritten Reich und Hitlers Machtübergabe. Wir wissen erschreckend wenig über die Jahre 1928 bis 1930. Das ist die Zeit, in der die NSDAP kometenhaft aufsteigt. Mein Buch wandert um diese Forschungslücke und staunt. Es bedarf aber noch viel mehr Klugheit als meiner Wenigkeit, um zu verstehen, was wir da eigentlich sehen.

Weissenfels (Sachsen-Anhalt) am 26. Juli 2026: Die AfD wirbt für sich mit Parolen, die an die NSDAP erinnern.
Bild: Jens Schlüter/Getty

Weshalb erwähnen Sie in Ihrer Schrift die AfD mit keinem Wort? Die Nähe der Parteien ist unwiderlegbar.

Weil es um etwas Größeres geht. Nach dem Wahlerfolg der NSDAP im September 1930 geht das Wissen um das Antizivilisatorische der Partei verloren. Deshalb heisst das Buch der «Rückfall», es siedelt an dieser Bruchstelle. Es geht im Kern um den Verlust eines natürlichen Empfindens, einer Art Abscheu, gegenüber einer rassistischen Partei. Wir müssen beginnen zu verstehen, was wir nicht verstehen.

Kein Verantwortungsgefühl, aus Ihren Thesen fürs Heute Schlüsse zu ziehen?

Natürlich lege ich mir diese Frage vor. . .

… nach fast 400 Seiten im «Epilog» …

Auch davor. Hätten wir heute eine intellektuell befriedigende Erklärung für den Aufstieg des Nationalsozialismus, hätten wir auch eine für Trump oder den Aufstieg der AfD. Und damit hielten wir womöglich endlich auch etwas in Händen, das sie effektiver bekämpft. Die ganzen Demos in Deutschland gehen mir auf den Keks. Als könnte man Faschismus wegdemonstrieren.

Wahlwerbung der NSDAP in Berlin in den 1930er-Jahren.
Bild: Alamy

Sie fordern ein Verbot der AfD. Auch die NSDAP wurde nach dem Hitler-Putsch 1923 verboten. Wieso soll ein Verbot der neuen Faschisten zielführender sein?

Naja, der Vergleich trägt nur, wenn die NSDAP 1930 verboten worden wäre – nachdem sie bei Wahlen hypererfolgreich ist. Der Blick der Menschen von 1930 auf die NSDAP ist derselbe wie der Blick auf unsere heutige NSDAP…

Die AfD ist kongruent zur Partei Hitlers?

Die AfD fordert die Hinrichtung der politischen Elite Deutschlands – wie die NSDAP. Die AfD möchte Ausländer massenhaft abschieben und die Vergabe deutscher Staatsbürgerschaften annullieren. Sie finden beides im 25-Punkte-Programm der NSDAP aus dem Jahre 1920, fast wortgleich. Der einzige Unterschied ist vielleicht: Die NSDAP hat sich wesentlich besser getarnt als die AfD. Mir ist unklar, warum die Schweiz es zulässt, dass sich eine demokratiefeindliche Parteianführerin in die Schweiz zurückzieht. Ihr Queer-sein ist ein bisschen wie der Ausländer Hitler, der über «sein» deutsches Volk faselt. Am Ende wird der deutsche Faschismus die Schweiz militärisch angreifen. Im Gegensatz zu Hitler wird sich eine AfD-Regierung nicht von ein paar Bergen abschrecken lassen.

Mir scheint der Vergleich verharmlosend. Negieren Sie nicht, dass wir heute schärfere demokratische Instrumente haben, die das verhindern können?

Wir kennen nur die NSDAP nach 1933 und halten Vergleiche deshalb für falsch. Aber wir müssen die AfD mit der NSDAP vor 1933 vergleichen. Da verharmlost die NSDAP eher die AfD. Hitler und Goebels hatten wenigstens panische Angst vor der Staatsmacht und wollten ein Verbot ihrer Partei mit allen Mitteln verhindern. Führende AfD-Politiker verkünden öffentlich, alle anderen Parteien abschaffen zu wollen. Die deutsche Verfassung sieht die Möglichkeit vor, Parteien zu verbieten. Doch wo ist der Elan der Politik, das zu tun?

Wird die AfD am 6. September in Sachsen-Anhalt die Macht übernehmen?

Ich rechne nicht damit. Aber wir spielen mit dem Feuer! Wenn eine deutsche rechtsextreme Partei einmal die Macht hat, wird sie sie nicht mehr hergeben. Ich sehe nicht, wer sie stoppen würde. Es wird wie bei Hitler laufen: Alle werden sich vor ihr in den Staub werfen, selbst Chamberlain wollte Hitler 1938 als vernünftigen Staatsmann feiern, statt als den österreichischen Rechtsextremisten, der er war.

Philipp Ruch: Der Rückfall: Der rätselhafte Triumph der NSDAP am 14. September 1930. Heyne-Verlag 2026.

Berlin, ca 1924: Die NSDAP wird 1923 zwar landesweit verboten, doch ihre Aktivitäten schränkt sie nur bedingt ein.
Bild: Roger Viollet/Getty

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