Reportage

Hitler soll «ins Museum einrücken»: So will die AfD die Kulturpolitik umkrempeln

Im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt könnten die Rechten schon bald regieren. Der Kultur räumen sie hohe Bedeutung ein, denn sie soll einen Zweck erfüllen: die Deutschen wieder stolz zu machen.

Deutscher als Querfurt kann ein Ort kaum aussehen. Eine mittelalterliche Burg dominiert das Bild des Städtchens, das mit seinen knapp 10’000 Einwohnern weder dörflich noch urban wirkt: Provinz in einem Land der Provinzen, das nie eine beherrschende Metropole hatte.

Hier lebt ein Mann, der das deutsche Kulturleben deutscher machen will: Hans-Thomas Tillschneider, 48, der bildungspolitische Sprecher der sachsen-anhaltischen AfD. Anfang September wählt das ostdeutsche Bundesland einen neuen Landtag, wobei Tillschneiders Partei um die 40 Prozent gewinnen könnte. Näher daran, sein Programm umsetzen zu können, war noch kein AfD-Kulturpolitiker.

Zum vereinbarten Zeitpunkt erscheint Tillschneider nicht. Er habe zwar gewusst, dass er eine Verabredung habe, doch habe er seine eigene Handschrift im Terminkalender nicht mehr lesen können, erklärt er am Telefon. Aber in zehn Minuten könne er da sein, allerdings «etwas legerer» gekleidet; fotografiert werden wolle er nicht.

Heute, so klagt der AfD-Mann, werde das Deutsche verschwiegen

Zwanzig Minuten später trifft der bärtige, kahlköpfige Politiker in T-Shirt, Shorts und Sandalen vor seinem Wahlkreisbüro im Zentrum von Querfurt ein. Für sein Versäumnis entschuldigt sich Tillschneider nicht. Das passt zum neuen, hemdsärmeligen Selbstbewusstsein der AfD: Im Grunde braucht die Partei keine Journalisten mehr; eher brauchen traditionelle Medien die AfD, um Aufmerksamkeit zu generieren.

Das Parteibüro ist eine merkwürdige Mischung aus kleinbürgerlichem Wohnzimmer und Studierstube: In dem dunklen, kühlen Raum stehen schwere Holzmöbel, mehrere Samoware und Flaschen mit Hochprozentigem; an den Wänden hängt eine Reproduktion von Arnold Böcklins «Toteninsel», auf den Regalen stehen Bücher. Tillschneider spricht auch von einer «Volksbibliothek».

Er habe sich bewusst in diesem abgelegenen Winkel im Süden des Bundeslands niedergelassen, sagt er auf Nachfrage: «Hier ist es schön deutsch.» Weimar, wo Goethe und Schiller gelebt hätten, sei nicht weit, aber auch Schnellroda sei in der Nähe. Der offensive Hinweis auf das Dorf in der Nachbarschaft, in dem der rechtsextreme Verleger Götz Kubitschek auf seinem Rittergut lebt, ist charakteristisch für Tillschneider: Dass er am rechten Rand seiner Partei steht, will er gar nicht verbergen. Der Verfassungsschutz sieht ihn als Extremisten – und beobachtet ihn.

Sollte Tillschneiders Partei regieren, könnte er für die Kultur zuständig sein. Wer Fördergelder bekommen wolle, so heisst es im AfD-Programm, solle «einen Beitrag zu deutscher Identitätsfindung» leisten. Für «antideutsche Kunst» werde es dagegen keine staatlichen Mittel mehr geben, sagt Tillschneider und nennt ein AfD-kritisches Theaterstück, aber auch eine «feministische» Opern-Inszenierung als Beispiele.

Lieber scheint er sich allerdings als Ermöglicher zu sehen. So wolle er etwa ein «Festival des deutschen Liedes» einführen, auf dem nicht nur patriotisches Liedgut gepflegt werden solle, «sondern alles vom Arbeiterlied über Schuberts ‹Winterreise› bis zum deutschen Kirchenlied». Man werfe ihm vor, das Deutsche zu sehr zu betonen. «Aber heute wird das Deutsche verschwiegen, sodass jede Nennung übertrieben erscheint.»

Zuerst will er die Macht erlangen, dann das Kulturleben verändern

Mehr Bismarck, weniger Hitler, so fassen Tillschneiders Kritiker sein Programm gern zusammen. Das deutsche Kaiserreich und alles, was davor liegt, soll eine grössere Rolle spielen, was nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs folgt, eine kleinere. Nicht, dass die AfD die Verbrechen der Nationalsozialisten leugnen würde. Schulen, Museen, Theater und Universitäten sollen sich aber weniger damit beschäftigen.

Wie viele Rechtsradikale spricht Tillschneider von einem «Schuldkult», der um das Dritte Reich betrieben werde. Als sein Vorbild nennt er Ernst Nolte, den Historiker, der sich in den Achtzigerjahren durch seine These, die Naziverbrechen seien eine Reaktion auf Stalins Terror gewesen, in Fachkreisen isolierte. «Vergangenheit, die nicht vergeht», wie Nolte sich ausgedrückt habe, solle «endlich ins Museum einrücken».

Ein Name, der immer wieder fällt, wenn von den kulturpolitischen Plänen der AfD die Rede ist, ist der eines italienischen Kommunisten: Antonio Gramsci. Dessen Konzept der kulturellen Hegemonie, die zunächst erringen müsse, wer die politische Macht übernehmen wolle, scheint gar zu gut zu passen. «Für die Altparteien ist die Kultur ein kleiner Bereich der Politik, für uns ist die Politik ein kleiner Teil der Kultur», sagt Tillschneider. «Nur wegen der Kultur kann ich sagen: ‹Ich bin Deutscher.›»

Gramscis vielzitiertes Wort aus den Dreissigerjahren wolle er sich dennoch nicht zu eigen machen, und das nicht nur, weil es ihm zu abgedroschen sei: «Wir wollen erst die Macht erlangen und dann die Kultur ändern, nicht umgekehrt.» Sein Buch über Kulturpolitik, das demnächst erscheint (Untertitel: «Wie es ist, deutsch zu sein»), habe er bewusst «aus einer Ministerperspektive» geschrieben.

Die Sehnsucht nach dem Fremden brachte ihn nach Damaskus

Tillschneider hat zwei Gesichter: Er ist Pöbler und Intellektueller. In sozialen Netzwerken beschimpft er, der wie viele AfD-Leute Sympathien für Wladimir Putin hegt, Andersdenkende als «Ukraine-Wixxer». Als Wissenschafter wurde Tillschneider promoviert und habilitierte sich.

Bis heute fährt er jedes Semester für einige Wochenenden nach Bayreuth, um an der dortigen Universität ein Seminar zum islamischen Recht abzuhalten. Die Teilnehmer seien vor allem Syrer, denn deutsche Studenten strengten sich meist nicht mehr genug an, um klassische arabische Texte im Original lesen zu können.

Seine Zeit als Sprachstudent in Damaskus sei die schönste seines Lebens gewesen, erzählt Tillschneider. Er wirkt dabei wie ein Romantiker, der sich gegen die Entzauberung der Welt auflehnt: Dass er Islamwissenschaft studiert habe, sei seiner Sehnsucht nach dem Fremden geschuldet gewesen. Das Fremde müsse aber fremd bleiben.

Einer, der unter einer AfD-Regierung womöglich um seinen Posten fürchten müsste, ist Kai Langer, der Direktor der Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt. Sieben Gedenkstätten betreibt die Stiftung im Land, darunter ehemalige Konzentrationslager, aber auch ein früheres Gefängnis der DDR-Staatssicherheit. Der Stiftungsrat werde zur Hälfte von den Ministerien besetzt, sein Vorsitzender vom Kulturministerium ernannt, sagt Langer am Telefon. Darüber, was eine AfD-Regierung für seine berufliche Zukunft bedeuten könnte, wolle er nicht spekulieren.

Will die AfD einen Schlussstrich unter die Nazizeit ziehen?

Die AfD, so erklärt der Historiker, rede von «Vergangenheitsbewältigung». Das sei ein Wort, das in den Siebzigerjahren in der Bundesrepublik aufgekommen sei. «Man kann die Nazi-Vergangenheit aber nicht bewältigen, man muss sich kritisch damit auseinandersetzen.» Die AfD aber wolle, dass die Deutschen ungebrochen stolz auf ihre Geschichte sein könnten. «Wir als Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt eignen uns aber nicht als Ressource für patriotischen Stolz», sagt Langer.

Das gilt aus Sicht der Partei paradoxerweise auch für eine Einrichtung, die zur weltweiten Anziehungskraft Sachsen-Anhalts einiges beiträgt: das Bauhaus in Dessau, wo Künstler und Architekten um Walter Gropius nach dem Ersten Weltkrieg einen klaren, schnörkellosen Stil entwickelten, bevor die Einrichtung im Sommer 1933 unter dem Druck der Nazis dichtmachte.

Tillschneider will die überragende kulturhistorische Bedeutung des Bauhauses gar nicht bestreiten, doch auf die Frage, ob es nicht auch Schönes hervorgebracht habe, antwortet er: «Es hat Hässliches und weniger Hässliches hervorgebracht.» Vor allem aber habe Gropius einen neuen Menschen schaffen wollen, und das sei links. Geblieben sei ein «globalistischer» Einheitsstil, sodass die Häuser heute überall auf der Welt gleich aussähen.

Barbara Steiner findet diese Sichtweise «sehr holzschnittartig». Die Kunsthistorikerin ist Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau. «Noch dazu», so klagt sie, «konstruiert Tillschneider eine Kontinuität, so als würde das Bauhaus heute überall weisse Kuben in die Landschaft setzen.»

Tatsächlich sei das Bauhaus immer Gegenstand ideologischer Auseinandersetzungen gewesen und dabei sowohl glorifiziert als auch verteufelt worden. In der frühen DDR habe es etwa als formalistisch und dekadent gegolten. «Eine solche Sichtweise ist von dem, was wir heute aus der AfD hören, gar nicht so weit entfernt.»

Einige Bauhäusler wurden Nazis, andere in den Lagern ermordet

Politisch festgelegt sei das Bauhaus nie gewesen, sagt Steiner. Der Vorwurf des Bolschewismus, der noch immer zu hören sei, greife zu kurz. Der dritte Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe habe sich später den Nazis angedient, und der Bauhäusler Fritz Ertl sei sogar für den Hochbau im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zuständig gewesen. Andere Bauhaus-Angehörige seien in den Lagern der Nazis ermordet worden.

Wie es mit dem Bauhaus weitergeht, werden die nächsten Jahre zeigen: Finanziert wird das Museum vom Land Sachsen-Anhalt und der Stadt Dessau, aber auch von der deutschen Bundesregierung. Das Land könnte seine Mittel im Fall einer AfD-Regierung kürzen, und 2028 wählen die Dessauer einen neuen Oberbürgermeister.

Barbara Steiner pflegt einen differenzierten Blick auf die AfD, vielleicht auch, weil sie als Österreicherin schon Rechtspopulisten als Amtsträger erlebt hat. Als Direktorin des Kunsthauses Graz habe sie mit einem FPÖ-Kulturpolitiker im Aufsichtsrat zusammengearbeitet, der sich durchaus konstruktiv verhalten habe, auch wenn sie nicht genau wisse, warum. «Auch die AfD ist nicht monolithisch», sagt sie. Tillschneider arbeite sich an der Moderne ab, doch andere AfD-Leute sagten ihr, sie hätten nichts gegen das Bauhaus und schätzten sie, Steiner, persönlich.

So scheint eine gewisse Normalisierung der Partei, die von ihren Gegnern beklagt wird, selbst im Kulturbetrieb einzusetzen. Es herrscht Anspannung, aber keine Angst. Weichen werde sie einer AfD-Regierung nicht, sagt Barbara Steiner. Dieses Jahr beginne ihre zweite Amtszeit in Dessau. «Und die nächsten fünf Jahre will ich nutzen, um für das Bauhaus zu werben.»

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