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War Odysseus ein Held oder ein Dummkopf?

Kann man versagen und trotzdem ein Held sein? Hat es die Stadt Troia wirklich gegeben? Christopher Nolans Kinohit im Faktencheck: Was ist Fiktion, was geschichtlich gesichert an der Odyssee?

Christopher Nolans «Odyssee» ist das Kinoereignis des Jahres. Doch was vom Dargestellten ist «wahr»?

Gab es Odysseus – und hat er sich das mit dem Pferd wirklich ausgedacht?

Die Sachlage ist einfach – und dann doch wieder nicht. «Ilias» und «Odyssee», die berühmten Texte Homers, sind Fiktion. Erfunden. Aber die Geschichten beruhen doch auf tatsächlich passierten Ereignissen? Irgendwie. Die Art und Weise, wie Homer erzählt, lässt zwingend darauf schliessen, dass zu seiner Zeit die Story als eine mächtige Erinnerung in der griechischen Welt präsent war – und blieb. Die «Ilias» handelt nur von einer kurzen Episode des Troianischen Krieges («Der Zorn des Achilleus») und in der «Odyssee» werden die sogenannten «Abenteuer» des Odysseus vornehmlich in der Rückblende und als Erzählung (meist durch Odysseus selbst) präsentiert. Homers Hörer und Leser «kannten» die Geschichte.

Hat es Troia wirklich gegeben?

Ja. Bereits im Altertum «wusste» jedermann, dass Troia in der Nähe der Dardanellen liegen musste. Es gab auch eine Art «Troia-Tourismus». Unter dem Hügel «Hissarlik» sollten die Überreste liegen. Im 19. Jahrhundert griff der steinreiche Kaufmann und Hobby-Archäologe Heinrich Schliemann zum Spaten  und legte wirklich eine stadtähnliche Siedlung frei.   Dann stocherte er in den Ruinen der Burg von Mykene herum und wurde auch wieder fündig. Seither – spätestens seither – nimmt man an, dass die Epen Homers von der Bronzezeit erzählen.

Hat der Troianische Krieg stattgefunden?

Vielleicht. Aber kaum so, wie Homer ihn erzählt. Die «Ilias» erzählt vom Troianischen Krieg, der Belagerung einer Handelsmetropole durch ein griechisches Expeditionsheer, ausgelöst durch den Streit um Helena, der damals schönsten Frau der Welt. Sie wurde vom troianischen Prinzen Paris ihrem Gatten Menelaos, dem König von Sparta, geraubt.

Die «Ilias» bringt eine lange Liste der teilnehmenden Städte und Orte. Offenbar wollten alle dabei gewesen sein. Aber der gemeinsame Kriegszug gegen Troia ist historisch wohl eher als eine Art prähistorische Wikingerfahrt denkbar. Möglichst viel Raubgut, Beute und Frauen zusammenzuraffen, war das Hauptziel. Aber die Verbrämung durch die edle Absicht, gemeinsam die Beleidigung eines der Ihrigen zu rächen, macht sich gut.

Hat Odysseus wirklich gelebt?

Vielleicht, aber dafür gibt es keine historischen Belege. Odysseus, wie man ihn dann kannte, ist eine literarische Figur. Homer schildert ihn eher als eine Figur seiner Zeit denn als einen Helden aus grauer Vorzeit. Zwischen den Ereignissen, von denen Homer berichtet, und seiner Zeit, in der er schreibt, liegen mindestens 400 bis 500 Jahre. Der Historiker Raimund Schulz hat in seinem Buch «Odysseus – Mythos und Wahrheit» gewissermassen die Taschenlampe umgekehrt: Die «Odyssee» sagt uns mehr über die Zeit, in der Homer schrieb, als über jene, in der Odysseus gelebt haben soll. Statt in der Bronzezeit stehen wir also im 8./7. Jahrhundert v. Chr.

Okay. Aber wie wird er als literarische Figur dargestellt? War Odysseus wirklich ein König?

Homer stellt sich die mykenische Bronzezeit vor mit ihren Burgen (Mykene, Pylos, Tiryns etc.). Das waren wahrscheinlich zentral organisierte Herrschaftssysteme. Die Herrscher nannten sich selbst «wanax». Odysseus ist ein «Basileus», das gemeinhin als «König» übersetzt wird. Das vermeidet Schulz, weil Odysseus kein Reich hat, sondern ein Landwirtschaftsgut, griechisch «oikos». Er ist ein lokaler Grossgrundbesitzer und verhält sich anders als ein Monarch, dessen Autorität per Überlieferung gegeben ist. Er muss sich dauernd bewähren und behaupten.

Das Griechenland des 7./6. Jahrhunderts v. Chr. war vergleichbar mit dem «Wilden Westen». Die entscheidenden Figuren waren Grossbauern, harte Gesellen, mit denen nicht zu spassen war. «Viehraub, Betrug und Totschlag waren an der Tagesordnung, Gewalt gehörte zur legitimen Praxis …», schreibt Schulz. Einem solchen Grossbauern, einem Basileus, war Odysseus nachgebildet.

Erzählt Homer die Abenteuer so, wie Nolan sie im Film zeigt?

Nein. Und das ist ein entscheidender Unterschied. In der «Odyssee» geht es keineswegs gleich los mit den Abenteuern und Irrfahrten. Die ersten Gesänge handeln von Ereignissen in der Heimat. Odysseus’ Frau Penelope wird von Freiern umlagert, sein Sohn Telemachos wird von der Göttin Athene zu Erkundungsfahrten nach dem verschollenen Vater angehalten.

Erst im fünften Gesang tritt Odysseus auf. Er möchte weg von der Nymphe Kalypso und baut sich ein Floss. Damit strandet er beim Volk der Phäaken.

Dort erzählt Odysseus in den Gesängen 6 bis 12 von seinen bisherigen Abenteuern auf dem Meer, in der Ober- und der Unterwelt. Nolans Film hingegen erzählt «chronologisch», folgt inhaltlich dem, was Homer Odysseus erzählen lässt, ziemlich treu, für den Zuschauer im Kino gibt er aber als Realität aus, was eigentlich nur in der Schilderung von Odysseus existiert. Die Phäaken-Episode kommt im Film nicht vor.

Warum zogen die Troianer das Pferd überhaupt in die Stadt?

Homer erklärt es nicht. Es steht nirgends, warum die Troianer so dumm gewesen waren, das Pferd in die Stadt zu hieven. So können Altphilologen und Althistoriker heute noch rätseln, was die Troianer zu dieser Torheit gebracht hat.

Erst Vergil, der Nachdichter in der «Aeneis», wusste es etwas besser und lässt Laokoon, den später die Schlangen erwürgen, eine Standpauke halten: «Sic notus Ulixes?» – So schlecht kennt ihr Odysseus? – und zum Pferd: «Quicquid id est, timeo Danaos et dona ferentes.» – Was es auch immer sei, ich fürchte die Griechen, auch wenn sie Geschenke bringen. Aber auch Vergil liefert keine befriedigende Erklärung.

Stecken hinter Odysseus’ Seereisen reale Erfahrungen der Griechen?

Sehr wahrscheinlich – nur nicht unbedingt die Reisen eines Mannes namens Odysseus. Odysseus ist neben seiner Hauptbeschäftigung als Viehräuber und Pirat ein neugieriger Mensch. Und das hat seine Parallele in der Expansions- und Gründungsmentalität der Zeit.

Typen wie Odysseus fuhren übers Meer und gründeten rund ums Mittelmeer griechische Kolonien. Abenteuer und Kolonialismus gehörten schon immer zusammen. Die Griechen beginnen, rund ums Mittelmeer eine Rolle zu spielen. Sie fahren auf See, treiben Handel, gründen Kolonien – und entwickeln gegenüber «den Fremden» eine eigene Identität. Dazu brauchen sie einen Mythos, dessen Handlung und Personal weit zurück in der Vergangenheit liegen, aber mit einer Motivationsstruktur der einzelnen Handlungen, die den aktuellen Zuhörern einleuchtet und ihnen vertraut ist.

War Odysseus der listenreiche Held, als den wir ihn kennen?

Ja, auch wenn er ein toller Sportler und Kämpfer war, wenn es sein musste. Aber «listig» bedeutete für Homers Publikum etwas anderes als für uns. Odysseus ist «einer von ihnen». Er hat keine organisierte Grossmacht hinter sich, wenn er irgendwo auftritt. Er ist listenreich und verschlagen, weil es nicht anders geht, wenn man «klein» und «neu» ist auf dem Spielfeld. Gewalttätig, enorm gewalttätig, wenn es sein muss und sein kann. Heuchelnd und lügend, wenn es die Lage verlangt. Es gilt vor allem das Recht und das Gesetz des Stärkeren.

Ist Odysseus am Ende überhaupt ein erfolgreicher Held?

Das ist eine der interessantesten Fragen der «Odyssee». Von den rund 600 Kriegern kehrt nur Odysseus zurück. Kein Wunder, dass es so schwierig ist, «heim» zu kommen, nach Ithaka. Homer erzählt von einem Helden, der zwar übrig bleibt, aber als Anführer jämmerlich versagt hat. Ein Prototyp des «Vietnam-Veteranen» mit den entsprechenden posttraumatischen Belastungsstörungen. Er träumte von der Heimkehr, mit Beute beladen. Aber Homer gewährt ihm diesen Erfolg nicht. Stattdessen muss er, um seine Position wieder zu festigen, auch noch den Rest einer Generation auf seiner Insel umbringen. Homer gibt uns da vielleicht einen Hinweis, dass eine solche Sozialstruktur, die den gewaltbereiten «starken Mann» bevorzugt, manchmal sehr problematisch sein kann.

Was ist also «wahr» an der «Odyssee»?

Weniger die Geschichte als die Welt, die sich in ihr spiegelt. Das Wahre ist das soziale und psychologische Umfeld. Die «Odyssee» sagt uns mehr über die Zeit, in der Homer schrieb, als über die, in welcher der Odysseus des Mythos gelebt haben soll. Odysseus ist listenreich und verschlagen, gewalttätig, wenn es sein muss, heuchelnd und lügend, wenn es die Lage verlangt. Gleichzeitig ist er neugierig, wortgewandt und bereit, sich auf eine unbekannte Welt einzulassen. Er ist weniger ein Mann aus der Bronzezeit als ein Held für die Griechen zur Zeit Homers. Mit diesem Mann in der «Odyssee» und der imaginierten heroischen Vergangenheit in der «Ilias» lieferte Homer die griechischen Gründungsmythen. Wie bei uns Tell, Stauffacher und Winkelried und Co.

Literaturtipp: Raimund Schulz: Odysseus. Mythos und Wahrheit. Klett-Cotta, Stuttgart 2026.

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