Krimiklassiker

Mike Müller brilliert in Agatha Christie – das Schauspielhaus Zürich mausert sich

Die «Mausefalle» ist das am meisten gespielte Theaterstück. In der Schiffbauhalle trifft britische Exzentrik auf Schauspielkunst, ein Erlebnis.

Das Elektrofeuer knuspert im Kamin, die Plüschsofas wirken vorgewärmt – alles ist angerichtet für die Gäste auf Monkswell Manor. Der Landsitz ging kürzlich bankrott, ein junges Paar eröffnet an diesem Abend wieder und freut sich auf seine ersten Besucher. Natürlich sind das wir, das Publikum, das in aufgekratzter Stimmung über das grossartige – und vertraute – Bühnenbild auf unsere Plätze stolpert.

Aus dem sizilianischen Palazzo von «Il Gattopardo» in der Schiffbauhalle ist – Tadaa! – der Tatort von Agatha Christies «Mausefalle» geworden. Pinar Karabuluts Publikumserfolg von letzter Saison wird im Januar wieder aufgenommen. Bis dahin macht das Schauspielhaus aus eins zwei, recycelt die erlesene Bühne von Michaela Frick und beweist damit Nachhaltigkeit.

Das Haus beweist aber auch anderes, insbesondere den talentierten Witz der Kostümbildnerin Sara Valentina Giancane. Ihre 50-Jahre-Verschnitte in Likörfarben kultivieren eine britisch-exzentrische Handschrift. Geknöpft in Giancanes Fantasie spielt das Ensemble einen Krimi, der knallt.

Es sind acht Darstellerinnen und Darsteller, acht tatverdächtige, skurrile Agatha Christie-Figuren. Kurz nach ihrer Ankunft sitzen sie auf Monkswell Manor fest, draussen tobt ein Schneesturm, die Strassen sind unpassierbar, das Telefon ist tot. Acht Menschen im Hotel, und eine, eine unter ihnen, soll eine Mörderin, ein Mörder sein.

Seit 1952 Bühnenhit in London

Des Belegs, dass das Schauspielhaus grossartige Darstellerinnen und Darsteller hat, hätte es nach der starken Ensembleleistung in der «Dreigroschenoper» wahrscheinlich nicht mehr bedurft. An diesem Abend legt das Theater trotzdem  nach und zeigt zudem, dass es einen Riecher hat für den Zürcher Publikumsgeschmack. Die allermeisten Vorstellungen sind diesen Monat bereits ausverkauft.

Co-Intendant Rafael Sanchez eröffnet die Saison mit einem Bühnenheuler, der gemeinhin als dünnbrettiger Boulevard gilt: «Die Mausefalle» ist das erfolgreichste Theaterstück überhaupt und wird im West End von London seit der Uraufführung 1952 durchgehend gespielt. Vornehmlich für Touristen innerhalb ihres Sightseeing-Programms. Besteht es vor einem mäkeligen Zürich-Publikum? Es besteht, und wie!

Wenn sich eine altersgemischte Schar im Pausen-Foyer vor allem über  Tatverdächtige auf einer Bühne unterhält, hat ein Theater alles richtig gemacht.

Auferstehung eines Volksschauspielers

«Die Mausefalle» führt zusammen: zwei Gastgeber, fünf Gäste und einen Detektiv. Alle haben sie etwas zu verbergen. Da ist Verena Jost als junge und unbedarfte Besitzerin der Pension und heimliche Hauptfigur. Sie spielt betörend flattrig und erinnert an den britischen Star Vivien Leigh. Jost trägt den Abend und zeigt psychologische Tiefe.

Da ist aber auch Mike Müller, er ist als richtig falscher Major Metcalf souverän wie schon lange nicht mehr. Hier ist er wieder, der Volksschauspieler mit Charisma. Müller rollt das britische Englisch, übertragen ins Deutsche wie Kieselsteine im Mund, und wenn er sich die Stadt «Edinburgh» auf der Zunge zergehen lassen kann, wird jede Schottisch-Lehrkraft klatschen. Müllers Sprachbehandlung verdient einen Orden des britischen Empire.

Ein Detektiv scheitert leidvoll

Jede und jeder auf der Bühne ist ein kleines Ereignis. Mirjam Rast als Miss Casewell spielt einen Kerl von Frau und trägt ihr Geheimnis am offensichtlichsten vor sich her. Nicola Gründels militärischer Auftritt als biestige Missis Boyle gibt ebenso Anlass für Spekulationen. Und wer den Ensembleschauspieler Peter Knaack noch nie so richtig würdigen konnte, hat jetzt Gelegenheit und lernt ihn als eiernden Detektiv Sergeant Trotter lieben.

«Die Mausefalle» von Rafael Sachez vereint das Beste des Theaters. Live-Spannung und kluge Menschendarsteller aus Fleisch und Blut. Natürlich wird wie immer das Publikum am Ende der Vorstellung gebeten, den Ausgang der Ermittlungen für sich zu behalten. Schwer fällt das nicht. Lohnende Gelegenheiten, das Stück selbst zu erleben, gibt es mehr als  Täter auf der Bühne.

Schauspielhaus Zürich, bis auf Weiteres auf dem Spielplan

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