Bühne

Mackie Messer, bitte nachschärfen! Das Schauspielhaus Zürich gibt Brecht aufs Maul

Zum Saisonbeginn zeigt Co-Intendantin Pinar Karabulut «Die Dreigroschenoper» . Ihre Inszenierung ist ein Lehrstück, wenn auch nicht so wie intendiert.

Volltreffer, da kommt Stimmung auf! Lack-und-Leder-Stimmung. Sado-Maso-Stimmung. Homoerotik und lesbisches Lecken. Stimmung, bis die Bude wackelt.

Polizeichef Tiger Brown (Florian Voigt) verzehrt sich nach dem Gangsterkönig Mackie Messer (Thomas Wodianka). Polly Peachum (Zeynep Bozbay), just married mit Mackie, züngelt mit ihrer Nebenbuhlerin, der «Hure» Lucy (Laina Schwarz). Autoerotisch unterwegs ist der Priester (Mervan Malwin Ürkmez). Er ist, so steht es auf seinem Talar, «Hot mit God».

Bei der «Dreigroschenoper» Zürcher Art, Brechts Parabel über den  Kriminellen Mackie Messer, den korrupten Polizeipräsidenten Tiger Brown und den Maffiaboss der Bettler, Jonathan Peachum ist Sexualität das Gleitmittel für Politunterricht. Der regieführenden Co-Intendantin Pinar Karabulut scheint es nur recht zu sein. Sie setzt sich, symbolisch auf jeden Witz mit Hintern, und am liebsten, wenn der nackt ist.

Standing Ovation fürs Ensemble

Nach drei Stunden baut sich das gesamte Brecht-Personal in Polyphonie und Polyester zum letzten Song noch einmal dicht vor dem Publikum auf - gibt’s jetzt auch ein Stage Diving? – , verschenken mit grossem Druck Talent und kübelweise Energie. Dann ist Schluss - und der Applaus?

Zuerst folgt er spärlich, zögerlich, dann schwillt er an, will nicht mehr enden, hurrikanisch! Beifallsstürme für zwölf Ausnahme- Darstellerinnen und -Darsteller in 23 Rollen, Ovationen für die sieben Live-Musiker unter der Bühne. Sie haben sich allesamt preiswürdig verausgabt. Was für ein Abend, ein Fest der Schauspielkunst.

Wem bislang noch nicht klar war, dass das Schauspielhaus Zürich ein Spitzenensemble sein Eigen nennt, muss sich die Saisoneröffnung am Pfauen gönnen.

Auf Kosten der Älteren im Ensemble, Karin Pfammatter, vor allem aber des unterbeschäftigten Matthias Neukirch sind die Jungen an der Reihe: Frauen wie die Punk-Primadonna Zeynep Bozbay als Polly Peachum, die die Show rockt. Rahel Hubacher als Mutter Peachum, die auf Knopfdruck gesundheitsschädigende Schreianfälle beiträgt.

Es sind Multitalente wie der Zürcher Beau Florian Voigt, ein Bodybuilder mit der trainierten Bauchmuskulatur eines Opernsängers; oder dann Mervan Malvin Ürkmez, der mit seinem Körper so spielverrückt unterwegs ist, dass man auf sein kommendes Solo gespannt ist. Die 87-jährige Margot Gödrös als lebendige Vergangenheit bildet die Rahmung, ihr gebührt das erste Wort, ein gezittert gewispertes «Und der Haifisch, der hat Zähne». Ergreifend.

Brechts Musical trägt Polyester

Das Erwachen nach einer vollen Dröhnung Bertolt Brecht folgt erst später. Dann wenn das Langzeitgedächtnis wieder einsetzt und bilanziert: Noch nie, meint die Erinnerung, wurde die «Dreigroschenoper» in Zürich so erfolgreich von seinen fragwürdigen Moralansprüchen entbeint - und der geschwätzige Rest derart eiskalt und mit bewussten Gedöns serviert. Noch nie wie am Wochenende von Pinar Karabulut. Sie hat Chuzpe und reduziert das Stück auf das, was es schon immer war, ein mittelpreisiges Broadway-Musical. Mehr nicht.

Freilich, die Frauenfiguren, Polly, ihre Mutter und die «Huren» dürfen am Pfauen noch lauter, derber, selbstbewusster und eigensüchtiger agieren als bei Brecht. Der feministische Kick der Inszenierung ist nicht zu übersehen und kaum zu überhören.

Und sicher, die männlichen Charaktere Makie Messer, der Bettlerkönig Peachum (Lukas Darmstädter kann mehr als er zeigen darf) und Tiger Brown sind Memmen, wenn auch höchst attraktive. Doch in der Summe ihrer Figurenpsychologie erledigt Karabulut Brecht mit einem Totschlag nach Noten: Ausser den ohrwurmigen Songs von Kurt Weill - und der Lehre, dass Brecht von gestern sei - nimmt das Publikum als Giveaways nichts mit nach Hause. Brechts «Lehrstück» hat die Lehre: Man muss diesen Stoff nicht mehr zeigen.

«Erfolg durch Missverständnis»?

Es ist wohl das Drama des Autors, und die Regie macht es für uns sichtbar: Die musikalische Kulinarik schlägt die Botschaft tot. Wäre sie denn für uns heute überhaupt relevant. Brechts Gesellschafts-Tableau, einschliesslich der Geschlechterverhältnisse, hat fast hundert Jahre später einen langen Bart. Und, wer behauptet, unsere Weltlage sei ähnlich düster, grell und grob wie in Berlin an der Uraufführung 1928, ist über die Weltwirtschaftskrise womöglich schlecht informiert.

Die «Dreigroschenoper» ist ein Fall von Erfolg durch Missverständnis, wie Adorno meinte. Seit der Uraufführung bemühen sich die Dramaturgien, dieses Missverständnis aufzuheben. Gelungen ist es auch in Zürich nicht.

Wie meistens und selbst bei der Uraufführung bleibt nichts von der «Gesellschaftskritik», die Brecht doch das Wichtigste gewesen war, wie er nach seinem Riesenerfolg maulte. Dass die Theaterbesucher in den Gangstern ihr Spiegelbild erkennen und davor erschrecken sollten, hat wohl noch nie funktioniert.

So wippt man selbst beim zeitkritischen «Kanonen- Song»,- «Soldaten wohnen auf den Kanonen . . .», mit dem Fuss, denkt an den letzten Bus, der nichts verpasst werden will – und schleicht sich dann besoffen ernüchtert, obwohl unterhalten, in die Nacht.

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