Saisoneröffnung

Kung-Fu-Fight auf der Bühne: Wie das Luzerner Theater Massstäbe setzt

Heisser Applaus für eine Schweizer Erstaufführung: Luzern eröffnet mit dem Bühnenhit «Egal» und macht dabei alles richtig, fast.

So wünscht man sich den Beginn einer Theatersaison, und so funktioniert es vielversprechend in Luzern. Das Haus ist voll, das Publikum begeistert, Applaus, bis die Hände rauchen – und das alles zum Anlass eines Stücks, das in der Schweiz noch nie gezeigt wurde. Und topp, die Wette läuft: An anderen Theatern wird es umgehend nachgespielt.

Man muss den Superlativ bemühen. «Egal», der Zweipersonen-Text des Anatomen unserer Gesellschaft, Marius von Mayenburg, ist der aktuellste und psychologisch abgründigste rhetorische Kung-Fu-Fight auf einer Bühne.

Ganz unbedingt soll hier der Aufruf erfolgen: Wer die Vorstellung versäumt, verpasst eine der gekonntesten und elegantesten Beziehungsschlachten. «Egal» ist Pflicht für Bindungswillige wie für Menschen mit Bindungsängsten. Letztere werden sich bestätigt finden. Der Abend ist genauso komisch wie todtraurig und hoffnungslos.

Komische Kammerspielkampfkunst

Sie, Simone, erfolgreiche Elektroingenieurin (Wiebke Kayser), und er, Erik (Oliver Losehand), ein Übersetzer für niederländische Literatur, leisten sich über vier Runden eine rhetorische Kammerspielkampfkunst: Mayenburg schickt in die Arena ein scheinbar emanzipiertes, offensichtlich privilegiertes Elternpaar, das unter der Illusion einer modernen Beziehung ächzt.

Die unterschiedliche Herangehensweise der Darsteller an ihre Figuren ist ein Zusatzbonus. Wiebke Kayser, Typ Leistungsträgerin, macht das abgeklärt und ganz so, als würde sie ihren Charakter vor sich hertragen. Oliver Losehand, Typ Softie, geht in seiner Rolle auf und schwitzt den Text aus jeder Pore.

Unvereinbarkeit von Familie und Karriere

Das Zentrum des Fights ist die Frage: Ist die sogenannte Gleichberechtigung in einer Beziehung mit Kindern, die Fifty-fifty-Aufteilung der Care-Arbeit und des Berufs überhaupt möglich? Ist es egal, welche Rolle man in der Beziehung übernimmt – und: Ist es machbar, den eigenen Ansprüchen an Liebe und Zusammenleben gerecht zu werden, ohne dabei eine komische Figur abzugeben?

Die Spielordnung ist der Rollentausch. Erst gibt Wiebke Kayser die erfolgreiche Geschäftsfrau, die Sonntagnacht zu ihrem unzufriedenen Mann mit Betreuungsaufgabe nach Hause kommt. Nach einer halben Stunde wird gewechselt, und Losehand übernimmt die Rolle des Karrieristen, der seiner Frau von der Dienstreise mit seinem Chef ein Präsent nach Hause bringt.

Aber weshalb? Will er sich von Schuldgefühlen loskaufen? Insgesamt viermal variiert die Konstellation, während sich immer neue Motive einschleichen. Machtgefüge, Abhängigkeiten, Karrieregelüste – ein gerissenes Arrangement.

Paarstreit im Boulder-Milieu?

In Luzern inszeniert der Hamburger Regisseur und Mayenburg-Kenner Florian Fiedler. Er ist der Kopf hinter dem erfolgreichen Liederabend «Baden gehen», den er mit dem Schauspielensemble gemeinsam entwickelt hat.

In der Zusammenarbeit mit Wiebke Kayser und Losehand fällt er jedoch eine fatale Entscheidung. Er verpasst dem Stück durch das Bühnenbild eine zweite Ebene: Kung-Fu-Fight auf der Bühne: Wie das Luzerner Theater Massstäbe setzt. Er lässt zu, dass auf der Bühne mit Aussicht auf die Reuss Felsformationen ragen, krautig bewachsen und unnatürlich mit Farn bestängelt. Beziehung als Paradies-Vorstellung.

Das Spiel-Angebot taugt womöglich für einen Abend im Boulder-Milieu, in diesem Fall aber ist das Setting ein einziger Stolperstein. Und die Überhöhung ein unnötiger Misstrauensantrag an den Text. Weniger Naturgemüse im Dekor, dafür mehr Realismus, und der Abend bekäme fünf Sterne. So sind es glänzende viereinhalb.

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