100. Geburtstag

Der Stardenker und sein fataler Flirt mit den Mullahs

Michel Foucault, der nach Sartre und Camus bedeutendste französische Philosoph, wäre heute 100 Jahre alt geworden. Er krempelte in den Siebzigern das Denken radikal um. Doch manchmal irrte er sich.

Auch nach über dreissig Jahren habe ich noch im Ohr, wie die Lehrpersonen an der Uni seinen Namen einst andächtig hauchten: «Foucault». Das übertrug sich auf die Studierenden. Nach langer Zeit nehme ich seine Bücher wieder hervor und staune: Da sind keine unordentlichen Kritzeleien in Foucaults Klassiker «Die Ordnung der Dinge» zu finden, sondern die Zeilen sind fein säuberlich mit Bleistift unterstrichen.

Lese ich heute in seinen Schriften, fällt mir wieder ein, wie grausam lange ich mich an «Die Ordnung der Dinge» (1971), «Archäologie des Wissens» (1973), «Überwachen und strafen» (1975) oder «Sexualität und Wahrheit» (1984) abgearbeitet habe.

Wer Philosophie, Geschichte, Literaturen oder Soziologie studierte, kam in den Achtzigern und Neunzigern nicht an Michel Foucault vorbei, der 1984 mit erst 57 Jahren an Aids gestorben war. Man musste sich auskennen in seinen Diskursanalysen, die Herrschaftsmechanismen, Ausgrenzung und Disziplinierung aufzeigen. Heute leuchtet mir längst nicht mehr alles ein. Manche Ansätze haben an Strahlkraft eingebüsst. Das liegt daran, dass selbst der heilige Michel manchmal irrte.

Irrtum Nr. 1: Alles ist Macht

Als zentrale Kategorie in Foucaults Denken stellte sich die Macht heraus, die eben nicht nur die Politik, Wirtschaft oder das Militärische umfasst. Die Macht durchdringt schlicht alles: jeden Diskurs, jeden Willen zur Wahrheit oder zur Gerechtigkeit, selbst feinste Gesten, alltägliche Verrichtungen und intimste Interaktionen.

Würde man zwischen zentralen und marginalen Machtdiskursen unterscheiden wollen, kommt bestimmt ein Foucault-Anhänger, der diese Hierarchisierung sofort wieder als Ausfluss von Herrschaftsinteressen entlarven würde. Gewiss lässt sich hinter allen Vorgängen eine Machtproblematik finden. Dennoch ist es sinnvoll, gewichtige Kämpfe wie jenen um Gleichberechtigung ernster zu nehmen als einen banalen Familienstreit über die Benutzung von E‑Scootern. Aus einem einfachen Grund: Die Analyse von Herrschaftsgefügen verliert sonst an politischem Biss.

Wenn alles Macht ist, nimmt man die herrschende Ordnung leicht als unausweichlich hin. Foucault spricht zwar über Widerstand gegen die Macht und hat sich politisch immer engagiert. Aber nach seiner Logik müssten sich auch hinter Widerstandsaktionen Herrschaftsinteressen verbergen, was die Wirksamkeit des Widerstands sabotiert.

Irrtum Nr. 2: Antihumanismus

Foucault irritiert heute auch Linke und Feministinnen. Gemäss ihm ist es nämlich nicht zwingend, im Denken den Menschen ins Zentrum zu stellen. Mit Blick auf die KI und die Entwicklung der Molekulargenetik mag diese Einsicht hochaktuell sein.

Trotzdem ist sein überheblicher Antihumanismus fahrlässig und falsch. Auf Youtube lässt sich sein berühmter Schlagabtausch von 1971 mit dem US-Linguisten Noam Chomsky studieren. Foucault kaut scheinbar gelangweilt an seinen Nägeln und amüsiert sich über Chomskys Bekenntnis zum Humanismus.

Chomsky kann Revolten gegen die herrschende Klasse nur gutheissen, wenn dabei die humanistischen Errungenschaften wie Gerechtigkeit oder die Verwirklichung des Menschen hochgehalten werden. Für Foucault jedoch sind das reine Konstruktionen der bürgerlichen Gesellschaft und des herrschenden Klassensystems.

Er belehrt den sichtlich geschockten Chomsky, dass das Proletariat den Kampf gegen die herrschende Klasse nicht führe, weil es ihn für gerecht halte, sondern weil es «erstmals in der Geschichte selber die Macht ergreifen will». Dabei werde es «eine diktatorische und sogar blutige Gewalt» ausüben. Und Foucault fügt süffisant hinzu, er sehe nicht, «welchen Einwand man dagegen haben kann». So zynisch abschätzig wie er reden und handeln kurz darauf auch die deutschen Terroristen der RAF oder die italienischen Brigate Rosse.

Irrtum Nr. 3: Politische Blindheit

Nach anfänglichem Engagement in der Kommunistischen Partei Frankreichs distanziert sich Foucault vom Stalinismus und dem real existierenden Sozialismus in der Sowjetunion. Positiver ist sein Verhältnis zu den militanten französischen Maoisten. Wenngleich er akribisch ein Instrumentarium zur Machtanalyse entwickelt, bleibt er blind für Maos Schreckensregime.

Gleiches lässt sich über die iranische Revolution sagen. Angewidert von der Despotie und Korruption des Schahs sympathisiert er mit der Opposition und reist 1978 zweimal in den Iran, um vor Ort «Feldforschung» zu betreiben. Als der Ayatollah Khomeini am 1. Februar 1979 in Paris das Flugzeug besteigt, das ihn zurück nach Teheran bringt, pilgert Foucault zum Flughafen. Er will Zeuge sein, wie die «nahezu mythische Gestalt» Khomeini nach langem Exil in sein Land heimkehrt.

Trotz lauter Kritik von Islamkennern, die ihm vorwerfen, die iranische Revolution zu romantisieren, hofft Foucault, dass die «schiitische Spiritualität» zu einer neuen Protestbewegung heranwachse und zu den Quellen des Volkes zurückführe. Es handle sich um eine «Erhebung von Menschen mit blossen Händen» gegen die Diktatur des Schahs.

Mit blossen Händen? Kaum zurück in Teheran, installiert Khomeini sein Terrorregime mit Exekutionen, Inhaftierungen und Unterdrückung. Foucault aber empfindet es weiter als «unerträglich», den Islam mit dem Vorwurf des Fanatismus einzudecken. Der Foucault-Biografie Didier Eribons ist zu entnehmen, dass der Jahrhundertdenker sich rechtfertigt, er sehe nicht, «im Namen welcher Universalität man die Muslime hindern könnte, ihre Zukunft in einem Islam zu suchen, dessen neues Gesicht sie selbst gestaltet hätten». Dass er trotz all seiner Machtkenntnisse auf die Gotteskrieger und ihre Gewaltherrschaft hereingefallen ist, kann Michel Foucault bis zum Schluss nicht so richtig zugeben.

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