Femizid

Ein Starphilosoph ermordet seine Frau– und die Intellektuellen bewundern ihn dafür

Eine neue Schrift zeigt, wie der weltberühmte Denker Louis Althusser seine Frau erwürgte. Die französische Geisteselite ist voller Anteilnahme: nicht für das Opfer, sondern für den Täter.
Philosoph Louis Althusser: 1980 erwürgte er seine Frau.
Bild: Bild Alain Mingam/Getty

Als Hélène Rytmann am 16. November 1980 in Paris tot aufgefunden wird, erwürgt von ihrem Ehemann, dem französischen Starphilosophen Louis Althusser, spricht noch niemand von einem Femizid. Man geht sofort davon aus, dass die Tat im Wahn passiert sei, da Althusser mit schweren psychologischen Problemen zu kämpfen gehabt hat. Die Polizei ermittelt kaum. Sie begnügt sich mit den Berichten psychiatrischer Sachverständiger, die erklären, der Mörder sei zum Zeitpunkt der Tat im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit gewesen.

Althusser verbringt keine Sekunde im Gefängnis. Man liefert ihn lediglich in eine Klinik ein. Die intellektuellen Eliten Frankreichs und die Linken überall auf der Welt sind voller Anteilnahme: nicht für das Opfer Hélène Rytmann, die in den Berichten kaum vorkommt, sondern für den Täter Louis Althusser, eine Ikone der postmarxistischen Philosophie, Freund und Lehrmeister vieler anderer Grossintellektueller wie Michel Foucault oder Bernard-Henri Lévy.

Auch Meienberg verteidigt den Täter

Alle folgen der Umnachtungsthese, in Umlauf gebracht vom Mörder selbst und seinen Psychiatern. Althusser gibt sie auch in seiner Autobiografie wieder, die 1992, zwei Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht wird und hymnische Kritiken auch in der Schweiz erhält. Der Journalist und Schriftsteller Niklaus Meienberg schreibt in der «Weltwoche», am liebsten hätte er den «General der Philosophie» postum «umarmen» wollen, weil dieser manchen helfe, die ebenfalls unter depressiven Zusammenbrüchen leiden.

Althusser gibt in der Autobiografie die Mordszene fast genüsslich zum Besten: «Vor mir: Hélène, auf dem Rücken liegend (…). Ganz dicht bei ihr niederkniend, über ihren Körper gebeugt, bin ich im Begriff, ihr den Nacken zu massieren. (…) Ich verspüre grosse Müdigkeit in den Muskeln meiner Unterarme: Ich weiss, die Arbeit des Massierens tut mir immer in den Unterarmen weh.»

Und weiter schreibt der Denker: «Das Gesicht von Hélène ist reglos und heiter, ihre offenen Augen starren zur Decke hinauf. Und plötzlich werde ich von Entsetzen erfasst.» Althusser erzählt den Tathergang so, als bekomme er gar nicht mit, wie er seine Frau erdrosselt. Dabei führt brutale Gewalt zu Rytmanns Tod. Die Ärzte stellen bei der Autopsie «Frakturen am Kehlkopf» fest.

Der Mörder stilisiert sich zum Opfer

Nun gibt eine Schrift zu reden, die im französischen Original «Assassin, Mörder» heisst und die auf Deutsch unter dem Titel «Althussers Femizid» erschienen ist. Geschrieben hat sie der kanadische Politikwissenschafter Francis Dupuis-Déri. Er zeigt auf, wie der psychisch leidende Althusser sich zum Opfer stilisiert und wie viele seiner linken Gefolgsleute den Mord auf ein psychologisch erklärbares privates Ereignis reduziert haben, ohne die gesellschaftliche Dimension hinter der Gewalttat zu sehen.

Dass Täter sich als eigentliche Opfer darstellen, geschieht bei vielen Femiziden, wie die Forschung nachgewiesen hat. Typisch bei Gewalttaten gegen Frauen ist auch das Tatmotiv. Althussers Frau hat ihren Mann nicht mehr ausgehalten, bezeichnete ihn, den notorischen Frauenhelden, als «Ungeheuer» und sagte ihm klar, dass sie sich eine eigene Wohnung suche und ihn verlasse, für ihn ein «unerträgliches» Szenario.

Er behauptet in der Autobiografie gar infam, sie habe sich den Tod gewünscht und ihn darum gebeten, ihr dabei zu helfen. So erscheint seine Mordtat nachträglich wie eine Erlösung. Intellektuelle würdigen den Mord dann prompt als «ultimativen Liebesbeweis». Brillante Köpfe wie sein Schüler Bernard-Henri Levy haben immer wieder den «Schmerz» seines «Meisters» heraufbeschworen und Althusser gegen anklägerische Feministinnen verteidigt.

Besonders in Frankreich erhalten berühmte Männer nach Gewalttaten gegen Frauen oft Unterstützung von Intellektuellen. Als der Rockmusiker Bertrand Cantat 2003 die Schauspielerin Marie Trintignant umbringt, gibt es im öffentlichen Diskurs erschreckend viele mitfühlende Kommentare. Auch ihn, der wie Althusser zur kulturellen Elite gehört, stellt man als gepeinigten Mann hin, erwähnt schlimme Kindheitserfahrungen, Eifersucht, Kontrollwut. Auch bei ihm fokussiert man sich auf das Leid des Täters und versucht ihn von seiner Schuld zu entlasten.

Selbst feministische Denkerinnen wie Judith Butler verteidigen Althusser. Entgegen der Tatsachen behauptet sie, der Philosoph sei nach der Tat auf die Strasse gerannt und habe die Polizei gerufen, «um sich selbst dem Gesetz zu übergeben». Mit dem Mord an Hélène Rytmann beschäftigt sich Butler kaum.

Man weiss fast nichts über die 1910 geborene Tochter einer jüdischen Familie, die im Zweiten Weltkrieg unter dem Namen Hélène Legotien in die Résistance eintrat, Kommunistin und später Friedensaktivistin wurde. Als Soziologin hat sie zu Arbeitsverhältnissen und zur Entwicklung der ländlichen Regionen Frankreichs geforscht.

Im Grunde kam Hélène Rytmann, so Francis Dupuis-Déri in seiner aufschlussreichen Schrift, zweimal ums Leben. Zuerst wurde sie von Althusser ermordet, und dann wurde sie nicht zuletzt von vielen linken Intellektuellen, die sich in der Theorie gern für Schwache und Opfer einsetzen, totgeschwiegen.

Francis Dupuis-Déri: Althussers Femizid. Aus dem Französischen von Teresa Awa. Passagen, 94 Seiten.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)