Zivilisationskritik

Michel Houellebecq: «Ihr Abendländer, dies ist euer Endspiel»

Der berühmteste französische Schriftsteller glaubt in seinem neuen Buch, dass wir in Europa ausgedient haben und nur noch auf einen Invasor warten. Ist es Putin oder doch eine künstliche Superintelligenz?

Manche halten ihn für ein abgetakeltes Orakel. Der 70-jährige Michel Houellebecq sondere nur noch zittriges Untergangsgeraune ab. Doch man muss schon blind durch die Gegenwart gehen, um zu verkennen, wie sehr uns heute Kriege und Despoten und vielleicht auch bald eine künstliche Superintelligenz bedrohen.

Die düsteren Grundstimmungen fängt Houellebecq wie kaum ein anderer Schriftsteller seismografisch genau ein. Er beschönigt nichts, aber er schreibt doch so, dass man nach der Lektüre seiner Bücher weniger deprimiert ist als zuvor.

Grosse Kunst schafft das, und darum sehnen wir uns nach guten Songs, Bildern, Serien oder Büchern, die die triste Wirklichkeit zwar einfangen, aber unser eigenes Nachdenken nicht lähmen, sondern anregen. Er könne eben «ernste Dinge auf angenehme Weise vermitteln», sagte Houellebecq einem französischen Nachrichtensender.

Vor einem halben Jahr veröffentlichte er zusammen mit dem Musiker Frédéric Lo das Album «Souvenez-vous de l’homme». Ganz selbstverständlich unterhalten sich darin Maschinen. Houellebecq entwirft einen «Posthumanismus». Über den Menschen wird nur noch in Form von Rückblicken gesprochen.

«Ihr habt nicht mehr viele Chancen!»

Und nun ist der Gedichtband «Combat toujours perdant» soeben auf Deutsch erschienen unter dem Titel «Der stets verlorene Kampf». Gleich im ersten Gedicht ruft uns Houellebecq zu: «Ihr Abendländer, die ihr leben wollt, / Dies ist euer Endspiel.» Und er fügt hinzu: «Ihr habt nicht mehr viele Chancen.» Im Gedicht spricht sich ein «Führer» aus, der vorgibt, alle Leiden, Ängste, hirnlosen Impulse und Irrwege der Menschen zu kennen. Noch könnten sie ihm folgen, auch wenn er «weder Heiliger noch Held» sei.

Welche Führergestalt konkret gemeint ist, sagt Houellebecq nicht. Aber klar ist, dass man mit ihr auf ein Ende mit Schrecken zusteuert. In einem anderen Gedicht heisst es: «Die Sonne scheint auf die Ruinen / eines Abendlandes. Welches Abendland? / Die ‹Freiheit des Einzelnen›? / Hi hi hi. / Ha ha ha.» Zu Ende wäre dann vor allem das Abendland der individuellen und demokratischen Freiheiten. Über dieses würde man nur noch kichern oder lachen.

Doch Houellebecq ist im Grunde ein hartgesottener Abendländer, der besonders die europäische Kultur von Dostojewski bis Beethoven oder Schopenhauer schätzt, die Kultur von lauter freiheitsliebenden Individualisten. Nur befürchtet er: «Jede Möglichkeit, in das eigene Leben einzugreifen, schwindet nach und nach.»

Im Gedicht «Auf den Invasor warten» lässt der Autor offen, ob Putin oder ein anderer Imperialist oder wie schon im Roman «Unterwerfung» der fanatische Sektor des Islams gemeint ist. Zu einer Eindeutigkeit hat sich Houellebecq auch in Interviews nicht hinreissen lassen. Dass ein Herrscher oder eine Grossmacht die «dem Untergang geweihte» abendländische Welt überfallen könnte, schimmert aber in etlichen Versen durch, und es gebe «keinerlei Zuflucht, keinerlei Schutz vor den einfallenden Barbaren».

«Man hätte sich verteidigen müssen»

In einem anderen Gedicht spricht jemand wie aus einer postzivilisatorischen Epoche, in der die Menschen wie «sieche Schatten» den Zusammenbruch ihrer Welt bereits hinter sich haben. Sie leben mit dem Gefühl, ihre Vorfahren hätten versagt und «nur Ruinen hinterlassen», ein Gefühl, das junge Generationen auch heute haben. «Man hätte sich verteidigen müssen», schreibt er an anderer Stelle, «ohne zu wissen, gegen wen oder gegen was, ohne zu wissen, für wen oder für was.»

Insgesamt ist es eine Welt «ohne Liebe, ohne Teilhabe», in der es nur ums möglichst schmerzlose Verenden geht. «Wir haben alle Mittel ausgeschöpft», so Houellebecq. «Und hoffen nicht mehr auf Erbarmen oder Errettung, erdrückt vom Himmel, an dem die Geier kreisen, warten wir dennoch auf die undenkbaren Befreier.» Nur selten schiesst er noch skandalisierende Nebelpetarden ab, so wenn er schreibt: «Los! Wir müssen gehen / Und das Feld räumen / Die Zukunft frei machen / Für die neue Rasse.»

Früher hat sich der Dichter bei Lesungen mehr um seinen inzwischen gestorbenen Hund als die Moderatoren gekümmert. Das hat sich geändert. Er mag wie ein Wrack aussehen, gezeichnet vom Alkohol und Rauchen, ist aber zugänglicher als früher, lächelt dann und wann sogar in die Kameras. Vor allem findet er in seiner Prosa und Lyrik trotz des Endzeit-Trips, auf dem er sich thematisch befindet, erstaunlich heitere Töne, so wenn er daueroptimistische Immobilienhändler beschreibt, die einem noch das winzigste und dunkelste Loch als lichtdurchflutetes Glücksversprechen andrehen.

Und auf dem Friedhof, wenn er wieder vor dem Grab eines Freundes steht, hat er für einen Moment die «unerhörte Hoffnung», der Gestorbene könne zu den Lebenden zurückkehren. Michel Houellebecqs neue Gedichte fesseln einen, ob man will oder nicht. Er verfügt über eine bildstarke Sprache, so wenn er schreibt: «Die Welt ist auf ihrer Achse leicht gekippt.»

Michel Houellebecq: Der stets verlorene Kampf. Gedichte. Übersetz von Stephan Kleiner. Dumont, 112 Seiten.

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