Rund ein Drittel der Schweizer 15-Jährigen hat Mühe, einen Text richtig zu verstehen und einzuordnen, wie die am Dienstag veröffentlichte PISA-Studie feststellt. Auch Firmen beklagten kürzlich mangelnde Lesekompetenzen bei ihren Lernenden. Zwar sind wir in der Schweiz noch besser dran als unsere Nachbarn, aber auch bei uns nimmt die Lesefähigkeit seit Jahren ab.
Bildungsprofis sind sich einig: Es bräuchte eine obligatorische frühe Sprachförderung, damit Jugendliche, die aus sozial schwachen Schichten kommen oder zu Hause nicht die Schulsprache sprechen, auf ein genügendes Niveau kommen. Auch die Forderung nach einem Handyverbot an Schulen, das einzelne Kantone schon kennen, wird lauter.
Fest steht: Nur wer problemlos liest, liest auch freiwillig und gern. Für die Aus- und Weiterbildung oder den demokratischen Prozess der Meinungsfindung ist das zentral. Ein Forschungsteam der Universität Basel, zu dem die renommierte Literatursoziologin Carolin Amlinger und der Soziologe Oliver Nachtwey gehören, befragte im Mai und Juni 2026 in Deutschland, Österreich und der Schweiz über 6427 Erwachsene (ab 18 Jahren) aus allen Bildungsschichten zu ihrem Leseverhalten.
Die weitverbreitete Klage vom Niedergang der Lese- und Buchkultur habe sich zwar nicht bestätigt, so das Forschungsteam, «sie liess sich aber auch nicht ganz entkräften». Wenn der Trend zur zunehmenden Leseschwäche von Schülern anhält, wird es auch immer weniger Erwachsene mit einem Interesse an Büchern geben.
Die Mehrzahl liest nur 1 bis 5 Bücher im Jahr
Knapp ein Viertel der Befragten bekennt sich bereits zum strikten Nichtlesen. 38 Prozent liest ein bis zwei Stunden pro Woche und bringt es auf 1 bis 5 Bücher im Jahr. Weitere 24 Prozent lesen 3 bis 5 Stunden wöchentlich. Nur 4 Prozent outen sich noch als Vielleser, die 11 oder noch mehr Stunden pro Woche mit Büchern verbringen.
Dass besonders die jungen Erwachsenen sich von Büchern abwenden, widerlegt die Befragung. Sie seien unter Nichtlesern gar «seltener vertreten als alle anderen Altersgruppen», schreibt das Basler Forschungsteam. 71 Prozent der 18- bis 29-Jährigen lesen zudem noch gedruckte Bücher. Knapp die Hälfte gibt sogar an, nie E-Books zu lesen. Die Vorstellung einer durch und durch digitalisierten jungen Lesegeneration bestätigt die Basler Studie also nicht.
Wer als Kind nie eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen bekam, neigt im Erwachsenenalter zur Lesefaulheit: Ein Viertel von ihnen sind Nichtleser, während sich unter jenen, denen als Kind viel vorgelesen wurde, nur 8 Prozent Nichtleser befinden.
Besorgniserregend ist, so die Forscher, «wie ungleich das Lesen über die Gesellschaft verteilt ist». Die Bildung trenne am schärfsten. 10 Prozent der Befragten mit tiefer Bildung besitzen keine Bücher gegenüber 1 Prozent bei hoher Bildung. 10 Prozent der Hochgebildeten besitzen mehr als 500 Bücher, viermal so viele wie in der tiefen Bildungsgruppe. Die erworbenen Bücher stammen zu 43 Prozent aus einer grossen Buchhandlungskette, dicht gefolgt von Amazon (42 Prozent), aber auch lokale Buchhandlungen behaupten sich über alle Altersgruppen.
Ein Genre dominiert bei den Lesepräferenzen: 39 Prozent der Befragten lesen am häufigsten Krimis und Thriller. Lediglich die jungen Erwachsenen scheren da aus. Bei ihnen liegen Liebesromane und New-Adult-Titel mit 36 Prozent knapp vor dem Krimi. Die Gegenwartsliteratur erreicht rund 15 Prozent, ebenso Fantasy oder historische Romane.
Frauen mögen es blutig
Vor allem junge Frauen lesen gern Liebesromane und New Adult, während Männer eher einen Bogen um diese Genres machen. Aber Frauen mögen es auch blutig und verschlingen lieber Krimis als Männer. Gleiches gilt für Gegenwartsromane. Andererseits lesen Männer viel lieber als Frauen Science-Fiction oder politische und historische Sachbücher.
Spannend ist, wie die Lektürevorlieben auch mit der politischen Einstellung zusammenhängen. Im Mitte-links-Spektrum lesen am meisten Leute aktuelle literarische Neuerscheinungen (22 Prozent). Im Spektrum Mitte-rechts bis rechts lehnen 70 Prozent die Gegenwartsliteratur ab. Dort liest man bevorzugt historische Romane und Sachbücher sowie Ratgeber.
Die Aussage «Es wird zu wenig gute Literatur gelesen» teilen eher Rechte (25 Prozent) als Linke (17 Prozent). Die Befragten teilen nur bedingt die Sorge, dass Künstliche Intelligenz, die leicht Texte erzeugen kann und den Menschen das Lesen abnimmt, für die Lesekultur schädlich ist. Nur 40 Prozent glauben, dass KI mehr schadet als nützt. Die politische Mitte bleibt gegenüber der KI besonders aufgeschlossen.
Was aber zeichnet für die Befragten ein «gutes Buch» aus? Da ist das unmittelbare Leseerlebnis zentral. Das Thema muss «interessieren», die Handlung «spannend» und das Buch «unterhaltsam» sein. Fast zwei Drittel lesen denn auch zur Entspannung und nur 21 Prozent, um die Welt besser zu verstehen. Kompositorisches und Sprachliches fällt kaum ins Gewicht. Nur 9 Prozent wissen die Komplexität eines Werks noch zu schätzen.
Zwischen Lesenden aus der Schweiz und jenen aus Deutschland gibt es einen markanten Unterschied: In der Schweiz haben 52 Prozent eine Vorliebe für Bücher, die von anderen Ländern und Kulturen handeln, in den beiden anderen Ländern teilen nur 39 Prozent diese Präferenz. Vor allem die Deutschen lesen primär Bücher von Deutschen und über Deutsche. Da sind wir dank der Kleinheit und Mehrsprachigkeit etwas kosmopolitischer.
Carolin Amlinger, Luca Keiser, Oliver Nachtwey und Jörg Rössel: Das gelesene Buch. Lesen und Geschmackspräferenzen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. https://soziologie.philhist.unibas.ch/de/news/details/das-gelesene-buch-lesen-und-geschmackspraeferenzen-in-deutschland-oesterreich-und-der-schweiz/



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