Auszeichnung

Schweizer Buchpreis 2026: Ein Mann gegen vier Frauen

Die Shortlist für den Schweizer Buchpreis ist draussen: Die Jury feiert das Verborgene, aber zu favorisieren sind vor allem wohlbekannte Namen.

Zuerst zum Jury-Begründungsblabla: Sie habe Romane auf die Shortlist gehievt, die «den Blick auf das Verborgene» richten und unsere Wahrnehmung schärfen für das, «was zu oft unsichtbar bleibt». Und natürlich loten sie die Möglichkeiten des Erzählens aus. Mit Verlaub: Das tun alle Schriftsteller, und für einen Preis empfiehlt man sich deshalb nicht unbedingt.

Der Mut zum Verborgenen verlässt die Jury denn auch schon bei ihrer Selektion: Auf der Shortlist befinden sich drei bestens bekannte Namen,  darunter der renommierteste Autor der Schweiz: Lukas Bärfuss. In seinem bewegenden und erzählerisch dichten Buch «Königin der Nacht» schreibt der 54-Jährige über seine Mutter, die tagsüber als Putzfrau, Fabrikarbeiterin, Wäscherin arbeitete. Nachts verkehrte sie in einem Halbweltsmilieu mit schillernden Gestalten. Sie hatte keinen Mann, sie hatte Männer.

Aber keiner davon taugte als Ersatzvater für den Sohn. Bärfuss erinnert sich an eine unzähmbare Frau, die ihren Sohn als Fessel sah und sich selbst überliess. Er fragt in seinem Meisterwerk, ob nur sie als Mutter in die Verantwortung zu nehmen ist oder auch die Gesellschaft. Bärfuss gewann 2014 bereits mit dem Roman «Koala» den Schweizer Buchpreis.

Auf der Liste stehen auch zwei bekannte Schriftstellerinnen: Yael Inokai und Sarah Elena Müller. Die 37-jährige Inokai ist mit dem Buch «Die Auster» nominiert, vordergründig einem Warenhauskrimi. Der Geschäftsführer eines Berliner Kaufhauses wird ermordet aufgefunden.

Eine Reinigungshilfe hat alle Spuren beseitigt. Sie ist die meist unsichtbare Hauptperson des Buches. Für Inokai steht nicht die Aufklärung des Verbrechens im Vordergrund. Vielmehr taucht sie als Erzählerin tief in den Mikrokosmos der Warenhauswelt ein, eine Welt des Glanzes und Luxus, aber auch der Armut. Ein mit «stilisierter Raffinesse» geschriebener Roman, urteilt die Jury.

«Unwucht» heisst Sarah Elena Müllers im Limmat Verlag erschienener Roman. Die 36-Jährige schreibt über einen Kunststudenten, der sich in kleinkriminellen Machenschaften und in seiner Drogensucht verliert. Seine Freundin jobbt als Kellnerin und kommt nicht los von ihm.

Sie arbeitet nebenher an einem Buch über die gemeinsame Zeit. Damit versucht sie ihre Situation zu verstehen. «Mit sprachlicher Kraft und Witz», so die Jury, erkundet Müller die Abhängigkeiten innerhalb einer heillosen Liebe.

Ein Erdbeben ändert alles

Nun zu den weniger bekannten Nominierten: In «Hauptsache kein Zeitgeist» (Claassen) erzählt die 1981 geborene Hayat Erdoğan von grossen Themen wie Migration und Feminismus. Nach einem Erdbeben in der Türkei und in Syrien wartet die Ich-Erzählerin auf Nachrichten von ihren Verwandten.

Gleichzeitig lässt sie ihr Leben Revue passieren als Tochter einer türkischen Familie in Deutschland. Und da ist noch die Sehnsucht nach «Niemand», dem Mann, der sie verlassen hat und den sie nicht loslassen kann. «Formal mutig und innovativ» sei das Buch geschrieben, meint die Jury.

Die 1963 am Bodensee geborene Sonja Sophie Kreis ist mit dem Roman «Das grosse Eis» (Rowohlt Berlin) nominiert. Die Protagonistin besucht ihren Bruder, den sie seit 40 Jahren nicht gesehen hat und der zurückgezogen in Grönland lebt.

Sie erinnert sich an die gemeinsame Kindheit. Ihre deutsche Mutter heiratete in den 50er-Jahren über die Grenze in die Schweiz, wo sie nicht willkommen war. «Mit starken Bildern und sprachlicher Präzision», wie die Jury schreibt, verwebt die Autorin die überwältigenden Eindrücke in Grönland mit den Nachkriegsjahren am Bodensee.

Die Auszeichnung ist mit insgesamt 42 000 Franken dotiert. Die Siegerin erhält 30 000 Franken. Die öffentliche Preisverleihung findet am Sonntag, 15. November 2026, im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals BuchBasel statt.

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