Liebe junge Autorinnen und Autoren, studiert bitte an der Deutschen Film- und Fernsehakademie! Lernt Drehbücher zu schreiben (statt an Literaturinstituren modische Autofiktionalität zu produzieren)! Dann lesen wir begeistert Eure spannenden, literarisch ambitionierten Romane. Es darf sogar einer mit Krimi-Zutaten sein. Also zum Beispiel Romane wie «Die Auster». Es ist das neue Buch der grandiosen Schweizer Schriftstellerin Yael Inokai, die seit langem in Berlin lebt. Mit dem legendären KaDeWe, dem Kaufhaus des Westens, hat die ausgebildete Drehbuchautorin eine Ikone der Warenhauskultur zum Schauplatz ihres so verstörenden wie betörenden Romans gewählt.
Ohne Leiche kein Krimi - diese Regel befolgt auch Yael Inokai. Aber längst nicht jede Leiche ist so spannend wie diese in «Die Auster». Und die Autorin sagt von sich selbst ja auch: «Ich habe durchaus Freude am Makabren, das Leben selbst kann immerhin sehr makaber sein.»
Wofür stehen diese abgetrennten Hände?
Und so beginnt denn auch dieser Roman: Mit einem makaber zugerichteten Toten. Doktor Bronstett, der Direktor des Warenhauses, liegt in seinem Privathaus - in einer Blutlache, beide Hände abgetrennt und verschwunden. Eine dieser Hände wird später im Fischrestaurant des Warenhauses inmitten von eisbedeckten Austern auftauchen - zum Entsetzen nicht nur der Kunden.
Inokai setzt also schon mal gekonnt detektivische Neugier in Gang: Wofür stehen die abgetrennten Hände? Rache für Missbrauch, schmutzige Geschäfte, Verbrechen? Inokai legt auf 200 Seiten solche Fährten, sehr dezent angedeutet. Die Auflösung kommt dann sehr spät und hat etwas mit Eifersucht, vor allem aber mit vielen Missverständnissen und skurrilen Lebensentscheidungen zu tun. Mehr sei hier nicht verraten.
Was geht nur in dieser stillen Putzfrau vor?
Denn im Grunde ist dieser Roman einfach eine literarisch überzeugende, subtil und bildstark erzählte Geschichte über eine ziemlich geheimnisvolle Putzfrau. Sie heisst Leonora und hat still und zuverlässig jahrzehntelang das Haus des Warenhausdirektors geputzt. Diese Leonora ist literarisch ein Glücksfall: Eine Person, die schweigsam und zurückgezogen lebt und in ihrem zwanghaften Verhalten mysteriös wirkt, öffnet alle Türen für seelische Abgründe zwischen Naivität, Verletzlichkeit und verborgener Cleverness.
Leonora hat als erste den Toten entdeckt - und bevor sie die Polizei ruft, putzt sie alle Spuren, alles Blut weg. Was geht in dieser Person vor? Sie schaut auf den Toten, er liegt am wärmsten Ort des Hauses, auf der Fussbodenheizung. Für Leonora ist diese Heizung untrennbar mit Reichtum verbunden. Nach ihrem Putztag war sie darauf jeweils barfuss spazieren gegangen. Inokai schreibt über Leonoras Gefühle: «Verlustängste haben, einen Mantel aus Kaschmir besitzen, von einer Fussbodenheizung getröstet werden». Das Bild prägt sich sofort sinnbildlich ein. Den Mantel hatte Leonora von ihrem an Aids verstorbenen Sohn geschenkt bekommen. Ins Polizeiauto steigt sie nur unter der Bedingung ein, das dort kein Duftbäumchen hängt. Man ist sofort maximal fasziniert von dieser interessanten Figur.
Eine brillante Sozialstudie aus der Unterschicht
«Die Auster» ist also viel mehr als ein Krimi. Der Roman ist vor allem eine brillante Sozialstudie. Inokai serviert uns: Den schwitzenden, an den Rändern eingetrockneten Scheiblettenkäse auf blassroter Tomate in der Kantine des Warenhauses; die Hackordnung unter den weiblichen Angestellten; die Selbstverständlichkeit, wie sich die Tochter des Direktors Privilegien herausnimmt. Das alles verstärkt die bedrückende Einsicht Leonoras, eine unsichtbare Person zu sein.
Bereits im Vorgängerroman «Ein simpler Eingriff» hatte Yael Inokai mit sicherer Hand mit der Krankenschwester Meret eine weibliche Hauptfigur gewählt, die in eine toxische soziale Hierarchie gerät. Meret assistierte einem Gehirnchirurgen, der mit riskanten Operationen «hysterische» junge Frauen ruhigstellen will - auf Wunsch der Eltern.
In Inokais Romanen siegt am Ende die Freundschaft
Auch in diesem Vorgängerroman hatte der Fussboden eine sinnbildliche Funktion: Im Gegensatz zum neuen Roman, wo die Fussbodenheizung Trost spendet, schreckten in «Ein simpler Eingriff» Merest Füsse auf dem kalten Boden ihrer Unterkunft zurück. Ein Detail, das aber das Grundgefühl der Figuren auf den Punkt bringt.
Beide Romane sind auch durch ein gemeinsames Motiv verbunden: Der Freundschaft unter Frauen, die den Hauptfiguren einen Weg aus ihrer Isolation schenkt und in beiden Geschichten eine entscheidende Wendung herbeiführt. Wobei alle Figuren erfreulich vielschichtig geschildet sind. Sogar der tote Warenhausdirektor ist kein Bösewicht, sondern ein einsamer, verschrobener Mann. Und wenn am Ende Leonoras junge Freundin zur Aufklärung des Mordfalls sagt: «Klingt für mich eher nach einem Fernsehkrimi als nach der Realität», so liest man das auch als hübsche, selbstironische Minipointe auf Inokais eigene Fernsehausbildung.
Yael Inokai: Die Auster. Roman. Hanser Berlin, 223 S.



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