Literatur

Wieso das Ende des subventionierten Theaters nahe ist

Dem Schweizer Schriftsteller Alain Claude Sulzer gelingt mit seinem Roman «Szenenwechsel» ein grandioser Abgesang auf das Theater und seine atemberaubende Schönheit und Grausamkeit.

Es gibt noch ein Leben neben der Literatur. Der Satz trifft auf wenige Schriftsteller so zu wie auf Alain Claude Sulzer. Mit ihm lassen sich wunderbare Gespräche führen, übers Kochen, den Garten oder Musik. Man fühlt sich in seiner Gegenwart nicht dazu gedrängt, immer nur übers Schreiben und über Bücher zu reden.

Tatsächlich verbringt er auch viel Zeit in der Küche, im Garten oder im Konzertsaal, was angesichts seines Outputs erstaunt: Jedes zweite oder dritte Jahr erscheint ein Werk von ihm. Er ist ein disziplinierter Arbeiter, doch man merkt seinen Texten die Anstrengung nicht an, als sei das Schreiben für ihn genauso erholsam wie das Kochen. Auch am Schreibtisch scheint er einen effizienten Dampfabzug zu besitzen, der allzu forcierte Avantgardedünste und Schweissperlen absaugt und dafür sorgt, dass eine klare, feine Sprache übrigbleibt.

Den Theaterbetrieb hautnah miterlebt

In seinem Roman «Szenenwechsel», der nächste Woche erscheint, taucht Sulzer in die Theaterwelt ein, die ihn seit seiner Jugend fasziniert: «Ich habe als ganz junger Mensch viele Stücke geschrieben, aber keines ist je gespielt oder gedruckt worden.»

Seit einem halben Jahrhundert ist er zudem mit dem Schauspieler Georg Martin Bode liiert, der an führenden Schauspielhäusern in Basel, Bochum, Bremen und Köln engagiert war. An seiner Seite habe er das Theaterleben «hautnah mitbekommen», sagt Sulzer im Gespräch mit «Schweiz heute». «da war es wohl an der Zeit, dass ich endlich einen Roman über dieses Milieu schreibe.» Auch mit der Schweizer Schauspielerin Marthe Keller ist er eng befreundet, die früh in Hollywood reüssierte.

Er verwertet reale Freundschaften aber nie zu knackiger Enthüllungsliteratur. Dafür ist Sulzer zu loyal und diskret, auch wenn er gepflegten Klatsch zu schätzen weiss. Er stellt klar: «Niemand ist im Buch eins zu eins abgebildet, obwohl sich manches darin aus Schicksalen und Lebensläufen speist, die mir persönlich vertraut sind.»

Der Held in «Szenenwechsel» ist Simon Muthesius, eine Theaterlegende, aber er tritt an keiner Stelle des Buches auf. Denn er ist soeben endgültig abgetreten – von der Leiter gestürzt beim Versuch, die Glühbirnen des Kronleuchters zu ersetzen.

Der Roman besteht aus Erzählungen über Leute aus seinem Umfeld: etwa seinen schwulen Sohn, mit dem er kaum Kontakt hatte, die Diva und den Lieblingsschauspieler seines einstigen Ensembles, die Geliebten, die Sekretärin oder die iranische Putzhilfe, die sich zur Maskenbildnerin ausbilden lässt.

Die Gedenkfeier als Showdown

Sie alle bereiten sich nun auf den Showdown vor: die Gedenkfeier für Muthesius. Nicht alle werden sie noch erleben. Und sein treuer Dramaturg, der hätte reden sollen, ist inzwischen dement. In einer der stärksten Passagen des Buches gelingt es Sulzer, behutsam aus der Optik des Dementen zu erzählen. Nur schon deswegen lohnt sich die Lektüre.

Muthesius war ein Regiegott gewesen, der noch in den gloriosen 1970er- und 1980er-Jahren inszenierte. Wie immer im Theater kamen irgendwann neue junge Wilde, die sich rücksichtslos der Bühne bemächtigten und die Alten ins Abseits schoben. Muthesius und seine Crew wurden von seinen Nachfolgern genauso behandelt, wie er in seinen rebellischen Anfängen die Vorgängergeneration behandelt hatte. Ihm blieb nur der Rückzug.

Der Roman zeigt dieses Gemetzel unter den Generationen im Theater fabelhaft auf. Die Jungen zucken allenfalls noch mit den Achseln, wenn Muthesius’ Name fällt. Die Abservierten sind überzeugt davon, dass nach ihnen der Untergang des Theaters unausweichlich ist. Was in der Gegenwart geleistet wird, interessiert sie kaum noch.

Das habe er oft in Gesprächen mit Theaterleuten beobachtet, sagt Sulzer. Die Glanzzeit sei immer diejenige, in der sie im Rampenlicht standen. In der Literatur sei das angenehm anders. Da kenne er kaum Kolleginnen und Kollegen, die einander dauernd mit der Litanei langweilen, «früher sei alles schöner und besser gewesen».

«Theaterleute müssen Opportunisten sein»

Woher kommt diese starke Identifizierung einer Generation mit der eigenen Ära? Theater lebe in Moden, heisst es an einer Stelle im Roman. Sulzer ergänzt: «Als Schriftsteller kann ich allein bestimmen, was ich mache. Im Theater aber gibt es eine enorme Abhängigkeit. Man muss mitmachen, was im Ensemble gerade angesagt ist, auf einer Linie sein mit dem Regisseur und anderen einflussreichen Leuten und dieselben Vorlieben teilen. Sonst wird man schnell ausgesiebt. Und es bleibt dann oft nur die Karriere in drittklassigen TV‑Serien. Insofern muss man im Theater auch Opportunist sein, mehr als in anderen Künsten.»

Er habe darauf geachtet, so Sulzer, dass sein Buch nicht zur pauschalen Abrechnung mit dem gegenwärtigen Theaterbetrieb gerate, «den ich viel zu wenig kenne. Da bin ich Laie, weil ich inzwischen nur noch sporadisch Aufführungen besuche. Es steht mir also nicht zu, über etwas zu urteilen, das ich nur noch aus der Ferne beobachte.»

Immerhin darf ein erfolglos gebliebener Dramatiker im Roman sagen, die heutigen Theater würden kaum noch nennenswerte Stücke hervorbringen. Stattdessen suchen sie «Textflächen oder dekonstruieren vorhandene Stücke», von denen es genug gebe. Die ganze Weltliteratur stehe zur Verfügung. Sie würden alles an sich reissen, «um es zu zerkauen, zu verschlucken, zu verdauen und auszuscheiden».

Die immer bestens informierte Sekretärin Frau Liebl fürchtet gar um die Zukunft der Bühnen: «Weniger Interesse, schrumpfende Zuschauerzahlen, gedämpfte Begeisterung, Sparmassnahmen» – alles sei rückläufig. Was unabwendbar komme, sei das Ende des subventionierten Theaters. In 50 Jahren werde es wohl «nur noch Erinnerung sein». Denkt Sulzer das auch?

«Ich kann es mir nicht anders vorstellen. Klar, es werden ein paar Bühnen in Metropolen übrig bleiben. Es gibt so viele hochsubventionierte Theater, da zweifle ich, ob die alle überleben. Ich fürchte, die heute 20-Jährigen, die lieber an ihren Handys hängen, werden kaum noch ihre Liebe zu dieser Kunstform entdecken.»

So liest sich «Szenenwechsel» wie ein hinreissender Abgesang auf die letzte Blütezeit des Theaters vor vierzig, fünfzig Jahren, als es noch gewaltige Hypes um Uraufführungen gab und man die deutschsprachigen Bühnen in aller Welt, selbst in den USA, feierte.

Auch wenn das Buch noch gar nicht erschienen ist, erfährt es schon Lob von prominenter Stelle: Der Schauspieler und Autor Matthias Brandt, Sohn von Willy Brandt ist voll des Lobs und erkennt sich darin wieder, weil Alain Claude Sulzer das «Theater als Lebensform» einzigartig darzustellen vermag, eine «Lebensform mit allen Verheissungen, Lächerlichkeiten, Grausamkeiten und dieser manchmal irren Schönheit». Tatsächlich ist Sulzer ein exzellentes Buch voller Komik und Tiefgang gelungen, irr schön und umwerfend komponiert.

Alain Claude Sulzer: Szenenwechsel. Roman. Galiani, 253 Seiten.

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Mehr zum Thema:

Kommentare (0)