Literatur

Menschenjagd auf Schweizer Boden durch SS-Schergen: Der neue Roman von Alex Capus hat einen brisanten Kern

In «Querfeldein» erzählt der Schweizer Bestsellerautor und Gastwirt  von einem Gasthof nahe der deutschen Grenze. In die arglose Geschichte schmuggelt er ein abgründiges historisches Ereignis aus der Nazizeit hinein.
Grosser Erzähler: Der Schriftsteller und Gastwirt Alex Capus (am 19. Juni 2026 in der Galicia Bar in Olten).
Bild: Christian Beutler / Keystone

Das Schweizer Grenzland ist immer wieder Literaturland: Aline Valangin und Fabio Andina erzählen von Flüchtlingen, Partisanen und Schmugglern an der Grenze zu Italien. Daniel de Roulet geht im Roman «Staatsräson» ungeklärten Todesfällen an der jurassischen Grenze zu Frankreich nach. Hansjörg Schneiders Hunkeler-Romane sind im Basler Dreiländereck angesiedelt.

Und jetzt ist Alex Capus Roman «Querfeldein» erschienen, der an der Schaffhauser Grenze zu Deutschland spielt. Er erzählt die historisch verbürgte Geschichte von Hermann Weber aus Böhmen, der Zucker, Kaffee und antifaschistische Schriften schmuggelte. Im Sommer 1933 kidnappten ihn SS-Leute aus dem Schaffhauser Grenzort Ramsen ins «Dritte Reich» und verprügelten ihn dabei schwer.

Moskau liegt in der Schweiz

Es ist nicht der einzige Entführungsfall durch die Nazis: Internationales Aufsehen erregte im Frühling 1935 die Verschleppung des prominenten deutschen Journalisten Berthold Jacob, der als Antinazi, Pazifist und Jude  fliehen musste und den die Gestapo ebenfalls aus der Schweiz in den NS-Staat entführte.

Der 65-jährige Bestsellerautor Alex Capus ist aber nicht durch harte historische Recherchen, sondern durch Zufall an den Stoff gelangt. Er stiess auf eine Ansichtskarte, die eine Beiz mit dem schrägen Namen «Gasthof zur Moskau» in Ramsen zeigt. Zu verdanken ist der Name nicht einem kommunistischen Agitator. Eher entstand er wohl durch einen Witz, denn es gab im Dorf schon einen Ortsteil, der «Petersburg» hiess.

Alex Capus: Querfeldein
Bild: zvg

Capus erzählt über weite Strecken eine fiktive Familiensaga, wie man sie in einem guten Unterhaltungsroman erwartet: Arnold, der sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlägt und beim einmaligen Glücksspiel zu Geld gelangt, errichtet beim Zoll in Ramsen den Gasthof zur Moskau. Bald lernt er eine amazonenhafte Frau namens Betty kennen. Sie haben acht Kinder zusammen.

Und 1933 strandet eben jener Schmuggler Hermann Weber im Gasthof, was historisch nachgewiesen ist. Im Roman verliebt sich Weber in die freiheitsliebende älteste Tochter der Wirtsleute. Doch ihr Glück können die beiden nicht lange geniessen, weil sich drei Nazis auf das Grundstück schleichen und Hermann mit Gewalt nach Deutschland verschleppen.

Ein kleines Dorf erhebt sich gegen die Nazis

Diese Tat und vieles, was nun folgt, hat sich tatsächlich so zugetragen, und Alex Capus hat im Bundesarchiv in Bern, im Deutschen Bundesarchiv in Berlin und im Staatsarchiv des Kantons Schaffhausen die entsprechenden Dokumente studiert. Die Wirtsleute und das ganze Dorf lassen sich die Tat nicht gefallen und erheben sich gegen die nördliche Grossmacht. Eine typische Asterix-Konstellation, die Capus interessiert hat.

Man mobilisiert immer mehr Behörden, Politiker und Organisationen bis hinauf zum Bundesrat, und die meisten halten es für skandalös, dass marodierende Nazi-Banden in der Schweiz auf Menschenjagd gehen. Diese eklatante Verletzung der Neutralität ist nicht hinzunehmen. Die Schweiz droht, ihre Zusage zur Teilnahme am propagandistisch gross aufgezogenen Reichsparteitag in Nürnberg zurückzuziehen.

Das will das NS-Propagandaministerium nicht riskieren, weil dann auch andere Länder ihre Teilnahme überdenken könnten. Man entlässt Hermann Weber aus der Haft in Konstanz und übergibt ihn den Schweizer Behörden, die ihn dann ihrerseits wegen politischer Umtriebe wieder des Landes verweisen und in sein Wunschland Frankreich abschieben.

Zumindest im Roman darf Hermann auf direktem Weg über die grüne Grenze wieder in die Schweiz und zu seiner Liebsten nach Ramsen zurückkehren. An der Geschichte kann Alex Capus eindrucksvoll zeigen, wie der Einzelne nicht ohnmächtig bleiben muss, wie Familienzusammenhalt und eine lebendige Dorfgemeinschaft etwas bewirken können.

Eine Pointe, die dem Gastwirt Capus sicher gefällt, ist, dass eine Dorfgemeinschaft eben Orte wie den Gasthof zur Moskau braucht, um sich austauschen zu können und lebendig zu sein. In «Querfeldein» gelingt es dem Autor fabelhaft, einen ernsten historischen Stoff mit allen Ingredienzen eines höchst vergnüglichen Bestsellerromans anzureichern.

Alex Capus: Querfeldein. Roman. Hanser, 286 Seiten.

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