Wie aus heiterem Himmel ist ein bislang unveröffentlichtes Werk von Hermann Burger erschienen, das in der Unterwelt spielt. Das Stück heisst «Die Scheintoten». Der Autor arbeitete in seinen letzten Jahren daran, als er dank seiner Prosawerke auf der Höhe seines Ruhms stand und einen Ferrari nach dem anderen erwarb, zugleich aber immer wieder in schwere manische Depressionen versank, die Klinikaufenthalte und «Anstaltsdämmer» notwendig machten. In diesen Krankheitsphasen muss sich Burger selbst wie ein Scheintoter vorgekommen sein.
Im Stück lässt er einen Schriftsteller namens Stocker nach einem Suizid in ein merkwürdiges Schattenreich gelangen, das lediglich «Kalte Herberge» heisst und unter einem Friedhof liegt. Am 28. Februar 1989 starb Burger dann im Pförtnerhaus von Schloss Brunegg in Lenzburg, wo er damals wohnte. Ebenfalls ein Suizid. Die Parallelen zwischen Stocker und Burger sind auch sonst offensichtlich: Beide stammen aus Burg im Kanton Aargau, auch Stocker wohnte zuletzt auf Schloss Brunegg und hat ein Werk mit dem Titel «Tractatus logico-suicidalis» verfasst.
Es ist ein grotesk durchgeknalltes Stück
Im Stück variiert Burger manche Themen seiner Prosabücher: Der «Scheintod» spielt bereits im Meisterwerk «Schilten» eine Rolle. Das Zauberer-Motiv kennen wir aus «Diabelli». In den «Scheintoten» herrscht eine Urmutter namens Melitta, die an Burgers grossartiges Buch «Die künstliche Mutter» erinnert.
Es ist ein grotesk durchgeknalltes Stück voll Slapstick: Gleich zu Beginn saust ein Sarg auf die Bühne, in dem Stocker liegt, mit Rosenkränzen gefesselt. Zum Personal gehören weiter ein Formel-1-Fahrer, eine Gräfin und ein Zauberer. Alle wollen sie diesem Unterwelt-Etablissement, einer Mischung aus Klinik, Bordell und Metrostation, entkommen und ins richtige Leben zurückkehren. Doch so einfach ist das nicht, wie Stocker erfahren muss.
Diese Unterwelt ist weder Hölle noch Nirwana
Burger betont, es handle sich weder um die Hölle wie in Sartres Drama «Bei geschlossenen Türen» noch um ein Nirwana, obwohl manches in dieser Unterwelt an einen Puff erinnert. Sex ist unbeschränkt möglich, aber, so Burger, «man spürt nichts dabei, weil auch die Liebe todesdeterminiert ist». Was den Genuss betrifft, erfüllt die Küche jeden Wunsch, ohne dass man satt wird. Es handelt sich um ein Zwischenreich: Die Figuren sind zwar gestorben, spielen aber ihre Lebensrollen unter Tag weiter.
Man merkt dem Stück an, dass Burger ein unbändig virtuoser Sprachkünstler ist, aber keine Erfahrung als Theaterautor hat. Das Schauspielhaus Zürich interessiert sich zwar für das Stück. Der Dramaturg Peter Rüedi gibt Burger jedoch zu bedenken, dass bei einer notwendigen Überarbeitung die «Leitidee der Ökonomie» im Vordergrund stehen müsse. Aber Burger hat dann in den letzten Monaten seines Lebens hauptsächlich seine Tabak-Tetralogie im Kopf, deren erster Band «Brenner» Anfang März 1989, wenige Tage nach seinem Tod, erschienen ist.
So bleibt dieses irrwitzige Textungetüm «Die Scheintoten» unaufgeführt und unveröffentlicht im Nachlass liegen. Nur ein Destillat des Stücks hat der Regisseur Fritz Zaugg 1995 am Aarauer Theater Tuchlaube einmal als Collage inszeniert.
Vor vier Jahren hat der Literaturwissenschaftler und Burger-Experte Thomas Strässle anlässlich von Hermann Burgers 80. Geburtstag in den Zeitungen von CH Media gefragt: «Wer führt endlich sein einziges Theaterstück auf?» In diesem «überdrehten Reigen» führe Burger noch einmal alle Motive vor, die sein Werk prägen.
Nun ist das liegen gebliebene Werk mustergültig von Simon Zumsteg ediert worden, sodass man nachprüfen kann, ob das Stück wirklich unspielbar ist. Es wäre sicher ein Effort erforderlich, den sich bis jetzt kein grosses Theater leisten konnte oder wollte. In seiner jetzigen Form überfordert das Stück mit seinen Fremdwörtern und Fachsimpeleien aus Medizin, Psychiatrie, Rennsport und Kulturgeschichte wohl jedes Theaterpublikum.
Hermann Burger: Die Scheintoten. Stück in 13 Bildern. Mit einem Kommentar von Simon Zumsteg. Nagel und Kimche, 302 Seiten.




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