Kettenreaktion

«Ed Sheeran ist ein Feigling» – steht jetzt seine Tour vor dem Kollaps?

Macklemore wurde nach seinem «Free Palestine»-Auftritt aus Ed Sheerans Tour geschmissen. Plötzlich geht es aber nicht mehr nur um Musik, sondern um Meinungsfreiheit. Was Greta Thunberg und Kanye West damit zu tun haben.

In wenigen Tagen wurde aus Ed Sheerans «Loop»-Tour eine beispiellose Kontroverse um Meinungsfreiheit, Politik und Solidarität. Macklemores «Free Palestine»-Auftritt löste eine Kettenreaktion aus und nachdem der US-Rapper aus der Tour geschmissen wurde, steigen plötzlich alle anderen Vorgruppen freiwillig aus.

Der Auslöser: Zwei Worte brachten alles ins Rollen

«Freiheit für Palästina!», rief Macklemore bei seinem Auftritt auf Sheerans Tour und zeigte zu seinem Protestsong Bilder der Zerstörung in Gaza. Sofort reagierten proisraelische Organisationen. Sie warfen ihm auf Instagram vor, die Zuschauer mit «antisemitischer Propaganda» zu überfallen. Sängerin Pink teilte den Post, weil seine Worte ihr als «jüdische Mutter Angst gemacht» hätten.

Der US-Rapper betonte beim zweiten Konzert: «Kritik an der israelischen Regierung ist keine Kritik an jüdischen Menschen.» Trotzdem wurde er kurz darauf als Vorgruppe entfernt.

In einem Statement heisst es gegenüber «Rolling Stone»: «Als Konzertveranstalter von Ed Sheerans US-‹Loop›-Tour wurden wir von den Veranstaltungsorten der bevorstehenden US-Termine informiert, dass sie kein Konzert mit Macklemore im Line-up zulassen würden.»

Macklemore fliegt raus – aber Kanye darf bleiben?

Macklemore meldete sich in einem ausführlichen Instagram-Post zu Wort – und hielt sich nicht zurück. Er betonte: Weder er, noch Sheeran oder Pink seien Opfer: «Wir haben Karrieren, Geld, Möglichkeiten, Sicherheit und ein Publikum auf der ganzen Welt.» Sie müssten alle keine ernsthaften Konsequenzen befürchten. Anders als «die wahren Opfer», die palästinensischen Menschen.

Trotz 13-jähriger Freundschaft mit Ed Sheeran, den er als «Bruder» betrachte, stellte er klar: «Sich zu weigern, Partei zu ergreifen, macht einen nicht neutral.» Macklemore beendete seinen Post mit der erneuten Forderung «Free Palestine» und schrieb: «Wenn diese Worte mich die Bühne kosten, aber die Diskussion wieder auf Palästina lenken, dann war es die erfolgreichste Tour, die ich je mitgemacht habe.»

Der Rapper gab Sheeran trotz dessen «unpolitischer» Haltung keine Schuld, sondern erklärte, dass der Sänger unter Druck stand. Robert Kraft, Milliardär und Besitzer des Gillette Stadiums in Massachusetts, wo Sheeran als Nächstes auftreten sollte, habe andere Stadion-Besitzer mobilisiert: «Sie haben ihm ein Ultimatum gestellt: Wenn Macklemore auf der Tour bleibt, darfst du nicht in unseren Veranstaltungsorten spielen.»

Kraft, der jüdischer Herkunft ist und seit langem Israel unterstützt, bezog Stellung. Macklemores Äusserungen seien «tiefgreifend beleidigend und verletzend für die jüdische Gemeinschaft». Darum sollte er nicht mehr auftreten dürfen.

Doch genau das finden manche «verdammt absurd». In mehreren Kommentaren heben User hervor, dass Kanye West in diversen Stadien auftreten darf, die Macklemore nun gecancelt haben.

«Ein Mann, der den Song ‹Heil Hitler› veröffentlicht und sich selbst als Nazi bezeichnet hat, ist uneingeschränkt willkommen. Der Mann, der ‹Freiheit für Palästina› sagte, ist es nicht», schreibt der US-Journalist Jemele Hill. Zusätzlichen Zündstoff bekommen Kommentare, weil Kraft mehrmals in den Epstein-Akten vorkommt.

Jetzt gibt auch Ed Sheerans Beziehung zu Kraft zu reden. 2022 sang er an der Hochzeit des Milliardärs und erzählte danach, er habe ein «wunderbares Verhältnis» zu ihm: «Ich meine, seines war das erste Stadion, in dem ich jemals in den USA aufgetreten bin.»

Greta Thunberg zeigt Flagge

Sheeran wird heftig kritisiert. Für sein tagelanges Schweigen und das Statement, in dem er auf «die Entscheidung des Veranstalters» verwies und schrieb: «Ich bin nicht mitschuldig. Ich habe meine persönliche Meinung zu diesem verheerenden Konflikt. Nur weil ich mich nicht öffentlich äussere, heisst das nicht, dass es mir egal ist.»

Das kommt online nicht gut an. Als eine der ersten prominenten Stimmen reagierte Greta Thunberg. Unter einem Post von Sheeran wiederholte sie Macklemores Worte «Free Palestine» und postete eine palästinensische Flagge dazu. Genauso wie zahlreiche andere, die von Sheeran «enttäuscht» sind.

US-YouTuber Philip de Franco wird deutlich: «Ed Sheeran ist ein Feigling.» Seine Aussage zeige nur, dass er für nichts stehe. «Hast du Angst, junge Leute zu verärgern, indem du sagst, dass Völkermord schlecht ist?», fragt er auf Sheerans Argument, dass an seinen Konzerten viele junge Zuschauer seien.

Dass der Sänger das Ganze als «Konflikt» beschreibt, sorgt ebenfalls für Diskussionen: «Nenn es, wie es ist», fordert jemand und schreibt: «Es ist ein Genozid, genau wie es die Vereinten Nationen, Ärzte ohne Grenzen, Amnesty International und zahlreiche Experten bestätigen.»

In einem anderen Kommentar glaubt jemand, dass Sheeran das Debakel hätte verhindern können: «Er ist die verdammte Hauptattraktion. Ohne ihn gibt es keine Show, doch er nutzte seinen Einfluss nicht.»

Der Super-GAU: Alle Vorgruppen steigen aus

Zuletzt kam der mögliche Todesstoss für Sheerans Tour: Plötzlich stiegen sämtliche übrigen Vorgruppen der US-Tour aus und solidarisieren sich mit Macklemore. «Künstler dürfen nicht zum Schweigen gebracht werden, wenn sie sich für die Unterdrückten aussprechen», schrieb Finneas, der Bruder von Billie Eilish.

Der irische Sänger Aaron Rowe dankt Ed Sheeran für seine Freundschaft, aber «wir Iren kennen uns nur allzu gut mit Völkermord, erzwungener Hungersnot und gewaltsamer Besatzung aus.» Damit nimmt er Bezug auf die jahrhundertelange Unterdrückung von England gegenüber der irischen Bevölkerung. Weiter schreibt er: «Ich kann nicht tatenlos zusehen, wie Milliardäre ihre Macht nutzen, um die Stimmen derer zum Schweigen zu bringen, die sich wehren.»

Der dänische Sänger Lukas Graham postete: «Es tut mir leid, dass wir nicht dabei sein werden. Dies ist eine schwere Entscheidung, aber eine, zu der ich stehen muss.» Und sogar Sheerans Tourband, Beoga, will nicht mehr mitmachen: «Wir waren bei Macklemores Auftritt und haben seine Botschaft voll unterstützt, ebenso wie die meisten Zuschauer.»

Mit diesem enormen Dominoeffekt hat wohl niemand gerechnet. Ohne Vorgruppen, mit wachsendem Druck von allen Seiten und einer gespaltenen Fanbase könnte die ganze Tour ins Wasser fallen.

Auch diese Promis sprechen sich gegen Ed Sheerans Reaktion aus:

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