Serie «Entdeckungen»

Kunsthaus Zug: Ein Brief als späte Würdigung einer Luzerner Künstlerin

Unsere Sommerserie zeigt Entdeckungen in Zentralschweizer Museen. Diesmal geht es ins Kunsthaus Zug und zu einem liebevollen Brief.

Eigentlich wollen wir nur ein Kunstwerk sichten, das in der Ausstellung «Träumende Dinge» gezeigt werden soll. Im Depot des Kunsthaus Zug öffnen wir mehrere Kisten. Vorsichtig kommen die Einzelteile zum Vorschein: eine Art zerbrochene Vase, daneben Äste, die die Künstlerin künstlerisch erweitert hat. Zusammen ergeben sie Josephine Trollers namenloses Objekt, das im Museum schlicht «Bäumchen» genannt wird – und aussieht, als wäre es einer mystischen Märchenwelt entsprungen.

Am Werk hing einst ein Brief

Was für ein wunderbares Werk! Doch beim Vergleich mit älteren Fotografien fällt auf: An einem der Äste hing einst ein Dokument, das sich bei der ersten Durchsicht der Kisten nicht auffinden lässt. Worum es sich handelt, ist nicht zu erkennen.

Josephine Trollers «Bäumchen» mit dem Brief.
Bild: zvg

Ein Blick in die Sammlungsdokumentation löst das Rätsel. Es ist ein persönlicher Brief des legendären Kurators Jean-Christophe Ammann an die Künstlerin. Anlass war ihr 90. Geburtstag im Jahr 1998. Offenbar schätzte Troller die Zeilen so sehr, dass sie den Brief direkt an ihrem Kunstwerk befestigte.

«Vor 29 Jahren sind wir uns erstmals begegnet. Damals warst Du 61, und wie jung Du warst», schrieb Ammann. Seine Zeilen sind voller Zuneigung und Bewunderung. Gleichzeitig schwingt Bedauern mit, dass Josephine Troller lange nicht die Anerkennung erhielt, die ihr zustand. «Wir waren es, die Jüngeren, die deine Jugendlichkeit und die mystische Frische deiner Bilder zu lieben und zu schätzen wussten.» Als sich die beiden kennenlernten, war Ammann 30 Jahre alt – und damit 31 Jahre jünger als die Künstlerin.

Lange als Sonntagsmalerei einer Amateurin abgetan

Josephine Troller (1908–2004) gehörte zu den eigenwilligsten Künstlerinnen der Zentralschweiz. Nach ihrer Ausbildung zur Modistin führte sie ab 1946 ein Hutatelier in Luzern, bevor sie sich autodidaktisch der Kunst widmete. Ihre poetischen, traumhaften Bildwelten wurden lange als naive Sonntagsmalerei einer Amateurin abgetan. Erst in den 1970er-Jahren änderte sich diese Sichtweise. Ammann, damals Direktor des Kunstmuseums Luzern, gehörte zu ihren wichtigsten Förderern.

Filigranes Kunstwerk von Josephine Troller.
Bild: zvg

Ammann besass selbst Werke der Künstlerin, die er um keinen Preis missen wollte. «Nicht weil sie Erinnerungsstücke sind, sondern weil sie LEBEN!», bekräftigte er. Wie fantasievoll und frisch Trollers Werk bis heute wirkt, zeigt die aktuelle Ausstellung «Träumende Dinge», die noch bis zum 27. September im Kunsthaus Zug läuft. Troller ist neben Künstlerinnen wie Heidi Bucher, Miriam Cahn, Meret Oppenheim, Hannah Villiger, Ilse Weber und vielen weiteren vertreten.

Selbstbildnis von Josephine Troller (1977).
Bild: zvg

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